Die Zahlen des Bundesverbands für E-Commerce und Versandhandel Deutschland - kurz BEVH - sind für die lokalen Einzelhändler alarmierend. Der Online-Handel hat während der Corona-Krise um 41 Prozent zugelegt und kann jetzt einen Umsatz von 6,9 Milliarden Euro verbuchen.

Auch Online-Apotheken profitierten von der Angst der Menschen, nach draußen zu gehen und sich anzustecken. Der Umsatz kletterte hier im vergangenen Jahr um 34 Prozent auf 911 Millionen Euro.

"Silver-Surfer" die größte Gruppe

Auch ältere Menschen haben längst die Scheu vor dem Internet verloren. So wagte zu Beginn der Pandemie nur ein Fünftel der über 60-Jährigen den Kauf im Internet, inzwischen ist bereits jeder dritte Online-Kunde über 60 Jahre alt. Damit machen die "Silver-Surfer" die größte Kundengruppe aus, gefolgt von den 50- bis 59-Jährigen, sagt der BEVH.

Hans-Peter Hubmann, der mehrere Apotheken in Kulmbach betreibt, kann trotz dieser Zahlen nur mit den Schultern zucken. Der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbands sieht die Situation gelassen. Das liegt daran, dass er als geborener Optimist auf die Vernunft der Käufer vertraut.

"Die Apotheken hatten während der Pandemie immer offen. Sie haben sofort umfassende Sicherheits- und Hygienepläne eingehalten. Ich glaube, dass die Abwanderung ins Internet nur für bestimmte Zweige gilt. Für die Sofortversorgung sind die Versandapotheken nichts", erklärt Hubmann seine Position. Noch immer seien die niedergelassenen Apotheken in punkto Lieferzeiten unschlagbar.

Botendienst und zügige Bestellung

"Für uns Apotheken ist die Lieferung am selben Tag der Bestellung schon lange selbstverständlich", sagt er. Nur die lokalen Apotheken böten zudem einen Botendienst an. Und nur sie würden eng mit Ärzten zusammenarbeiten.

"Man darf trotzdem den Trend nicht unterschätzen, denn natürlich hat sich einiges umverteilt", räumt Hubmann ein. Vor allem die Apotheken in den Zentren der Großstädte und Häuser, die sich am Preiskampf beteiligen, hätten unter dem Online-Trend zu leiden. "Auch Apotheken, die von Laufkundschaft und von Touristen leben, haben enorme Umsatzrückgänge hinnehmen müssen." Durch die erhöhten Hygiene-Maßnahmen seien zudem grippale Infekte, Grippe- und Magen-Darm-Erkrankungen quasi ausgeblieben. Der Erlös aus diesen Medikamenten fehle natürlich.

"Online-Apotheken locken mit Niedrig-Preisen. Manche Kunden machen dann Sammelbestellungen. Aber das ist widersinnig", kommentiert Hubmann. Denn Arzneimittel auf Vorrat zu bestellen, habe meistens nur einen Effekt  "Wenn sie benötigt werden, sind sie abgelaufen und müssen entsorgt werden."

"Qualifizierte Schnelltests vor Ort"

Ein Apotheker rate auch mal von einem Medikament ab, "denn man sollte immer so wenig wie möglich einnehmen und nur so viel wie nötig", erklärt der Fachmann. Wichtig ist für ihn auch, dass der heimische Apotheker die Patienten teils über viele Jahre kennt und oft auch Wechselwirkungen erkennen kann. "Man sollte außerdem nicht vergessen, dass wir in der Krise schnell Desinfektionsmittel herstellen konnten. Wir haben die Masken verteilt, ohne dass die Kunden wochenlang warten mussten, und bieten jetzt auch qualifizierte Schnelltests vor Ort an." Vom ersten Tag an werde dieses Angebot von den Kulmbachern gerne angenommen.

"Da es immer mehr Medikamente gibt, die gekühlt werden müssen - das ist beispielsweise bei Insulin so oder bei Medikamenten gegen Rheuma - haben wir ein Alleinstellungsmerkmal", betont Hubmann und will sich durch die reinen Zahlen nicht verunsichern lassen. Und auch Arznei, die unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, dürfe nicht per Post verschickt werden.

Sie verteilen den Impfstoff

Ein weiterer wichtiger Baustein in der medizinischen Versorgung, der nur von den niedergelassenen Apotheken geleistet werden kann, sei die Versorgung der Ärzte mit Corona-Impfstoffen. Der Großhandel beliefere die Apotheken und diese verteilten dann die Impfdosen an die Mediziner. Nur die örtlichen Apotheker könnten eine verlässliche Verteilung sicherstellen. "In den nächsten Wochen wird auf die Apotheken eine regelrechte Mammutaufgabe zukommen."

Clemens Richter, Vorstandsmitglied des Apothekerverbands in Kronach, kann Hubmann nur beipflichten: "Die Unterstützung der lokalen Anbieter und Kleinbetriebe ist enorm wichtig. Das betrifft nicht nur die Apotheken."

Olga Pauls von der Frankenwald-Apotheke in Stadtsteinach kann nicht sagen, dass sie die Konkurrenz aus dem Internet spürt. "Es gibt Kunden, die kaufen dort, wo es am günstigsten ist - auch bei anderen Apotheken, die Preisangebote machen. Aber das war schon immer so", sagt sie.

Mit dem Geschäft zufrieden

Sie habe nicht das Gefühl, dass die Corona-Pandemie die Situation verschärft hat und sie sich deshalb Sorgen machen muss. "Ich denke mir immer, dass es sich nicht lohnt, ein Schmerzmittel, das 2,50 Euro kostet, im Internet zu bestellen." Sie sei mit dem Geschäft zufrieden, so Pauls. "Und die Kunden kommen auch, um sich testen zu lassen. Das kann man nur vor Ort machen."

"Spüren keine Abwanderung

Juliane Deuerling ist Filialleiterin der Sonnenstern-Apotheke am Goldenen Feld in Kulmbach. "Bei uns ist das Aufkommen eigentlich gleichbleibend. Mal ist mehr los, manchmal weniger, aber von einer Abwanderung ins Internet spüren wir nichts", sagt auch sie. Sie nennt die Vorzüge der Apotheke vor Ort: "Wir sind einfach schneller als die Konkurrenz aus dem Internet. Wir bekommen mehrmals am Tag Lieferungen und können auch Medikamente, die wir nicht vorrätig haben, schnell besorgen." In der Corona-Pandemie sei die Nachfrage nach Masken und Selbsttests gestiegen.

Angela Dennstedt von der Zentralplatz-Apotheke in Kulmbach hat beobachtet, dass sie in diesem Herbst und Winter "so gut wie keine Hustenfälle und Erkältungen" verzeichneten. "Das war wirklich auffällig. Aber das hat sicherlich nichts damit zu tun, dass die Kunden online bestellt haben, sondern eher mit den Hygieneschutzmaßnahmen. Wenn man eine Maske trägt und sich ständig die Hände wäscht und desinfiziert, gibt es solche Krankheiten einfach seltener."