Am Donnerstag um 8.03 Uhr ist Hilda, die Tochter von Lisa und Ralph Kreuser, zur Welt gekommen. Nicht in Kulmbach, wo die Geburt eigentlich stattfinden sollte, sondern in Bamberg. Warum der Ortswechsel? Weil die Geburtsstation in Kulmbach kurzfristig geschlossen worden war, nachdem sich fünf der neun fest angestellten Hebammen krankgemeldet hatten. Nicht Corona-bedingt, wie Geschäftsführerin Brigitte Angermann betont, die sich zum Grund der ungewöhnlichen Krankheitshäufung auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußerte. Die für die nächsten Tage zur Entbindung angemeldeten Frauen wurden laut Angermann persönlich informiert und darum gebeten, sich an umliegende Geburtskliniken zu wenden.

Die Nachricht kam überraschend

Die Nachricht hat so manche Mutter, die in freudiger Erwartung war oder noch ist, überrascht, denn die Geburtsstation bleib bis einschließlich Sonntag geschlossen. "Wir haben davon am Mittwoch gegen halb 2 erfahren und waren anfangs schon geschockt", sagt Lisa Kreuser, die die kleine Hilda nun auf der Entbindungsstation im Bamberger Klinikum in den Armen hält.

Eile war Mittwochnachmittag bei der Suche nach einer Ersatz-Klinik geboten, "weil wir wussten, dass es nicht mehr lange dauern wird", sagt die 29-jährige Hollfelderin. "Wir haben in Bamberg angerufen. Dort war die Entbindungsstation voll belegt, man hat mich aber aufgenommen, wohl auch, weil der eigentliche Entbindungstermin schon am Dienstag war." Lisa Kreuser spricht von einer komischen Situation, "weil ich schon darauf eingestellt war, dass ich auch mein zweites Kind in Kulmbach bekomme".

Keinen Ersatz gefunden

Dass der Kreißsaal geschlossen werden musste, bedauert Brigitte Angermann. Mit den vier übrig gebliebene Hebammen könne man den Drei-Schicht-Betrieb aber nicht sicherstellen, zumal ein Teil des Personals auch nur Teilzeit arbeite, betont die Klinikum-Geschäftsführerin. Man habe versucht, freiberufliche Hebammen als Ersatz zu gewinnen. "So kurzfristig konnte aber niemand einspringen." Nur absolute Notfälle würden seit Mittwoch behandelt, geplante Kaiserschnitte durchgeführt, sagt Angermann, die hofft, dass sich der Personalengpass entspannt und ab kommendem Montag wieder Geburten in Kulmbach stattfinden können. Der Ausfall der Hebammen kam für sie zwar überraschend, macht aber deutlich, wie angespannt die Lage in der Geburtshilfe ist. Und das nicht nur in Kulmbach. Wie der Deutsche Hebammenverband mitteilt, mussten seit 2015 mehr als 50 Kreißsäle in Deutschland schließen, weil es an Hebammen mangelt oder weil sich Geburten für Kliniken finanziell nicht mehr lohnen.

Mehr Geburten als im Rekordjahr

Am Kulmbacher Klinikum verzeichnet man eine deutliche Zunahme an Geburten. Im bisherigen Rekordjahr 2020 kamen 801 Jungen und Mädchen zur Welt, und 2021 ist noch mit einer Steigerung zu rechnen. Bis zum 16. März fanden im vergangenen Jahr 131 Geburten statt, im gleichen Zeitraum 2021 sind es schon 182. Die Zunahme lässt aber auch erahnen, wie stark gefordert Hebammen sind, für die die Klinikum-Geschäftsführung keine personelle Unterstützung findet. "Wir würden sofort zwei oder drei Hebammen fest anstellen", erklärt Brigitte Angermann, die betont, dass es sehr schwer ist, neue Kräfte zu gewinnen. Zwar gebe es viele freiberuflich Tätige, die sich um die Vor- und Nachsorge kümmern, bei der Geburtshilfe in den Kranken- und Geburtshäusern existierten aber gewaltige Engpässe. Die immer wieder auch andere oberfränkische Häuser zu spüren bekommen. In Münchberg wurde die Entbindungsstation vor Jahren sogar geschlossen.

Ab Montag wieder besetzt

Was sicherlich viele Mütter, die vor der Entbindung stehen, freuen wird: Brigitte Angermann teilte gestern Nachmittag mit, dass eine Lösung für die kommende Woche gefunden wurde. Ab Montag, 12 Uhr, ist der Kreißsaal in Kulmbach wieder regulär besetzt.

Der unerwartete Abstecher

Ralph Kreuser wird da seine Frau Lisa und Tochter Hilda wohl schon wieder nach Hause gebracht haben: nach einem Abstecher zur Entbindung in seine eigene Geburtsstadt Bamberg, der so eigentlich nicht geplant war.