Reduzierte Preise, Ein-Euro-Aktionen, dicke Prospekte und das neue Kaufland. Für die Kulmbacher wurde die Umfirmierung des früheren Real-Einkaufsmarktes mitten im Corona-Lockdown regelrecht zum Volksfest. Zu Hunderten stürmten die Einkaufslustigen in den Markt.

Nicht nur, um Lebensmittel einzukaufen, sondern auch die Produkte, die es seit Wochen nicht mehr gab: Schuhe, Werkzeug, Jacken und Hosen, Rucksäcke und natürlich auch Blumen und Deko. Der alte und neue Marktleiter Michael Peter postierte Blumensträuße am Eingang. Und die Kunden griffen zu.

Keine "verbotenen Waren" mehr

In den kommenden Wochen wird der Markt noch weiter umgebaut. "Die Maßnahmen werden bei laufendem Betrieb durchgeführt, so dass die Kunden weiter einkaufen können. In dieser Zeit erfolgt die Integration des Getränkemarktes, der Einbau der neuen Bedientheke und die Erweiterung der Kühlmöbel für Tiefkühl- und Molkereiprodukte", teilt Annegret Adam von der Kaufland-Unternehmenskommunikation mit.

Die Kunden freuten sich sichtlich, dass es keine "verbotenen Waren" mehr gibt. Dass der Markt noch nicht perfekt ist, störte niemanden. "Ich suche jetzt ein Geburtstagsgeschenk für meinen Enkel Jan", erzählt Anneliese Kotschenreuther aus Reichenbach. "Man hat ja die ganze Zeit nichts kaufen können", sagt sie.

Viele Familien zieht die Spielwarenabteilung magisch an. Martin Sebald stöbert mit seinen beiden Kindern durch die Playmobil- und Legoabteilung. Oma Renate Sachs ist mit ihrem Enkel Jonas Ruppert (13) unterwegs, der auch etwas für seine zehnjährige Schwester aussuchen darf. "Wir haben ja noch Homeschooling. Aber der Unterricht läuft gut und am Wochenende bauen wir gern Playmobil", sagt der Realschüler. Er freut sich, dass man wieder direkt im Geschäft kaufen kann. Ludmilla Weber hat für ihren Sohn ein Monopoly-Spiel gekauft. "Jetzt kann man wieder richtig einkaufen. Wir haben ja in den letzten Wochen immer nur das Nötigste besorgt."

Non-Food-Artikel sehr beliebt

Nicht nur im neuen Markt kaufen die Menschen, auch in den anderen Supermärkten sind die Sortimente, die bislang gesperrt waren, jetzt wieder besonders interessant. Eine Kundin stöbert in der Depot-Abteilung bei Edeka-Seidl. "Ich habe schon eine schöne Kerze für den Geburtstag gefunden, aber ich möchte auch irgendetwas Schönes für mich", sagt die Kundin. Die Aufhebung der Sperrung gefällt ihr.

Andere Kunden greifen zu Blumensträußen. Dinge, die man nicht braucht, die aber der Seele guttun, sind begehrt, weil sie lange vermisst wurden. So füllt Verkäuferin Andrea Limmer unaufhörlich die Pralinen nach. "Schokolade wurde im Lockdown gerne gekauft", verrät sie. Als Lebensmittel war deren Verkauf immer erlaubt.

"Ich kann nicht sagen, dass jetzt mehr Deko gekauft wird als sonst. Aber es war für mich als Unternehmer schon schmerzhaft, als wir den Store schließen mussten", sagt Michael Seidl vom Edeka-Markt. Eine Entschädigung für die ausgefallene Miete bekam er nicht. "Es war schon so, dass viele kein Verständnis hatten, dass Teile des erweiterten Sortiments nicht verkauft werden durften", sagt der Marktleiter.

