Für diese Behandlung allerdings werde viel Expertise benötigt, und auch eine Stroke-Unit, also eine spezielle Station für Schlaganfallpatienten, werde benötigt. „Deswegen ist das nicht überall zulässig. Hier bei uns in der Region wird die Zulassung für Kulmbach die Situation dieser besonders schwer betroffenen Patienten deutlich verbessern“, erläutert Professor Schulte-Altedorneburg. Ohne die sehr teure biplanare Angiographie-Anlage könne die Behandlung nicht durchgeführt werden. Außerdem werden Katheter benötigt. Die besonders kleinen sind unter einem Millimeter groß. „Damit kann man auch in kleinste Hirnarterien vordringen.“
Der Facharzt für Neuroradiologie wendet die Thrombektomie bereits seit 2006 an. Die Zahl der Behandlungen, die er schon durchgeführt hat, könne er nicht mehr benennen. „Ich hatte das Glück, dass ich dabei war, als diese Art der Therapie zunächst als experimentelle Therapie ihre Anfänge genommen hat.“ Offiziell zugelassen und in die Leitlinien eingegangen sei die Behandlung seit 2015, informiert der Mediziner und berichtet, dass die offensichtlichen Erfolge, belegt in Studien, dazu erheblich beigetragen haben. Auch die Werkzeuge, die zum Einsatz kommen, haben sich in jüngster Zeit immer weiter und ganz erheblich verbessert.
„Das schafft ebenfalls wieder einen Zeitgewinn. Am Anfang waren es fünf, manchmal sogar sieben Durchgänge, bis das Gerinnsel entfernt war. Heute schafft man das oft in nur einem oder zwei Durchgängen.“ Bedenke man, dass ein Durchgang etwa 15 Minuten Zeit erfordert, könne man abschätzen, wie positiv sich das für den Betroffenen auswirkt. Ziel sei es immer, das Gerinnsel schnellstmöglich aus der Gehirnarterie herauszuziehen. „Die Indikation geht dabei immer weiter. Wir gehen in immer kleinere Arterien hinein und behandeln auch Fälle, die wir vor zehn Jahren nicht behandelt hätten.“
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Dank der Thrombektomie können viel mehr Schlaganfallpatienten wieder in ein selbstständiges Leben zurückkehren, weiß Schulte-Altedorneburg. Patienten, die sonst wahrscheinlich auf Pflege angewiesen wären, können sich selbst versorgen. Manche können sogar wieder ins Arbeitsleben integriert werden. „Das ist unser Ziel. Es zu schaffen, Patienten möglichst unabhängig wieder ins Leben zu entlassen.“ Dass mit Professor Neuberger aus Heidelberg nun noch ein zweiter Facharzt nach Kulmbach kommt, sei ein weiterer wichtiger Schritt. „Wir sind dabei, auch noch mindestens einen dritten Kollegen einzuarbeiten.“
Geschäftsführerin Brigitte Angermann erklärt die wichtigsten Voraussetzungen für diese Zulassung. Rund um die Uhr muss im Notfall ein Neuroradiologe dienstbereit sein. Bei der technischen Ausstattung ist unter anderem eine sogenannte biplanare Angiographie-Anlage angeschafft worden. Allein diese Investition hat nach Angaben der Geschäftsführerin rund 1,5 Millionen Euro gekostet. Die Anlage sei bereits im vergangenen Jahr in Betrieb genommen werden.
„Wir wollen eine umfassende Schlaganfallversorgung in der Region anbieten und sind überzeugt, dass es wichtig ist, nun einen weiteren Standort für Thrombektomie in Oberfranken zu haben.“ Auch nach der Pandemie komme es weiterhin in Krankenhäusern nicht selten vor, dass Intensivbetten knapp sind und Häuser an ihre Kapazitätsgrenzen kommen. Nicht nur ein Neuroradiologe mit seinem Team werde für diese lebenswichtige Behandlung gebraucht, sondern auch ein Anästhesist und eben ein Intensivbett. „Da ist es umso besser, wenn man noch ein weiteres Haus in unmittelbarer Nachbarschaft verfügbar hat.“
Dass es Kulmbach als eines von 32 Häusern im Freistaat geschafft hat, diese Zulassung zu erhalten, sieht Landrat Klaus Söllner, Zweckverbandsvorsitzender des Klinikums Kulmbach, als ganz großen Fortschritt an. „Das ist etwas Außergewöhnliches und ein deutlicher Fortschritt in der Schlaganfallversorgung.“ Kulmbach habe, um den betroffenen Menschen effektiv helfen zu können, schon 2012 seine Stroke-Unit in Betrieb genommen und damit viel Gutes bewirken können. „Das wir nun die Zulassung als Thrombektomie-Standort bekommen haben, hebt uns natürlich in eine vollkommen neue Dimension. Das freut mich für alle Patienten, die davon profitieren können.“