Mit seinem Buch "Der betrogene Patient" will der Radiologe Gerd Reuther nicht nur wachrütteln. Er will auch aufdecken, warum das Leben in Gefahr ist, wenn man sich medizinisch behandeln lässt. Gut 250 Besucher wohnten am Donnerstagabend seiner Buchpräsentation bei, zu der die Buchhandlung Friedrich in die Dr.-Stammberger-Halle eingeladen hatte.


Schonungslose Aufarbneitung


Mit dem Buch seziert Gerd Reuther schonungslos seinen Berufsstand. Er schreibt, dass die moderne Medizin häufig nicht auf das langfristige Wohlergehen der Kranken abzielt, sondern vorrangig die Kasse der Kliniken und Praxen füllen soll.

Seine Abrechnung ist aber nicht hoffnungslos. Denn er zeigt auch auf, wie eine neue, bessere Medizin aussehen könnte. Sie müsste mit einer anderen Vergütung medizinischer Dienstleistungen beginnen, Geld dürfte nicht mehr über Leben und Tod bestimmen.


Behandlung führt zum Tod


Der Autor stellt fest, dass die Heilungsversprechen nie größer als heute waren, dennoch sei die ärztliche Behandlung zur häufigsten Todesursache geworden. Er spricht Klartext: "Wer den Therapieempfehlungen der Mediziner rückhaltlos vertraut, schadet sich häufiger, als er sich nützt. Erschreckend viele Behandlungen sind ohne nachgewiesene Wirksamkeit."

Wer früher stirbt, ist bekanntlich länger tot. Aber wer später stirbt, meist länger Patient, lautet eine seiner Thesen. Reuther sprach von einer Fata Morgana der medizinischen Lebensverlängerung: "Dass wir immer älter werden, verdanken wir nicht dem Fortschritt der Medizin."

Die Mehrzahl der Patienten sei davon überzeugt, dass die heutige Medizin auf einer soliden naturwissenschaftlichen Basis stehe. Ärztliche Behandlung ohne Nachweis der Wirksamkeit sei allerdings auch heute noch eher die Regel als die Ausnahme. Hausärzte therapierten überwiegend nach Wahrscheinlichkeitsvermutung mit Blick auf Symptome, ohne die Beschwerdeursachen objektiv zu bestimmen. Schnell sei der Rezeptblock zur Hand, doch oft fehle der Nutzen der Medikamente.


Nutzen und Risiko abwägen


Bei jeder Behandlung sollten Aussicht auf Besserung und Risiken der Verschlechterung sorgfältig abgewogen werden. Notfallsituationen ausgenommen, sei eine Behandlung nur bei hohem Nutzen-Risiko-Quotienten angezeigt. "Mit vier Fragen kann jeder Patient schnell und einfach die Seriosität seines potenziellen Behandlers abklären: Welche Erfolgsaussichten hat die Behandlung? Welche Risiken beinhaltet sie? Welche Alternativen bestehen mit welchen Aussichten? Und wie ist der Spontanverlauf ohne Behandlung zu erwarten? Wenn die letzten beiden Fragen überhaupt nötig seien, sei Vorsicht geboten.

Auch zum Klinikum Kulmbach äußerte sich der Radiologe. Innerhalb zweier Generationen sei das beschauliche Haus zu einem Konglomerat von Architekturversatzstücken mit rund 120 Millionen Jahresumsatz und etwa 1250 Mitarbeitern mutiert. Ausgedehnte Grünanlagen seien längst zugebaut oder zu Parkplätzen umgewandelt worden.

Schließlich stellte Gerd Reuther ein 20-Punkte-Programm nach dem Motto "Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer" vor. Er baue auf Prävention statt Behandlung und sei für wohnortnahe Diagnosezentren mit Pflegeeinheiten, mehr und qualifizierteres Pflegepersonal sowie seniorengerechte Kliniken und Pflegeeinheiten. Was die Gesellschaft nicht brauche, seien verschachtelte Klinikmonster oder spezialisierte Kompetenzzentren mit mehr Technik und mehr Operationssälen.


Großes Interesse


Christine Friedlein hatte den aus Hegnabrunn stammenden Buchautor eingangs kurz vorgestellt. Gerd Reuther zeigte sich überrascht vom guten Besuch: "Das zeigt auch, dass wirklich ein ernsthaftes und starkes Interesse an der Thematik besteht."

Seit März ist das Buch "Der betrogene Patient" auf dem Markt. Zur Resonanz meinte der Autor: "Von den Kollegen, die ich schätze, war sie äußerst positiv. Indirekt hört man von anderen, dass sie das Buch und viele Infos, die da drin sind, ablehnen. Das sind die Kollegen, zu denen ich ohnehin nicht gehen würde."


Interview mit dem Bruder



Klaus Reuther, der Bruder des Buchautors, betreibt in Bayreuth eine Praxis für klassische Homöopathie. Wir haben uns am Rande der Lesung kurz mit ihm unterhalten.

Liegen Sie beim Meinungsaustausch mit Ihrem Bruder auf der gleichen Ebene?
Ja und nein! Mein Bruder kommt aus der klinischen Medizin. Ich denke, da hat er auch seine Kernkompetenz, dagegen ist meine Krankenhauszeit schon 25 Jahre her. Andererseits hatte ich bei meinem Schritt in die Homöopathie vielleicht zum Teil ähnliche Motive wie er.

Sie haben das Buch "Der betrogene Patient" sicher schon gelesen ...
Den größten Teil ja.

Überrascht vom Inhalt?
Überrascht wäre zu viel gesagt, denn von den Treffen bei den Eltern in Hegnabrunn wusste ich schon von der Tendenz her, was er aussagen will.

Und Ihre persönliche Meinung zum Buch?
Mein Bruder hat sehr viel Arbeit reingesteckt, sehr gründlich recherchiert, alles mit Quellen belegt, was für den medizinischen Laien eine Herausforderung darstellt. Mit der Alternativmedizin hat er nicht wirklich was am Hut, denn die spielt in der Klinik keine Rolle. Ich halte dagegen die Naturwissenschaft schon für sehr wichtig, aber Medizin ist halt nur zum Teil Naturwissenschaft und zum Teil ist sie letztlich Erfahrungswissen.

Was wird Ihren Bruder wirklich bewogen haben, das Buch zu schreiben?
Ich denke, dass er damit die Unzufriedenheit mit den verkrusteten Strukturen aufzeigen, aber auch etwas anstoßen und bewegen will. Es gibt viele Ärzte, die das auch kritisch sehen, aber nicht die Freiheit oder die Zeit wie mein Bruder haben, sich darüber zu äußern.