Diese Mauer muss nicht weg - sie soll da explizit hin. Als betongraues Band der Sympathie zieht sich die Spundwand am Ängerlein entlang. Mancher soll schon von "Klein-Berlin" witzeln. Rübermachen braucht keiner, das Bollwerk ist nur ein paar hundert Meter lang und kein Stadt-Teiler, sondern willkommenes Signal an das Sicherheitsgefühl: Beim nächsten Hochwasser brauchen die Pumpen in den Kellern der Anlieger nicht angeworfen zu werden. Wie früher, als die Anrainer der Flutmulde das in unschöner Regelmäßigkeit mehrmals pro Jahr exerzieren mussten.


Fluss soll mäandern dürfen

Flutmulde: Das Wort lässt sich derzeit leicht merkwürdig intonieren. Der Weiße Main ist nur mehr ein Rinnsal, folgt ergeben seinem von Menschenhand geformten Lauf. Schnurgerade, Freigang sieht anders aus. Den soll das Wasser bekommen.
"Määndern soll der Fluss wieder dürfen." Günther Hugel, beim Wasserwirtschaftsamt Hof zuständig für Gewässerbau, fährt auf der Karte den Doppel-S-förmigen Verlauf nach. Abteilungsleiterin Andrea Künzl hilft beim Festhalten des Plans in Überlänge, es bläst ordentlich auf der Dammkrone.
Sogar den Wind haben die Planer einkalkuliert. Haben einen knappen Meter zugegeben in der Höhe für den Wellengang, damit der Main nicht doch überschwappt, sollten Hochwasser und Orkanböen zeitlich zusammentreffen.


Kein Regen ist hier ein Segen

Für die Arbeiten an und in Kulmbachs größter Baustelle ist die Trockenheit der vergangenen Monate ein Segen. "Wir mussten wetterbedingt kaum Unterbrechungen hinnehmen", sagt Andrea Künzl. Das letzte Wort wird verschluckt vom bellenden Diesel eines Trucks. Der Brummi umkurvt einen Baumrest, der wie ein fauler Backenzahn aufragt. Ein Mahnmal der ursprünglichen Pflanzenwelt in der Pörbitscher Au. Mit der Renaturierung soll, so die Abteilungsleiterin, im nächsten Jahr begonnen werden. Dann wird auf der Dammkrone nichts mehr zu sehen sein von den Spuren schwerer Maschinen - dann fahren hier Radler statt Radlader. Einen Schippenwurf entfernt hebt sich aus einer Senke das Flachdach des neuen Pumpwerks. Simples Betonrechteck, funktionale Bauweise. Auf das Innenleben kommt es an. "Die Pumpen stehen schon drin." Sie sollen, so Hugel, das Restwasser weitertransportieren, das vom Pörbitscher Hang hinter der Spundwand zusammenfließt. Die elektrischen Anschlüsse und Leitungen werden momentan gelegt. Das alles passiert im Verborgenen. Und vor allem: Es geschieht beinahe geräuschlos.
"Das war nicht immer so", sagt Hugel und schiebt nach: "Die Anwohner haben sich in den allermeisten Fällen sehr einsichtig gezeigt." Vor allem in den Tagen, als die Spundwand zehn Meter in den Sandstein-Untergrund getrieben wurde. "Das war, als würde jemand einen Riesenvibrator anschalten", schildert es ein Bewohner im Ängerlein plastisch. Das Rütteln und die Schwingungen seien ihm durch Mark und Bein gegangen. Man wisse aber als Anlieger, dass es dem Schutz des Wohneigentums dient.
Der Hochwasserschutz für die Blaich ist ein Mammutprojekt und ohne große finanzielle Unterstützung nicht zu stemmen. Zwölf Millionen Euro an Investitionen sind nötig, allein sieben Millionen davon sind Mittel aus EU-Töpfen. Der Anteil des Stadt Kulmbach konnte auf 360000 Euro minimiert werden.


Arbeiten sind im Zeitplan

Was den Ablauf der Arbeiten angeht, ist man laut Wasserwirtschaftsamt im Zeitplan. Derzeit werden die Schritte des zweiten Bauabschnitts abgearbeitet. Wenn die Komplettmaßnahme beendet ist, soll der Abfluss von 265 Kubikmetern Wasser pro Sekunde gewährleistet sein. Als Berechnungsgrundlage nimmt das Wasserwirtschaftsamt die Pegelstände eines 100-jährlichen Hochwassers an. Dem Main jedenfalls soll dann genügend Platz eingeräumt werden, damit er sich in einer Auenlandschaft ausbreiten kann und nicht in der angrenzenden Siedlungsstraße. Dafür nehmen die leidgeplagten Blaicher Bürger auch eine Mauer in Kauf.