Wie bewerten Sie die Situation der Hausärzte? Ist der Druck enorm oder kann er noch abgefedert werden?

Anja Tischer: Die Kulmbacher spüren gerade am eigenen Leib, dass sehr viele Hausärzte keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Das heißt: Die Leute finden keinen Hausarzt. Und das liegt nicht dran, dass meine Kolleginnen und Kollegen nicht mehr arbeiten wollen, aber sie sind mit dem Bestand völlig ausgelastet. Die Coronapandemie tut ihr Übriges. Es werden aber tatsächlich auch zahlenmäßig weniger Hausärzte im Kreis - und die, die da sind, arbeiten am Anschlag.

Problem erkannt - Problem gebannt?

Schön wäre es. Was den Nachwuchs angeht, so stehen in der Tat einige vielversprechende junge Ärztinnen und Ärzte in der Allgemeinmedizin bereit. In unserem Sektor haben wir ein gutes Schema entwickelt, beispielsweise über einen strukturierten Weiterbildungsverbund. Hier passiert viel auf vielen Ebenen, auch seitens der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, des bayerischen Hausärzteverbands und der Universitäten, wo es entsprechende Lehrstühle für die Ausbildung gibt. Aber: Die Jungen, die nachkommen, können nie alle bestehenden Praxen übernehmen.

Der Schwund hat also schon eingesetzt. Kann er größer werden?

Ja, das ist leider anzunehmen. Aktuell gibt es eine nicht nachbesetzte Praxis, in der ein Kollege aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden ist. Ich weiß von einem anderen älteren Kollegen in Kulmbach, der Nachfolger sucht und niemanden findet. Ausnahmslos alle älteren Kollegen auf dem Land machen sich intensiv Gedanken, was bei ihnen passiert. Konkreter Fall: Thomas Heinl in Ludwigschorgast. Er ist Anfang 60 und möchte selbst noch ein paar Jahre anhängen - aber er macht sich jetzt bereits Sorgen, was aus seiner Praxis wird. So schön es ist, viele Studierende sozusagen in der Pipeline zu wissen. Die stehen aber halt erst in acht oder mehr Jahren bereit, bis sie in die hausärztliche Versorgung eingebunden sind.

Hat das auch mit Wertschätzung zu tun?

Sehr viel sogar. In der Politik ist das aber leider so noch nicht angekommen.

Das heißt: Der niedergelassene Arzt steht nicht im Fokus der Entscheidungsträger, sondern eher Kliniken oder Medizinische Versorgungszentren, die MVZ?

Den Eindruck habe ich definitiv und das bestätigen ja auch unsere niedergelassenen Facharztkollegen.

Gibt es - je nach politischer Farbe - mehr oder weniger Unterstützung?

Das ist unabhängig. Die Hoffnung stirbt zuletzt und wir kämpfen, dass es weitergeht. Wir in Thurnau sind ein Beispiel dafür, dass man nicht aufgeben muss. Zum 1. Januar 2021 haben wir wieder eine Praxis übernommen, die wir mit einer jungen Kollegin nachbesetzen können. Solange wir nach den offiziellen Vorgaben definitiv nicht unterversorgt sind, kriegen wir nicht mal finanzielle Unterstützung oder die Förderung, die sich die Politik gerne so groß auf die Fahnen schreibt.

Das Korsett muss also noch enger werden, bevor die Alarmglocken angehen?

Wir bezahlen heute dafür, dass das Kind schon im Brunnen liegt. Dabei wäre, wie in der Medizin, Vorsorge der Königsweg.

Wie wäre den Ärzten denn geholfen?

Ganz ehrlich: Momentan geht es nicht mehr nur ums Geld, wie viele meinen könnten. Meine Zunft ist verzweifelt, was die Bedeutung und Wertschätzung unserer Arbeit angeht. Nehmen wir den Aspekt der Entlohnung in Höhe von 90 Euro von Apothekern für eine Medikamentenberatung. Da wird uns Ärzten unterstellt, wir seien neidisch wegen der Bezahlung. Das verkennt den Fakt: Die Apotheker bekommen mehr, als wir in einem Quartal für einen Patienten bekommen. Sie bekommen für eine Stunde Beratung mehr als der Notarzt, der für eine Stunde rausfährt. Da ist für mich etwas im Gefüge verschoben, wenn die medizinische Arbeit des Apothekers höher eingestuft wird als unsere medizinische Tätigkeit. Das ärgert die niedergelassenen Kollegen unheimlich. Unsere Arbeit scheint nichts wert, nach dem Motto: Wir sind ja sowieso immer da. Die Kommunalpolitik kümmert sich offenbar nur um die Entwicklung der Kliniken und fördert die Entwicklung von MVZ, die aber niemals freiberuflich tätige Mediziner zu 100 Prozent ersetzen können, denn die haben ja oft noch eine weitere Position in der Klinik.

Aber auch wer gefühlt immer da ist, muss seine Tätigkeit entlohnt und anerkannt bekommen - meinen Sie das?

Ganz genau. Als Niedergelassene bin ich freiberuflich und sozusagen mein eigenes Wirtschaftsunternehmen. Aber wenn das Engagement nicht mehr gesehen wird, sondern Klinik und MVZ mehr gelten als die Grundversorgung vor Ort, dann habe ich Verständnis für jeden, der sagt: Ich kann niemanden mehr raten, sich niederzulassen. Und die jungen Kolleginnen und Kollegen, auf denen die Hoffnungen des Systems ruhen, erkennen das ja auch. Die kalkulieren: In einer Klinik oder einem MVZ habe ich halbwegs geregelte Arbeitszeiten, das wirtschaftliche Risiko der Selbstständigkeit fällt weg - lasse ich mich lieber anstellen.