Einzelhändler, die nicht öffnen dürfen, sind besorgt

Seidl kennt aber auch die andere Seite - die Sorgen der Einzelhändler. Denn die dürfen ihre Sortimente noch immer nur über "Click & Collect" anbieten - anrufen oder im Internet bestellen und dann abholen.

"Wir haben in den letzten zwei Monaten so gut wie kein Geschäft gemacht. Ich habe eine Vollzeitkraft, eine Teilzeitkaft und musste die Leute in Kurzarbeit schicken. Wenn ich sehe, dass die Leute jetzt in den Supermärkten Blumen kaufen, ist das für mich schlimm: ein Trauerspiel. Wir Einzelhändler leiden", sagt Birgit Riemer von Blumen Birgit in Stadtsteinach. Genauso ist es auch mit den Schuh- und Kleidungsgeschäften. Kleidung im Supermarkt kann gekauft werden, Schuhe ebenso - andere Läden bleiben geschlossen.

Christoph Hofmann von der Händlervereinigung "Unser Kulmbach" erlebt ein bisschen Normalität. "Wir haben Bürosachen und können alles verkaufen. Aber ich kenne auch die Sorgen der anderen Einzelhändler, die nur ,Click & Collect‘ machen können. Bei denen ist die Situation ernst, denn vorher anrufen oder im Internet bestellen und die Ware dann abholen, ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", so Hofmann. Als Vertreter der Händler ärgert ihn besonders, dass alle Hygienekonzepte gemacht haben und dass diese eine erneute Schließung nicht verhindern konnten. "Bei den großen Märkten kümmert sich keiner drum, ob die Leute Abstand halten", moniert er.

Unfairer Wettbewerb ärgert Händler

Das Intersport-Geschäft Leithner liegt direkt zwischen den großen Supermärkten in der Albert-Ruckdeschel-Straße. Täglich sorgt der Rummel bei den Discountern und Märkten für echten Ärger bei Robert Leithner. "Ich habe auch schon die Polizei gerufen. Aber die hat gesagt, das ist Sache des Ordnungsamtes. Da wird nichts gemacht", klagt Leithner. "Bei uns sieht es desaströs aus. Durch das ,Click & Collect‘-System kommen wir vielleicht auf fünf bis sechs Prozent des Umsatzes. Das ist nichts. Und nebenan gibt es einen ungezügelten Käuferansturm", schimpft Leithner.

Er fordert Zugangsbeschränkungen für die Supermärkte und Discounter. "Menschenmassen drängeln sich. Da muss es ja wieder zu Infizierungen kommen - und wir Einzelhändler sind dann wieder die Dummen und müssen noch länger auf die Öffnung warten. Das ist eine Ungleichbehandlung des Facheinzelhandels, die viele nicht überleben werden", sagt Leithner.

Auch er selbst ist am Ende. Aktuell beschäftigt sich Leithner mit der Ausarbeitung von Klageschriften. "Aber ich kann es mir nicht mal mehr leisten, vor Gericht zu ziehen", sagt der Sportfachhändler.

Click & Collect müsse geändert werden

Robert Leithner und viele andere Einzelhändler, mit denen er in Kontakt steht, fordern sofort eine Änderung des "Click & Collect"-Systems. Sie wollen, dass eine "Face-to-Face"-Beratung möglich ist. Kunden könnten anrufen, einen Termin vereinbaren. "Wir können dann die Kunden ins Geschäft lassen und wieder beraten. Für Leithner wäre dies wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer. Denn er fürchtet, dass die Beschränkungen noch weitergehen werden. "Wir müssen mindestens auf fünfzig Prozent des Umsatzes kommen, um überhaupt zu überleben."

Zu normalen Zeiten beschäftigte er elf Mitarbeiter. Inzwischen sind alle in Kurzarbeit, nur die zwei Geschäftsführer sind im Dienst. "Die ganze Politik ist ein Akt der Geringschätzung für den Fachhandel. Ich habe zurzeit gar keine Zukunftsperspektive."