Schon die Auffahrt zum Grundstück ist von einem ungewöhnlichen Begleiter gesäumt: Ein Schild in fremder Sprache, Serbokroatisch, begrüßt den Gast. "Ne prilazite" steht da. Übersetzt: Bloß nicht weitergehen. Ein Totenkopf verweist auf Gefahr. Genauer gesagt: auf Minen.
Sprengfallen in Ködnitz? Thomas Vogt schüttelt den Kopf. Ein Mitbringsel aus Kroatien, zum Glück ohne die Ursprungsbedeutung - aber nicht von irgendwoher: Das Schild warnte einst unterhalb des Tulove Grede vor verbuddelten Todbringern aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg. Mitten im Filmset der Karl-May-Streifen aus den 1960er-Jahren.
Tulove Grede - Kroatien-Kenner und Kinofreaks schnalzen gleichermaßen mit der Zunge. Den steilsten Zahn im Mali-Alan-Massiv, ein explosiver Faltenwurf der Natur mit den weißgekalkten Felsformationen, haben den Harald-Reinl-Western jene unverkennbare Kulisse verliehen, in denen sich Winnetou und Old Shatterhand die Blutsbruderhand reichten. Der Bruderkrieg im ehemaligen Jugoslawien hatte aus der idyllischen Kulisse eine Todeszone gemacht. Die "Grüne Wiese" etwa, auf der in "Winnetou III" die Kavallerie zur Befreiung der Apatschen heranprescht, war lange vermint.


Auf explosivem Terrain

Thomas Vogt war einer derjenigen, die sich 15 Jahre nach Ende des Blutvergießens auf das Plateau vorwagten - geführt von einem gewissen Tomislav Maruna, Mitglied einer kroatischen Spezialeinheit. "Kaum zu glauben, dass bis 1995 hier die Frontlinie verlief", sagt Thomas Vogt und blickt auf eines der vielen Fotos, die er erstmals 2002 vor Ort geschossen hat - damals noch mit mulmigem Gefühl in der Bauchgegend.

Zu 80 Prozent, schätzt er, ist das Gelände mittlerweile von den Sprengfallen befreit. "Es ist immerhin tröstlich, dass dort unten noch kein Karl-May-Anhänger umgekommen ist."

Sicheres Terrain betritt derzeit auch die RTL-Crew, die 50 Jahre nach den Originalen die Geschichten um die edle Rothaut Winnetou und seinen weißen Freund in eine neues Filmgewand kleidet. Drei Teile auf einmal dreht der Privatsender, unterstützt von der damals federführenden Produktionsfirma Rialto. Ein perfekter Grund für Thomas Vogt, zum zwölften Mal die Mammut-Autofahrt nach Kroatien auf sich zu nehmen. Zumal er dank seiner guten Kontakte in die Szene einen Tag am Filmset verbringen kann.

Das RTL-Team hat sich unterhalb eines Bergrückens positioniert namens "Schlafender Indianer" - passend aufgrund der Ähnlichkeit des Zackens mit einer dösenden Rothaut. Der "neue" Winnetou, verkörpert von Nik Xhelilaj, sitzt gerade am Lagerfeuer. Der gebürtige Albaner schlüpft in verflixt große Mokassins, ebenso Wotan Wilke Möhring, der Old Shatterhand mimt. Thomas Vogt beguckt sich Aufnahmen vom Set. "Mit seiner Frisur ähnelt Möhring eher dem echten Karl May."

Mit dem Remake kann sich der Ködnitzer, der die Reinl-Filme verehrt, durchaus anfreunden. "Was ich bisher sehen konnte, ist sehr gut gemacht. Natürlich kann man sich daran stoßen, dass die Hauptdarsteller andere Typen oder die Apatschen anders gekleidet sind. Man sollte die neuen Teile als eigenständige Werke sehen."
Im Fernsehen läuft die Trilogie an Weihnachten 2016. Wiedererkennunsgwerte gibt es freilich viele, weiß der 47-Jährige. Dazu zählt die unvergleichliche Musik von Martin Böttcher, die neu arrangiert werden soll. Und natürlich werden die Landschaftsaufnahmen dazu beitragen, die Erinnerung wie im Videorekorder ein halbes Jahrhundert zurückzuspulen.


Ein touristischer Schatz

Um sich den Tulove Grede oder den Zrmanja-Fluss (der filmgewordene Rio Peco, an dessen karstigem Ufer das Apatschen-Pueblo stand) zu besehen, braucht es keine besondere Zugangsberechtigung. Wer sich von Zagreb aus Richtung Split auf den Weg macht, passiert die weltberühmten Schauplätze. "Die kroatische Regierung hat erst langsam erkannt, welchen touristischen Schatz das Land dort beherbergt", sagt Thomas Vogt. Besonders geschützt aber sei die Region nicht. "Man merkt jedoch, dass die Besucherströme anschwellen. Die Plitvicer Seen meide ich mittlerweile, da ist der Massenandrang zu gewaltig."
Es ist möglich, so der Ködnitzer, sich auf eigene Faust auf Winnetous Spur zu begeben. "Die Autobahn führt direkt durch das Velebit-Gebirge." Im kleinen Ort Starigrad gibt es das "Hotel Blue Sun Alan", wo man entsprechende Drehort-Touren buchen kann.


Vor und hinter der Kamera

Thomas Vogt war "gefühlt schon 40 Mal" auf dem Tulove Grede. Vor mittlerweile elf Jahren hatten er und einige Gleichgesinnte nicht nur leichtes Marschgepäck dabei, sondern eine komplette Filmausrüstung plus Kostüme. Für ihr Fanprojekt "Der Schatz der Marikopas" mussten es natürlich die Orte sein, an denen neben Brice und Barker einst auch Ralf "Sam Hawkins" Wolter und Stewart "Old Shurehand" Granger vor den Kameras der Rialto-Produktion agierten. Als Zuschauer des RTL-Drehs bekam Thomas Vogt, wie er sagt, wieder Lust, in die Rolle des Regisseurs zu schlüpfen. "Bei einer 15-Millionen-Euro-Produktion sind die Möglichkeiten natürlich ganz andere."