Was beim Thema Bezahlung immer genannt wird, ist die Budgetierung. Ärzte bekommen dadurch angeblich nicht alle Leistungen am Patienten vergütet. Fachärzte bekunden sogar, sie könnten sich schon glücklich schätzen, wenn es 50 Prozent sind.

Da haben wir Hausärzte es in der Tat besser durch unsere Standesvertreter. Wir haben ein paralleles System: Neben der kassenärztlichen Vergütung über die KVB sind da die Selektivverträge, die der Hausarztverband mit den Kassen aushandelt. Wir bekommen tatsächlich so gut wie alles bezahlt. Das erleichtert uns das Leben erheblich.

Sind nach Vorgaben der KVB alle Arztsitze vergeben oder ist Luft nach oben?

Derzeit sind alle möglichen Sitze bis auf einen vergeben. Bei diesem ist die Nachfolge nicht geregelt. Da wir noch nicht von Unterversorgung bedroht sind, ist jeder Sitz, der verwaist bleibt, erst einmal weg. Übrigens: Gibt es mehrere Bewerber, so entscheidet ein Gremium über die Vergabe. Da kann es sein, dass ein Arzt seine Praxis gerne an Tochter oder Sohn weitergeben möchte - sobald aber ein zweiter Bewerber da ist, kann es passieren, dass dieser den Zuschlag bekommt, etwa weil er die bessere Qualifikation hat oder länger den Facharztstatus. In solchen Fällen kann die interne Familiennachfolge scheitern. Dieses starre Vorgabesystem stammt noch aus einer Zeit, in der es einen Überschuss an Hausärzten gab. Da wäre die Politik gefragt, in solchen Fällen eine flexiblere Handhabe zu ermöglichen.

Wie bewerten sehen Sie das Verhältnis zu den Krankenkassen?

Die Kassen haben in erster Linie monetäre Beweggründe. In dem Moment, wo gespart werden kann, sparen die Kassen. wir haben das mit den genannten Selektivverträgen erlebt: Die Kassen sind verpflichtet, diese Verträge anzubieten, das tun die nicht freiwillig. Das aber garantiert eine gute Versorgung - und die kostet eben auch. Insofern verstehe ich nicht, denn ein vernünftiges, Hausarzt-zentriertes System wäre deutlich günstiger als das, was wir aktuell haben. Baden-Württemberg beweist, das es funktioniert. Dort gibt es eine gute Koalition zwischen der AOK und dem Hausärzteverband, wir schauen oft neidvoll über die Grenze.

Müssen Bürger damit rechnen, dass Ärzte wieder auf die Straße gehen wie 2010?

Sie werden lachen: Wir haben das tatsächlich beim bayerischen Hausärztetag im Mai diskutiert. Vorhaben tun wir es nicht, wir würden lieber konstruktiv und ohne Demo arbeiten. Aber es schwelt und es gibt Mitstreiter, die würden ihre Praxen auch dichtmachen, um ein Signal zu setzen und zu zeigen: Jetzt werdet ihr merken, was fehlt. Damals haben viele Ärzte, auch ich, in Nürnberg ihre Zulassungen zurückgegeben. Das hat damals wirklich etwas bewirkt und unter anderem die genannte Hausarzt-zentrierte Versorgung ermöglicht. Aber wir sind auch eine homogene Gruppe, bei den Fachärzten ist das deutlich gemischter.

Wie waren die Reaktionen der Patienten? Zustimmung oder Unmut?

Unmut nicht, eher Desinteresse.

Apropos Desinteresse: Können sie sich mit Ihren Sorgen und Nöten bei den "Kunden " Gehör verschaffen?

Bei einigen ja, aber in der Mehrzahl wohl nicht. Das System - und damit der Arzt - muss funktionieren, dann ist alles gut.

Dazu passt, dass Deutschland - vergleichen mit der EU - eine überproportional hohe Zahl an Arztbesuchen pro Bürger hat. Das ist mit Blick auf die Überlastung der Ärzteschaft keine Erleichterung.

Ein Kollege hat es einmal so formuliert: Wir haben nicht zu wenige Ärzte - wir haben sie falsch verteilt. Das liegt am System, das falsche Anreize schafft. Wenn eine Operation deutlich höher vergütet ist als ein Gespräch etwa in der Nachsorge, führt das zu den erwartbaren Ergebnissen. Dabei sind solche Gespräche essenziell für das Arzt-Patienten-Verhältnis, wie wir wissen - es wird eben nur so gut wie nicht honoriert, bei den Fachärzten noch weniger als bei uns. Der Orthopäde bekommt das Röntgenbild bezahlt, die Erörterung dessen, was man darauf sieht, aber nicht. Die technischen Untersuchungen stehen über den Beratungen. Auch das ist ein Fehler im System: Wir haben zu viel Apparatemedizin und zu wenig sprechende Medizin. Das, was ich "sich kümmern können" nenne. Ich muss über die Masse kommen - und dann soll ich das noch medizinisch vertreten? Wir reden ja nicht von 10 oder 20 Patienten am Tag - wir reden von bis zu 100 Menschen, die ich persönlich am Tag sehe. Dabei gibt es Studien, die belegen, dass mit weniger Arztterminen, die dafür aber umfangreicher sind und damit natürlich länger dauern, die Versorgung vor allem chronisch kranker Menschen besser wird. Das ist in unserem System im Augenblick überhaupt nicht umsetzbar.