Es war die Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen befand sich noch in seinen Kinderschuhen. In der fünften Jahreszeit flimmerte nicht jeden Tag eine andere Prunksitzung über die Mattscheibe. "Der Fasching hatte damals einen ganz anderen Stellenwert als heute: Auch mit einfachsten Mitteln konnte man ein großes Publikum begeistern. Heute würde man damit keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, denn die Leute sind vom Fernsehen her sehr verwöhnt", sagt Faschingsfan Reinhard Ott, Sitzungspräsident des Kulmbacher Faschingskomitees (KFK).

Ihm gegenüber sitzen zwei Gründungsväter des Vereins, der auf 50 bewegte Jahre zurückblicken kann: Johannes Klehr (84) und Siegfried Skowronek (73). Die Gedanken der beiden Ehrensenatoren, schweifen ein halbes Jahrhundert zurück, zu den Anfangstagen des KFK, als bei den Kulmbacher Narren noch kleinere Brötchen gebacken wurden und es hieß: "Selbst ist der Mann!"

Wie zum Beweis kramt Skowronek einen alten Orden hervor. Das schlichte hölzerne Exemplar aus dem Jahre 1967, das an einen Stern erinnert, erstrahlt nicht im Glanz heutiger Sessionsorden: "Das ist eine Laubsägearbeit, die ich persönlich mit der Hand angemalt habe. Insgesamt 60 Stück habe ich angefertigt", erklärt der altgediente Faschingsanhänger.

Ob Rikscha oder Oldtimer - der Kulmbacher hatte auch eine Ader für den Bau fahrbarer Untersätze. Mit ihnen wurden die Prinzenpaare in den 60-er und 70-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Saal des Kulmbacher Vereinshauses kutschiert. Skowronek, der von 1977 bis 1990 die Geschicke des Vereins gelenkt hatte, gibt sich als Autodidakt zu erkennen: "Das habe ich mir selbst angeeignet. Außerdem verfüge ich über viel Fantasie."

Dieser ist auch ein ganz anderer Gag zu verdanken: Aus einer Heringsdose entsprangen acht Fische - dahinter verbarg sich das Männerballett des KFK. Auch der heute 73-Jährige hat früher auf dem Faschingsparkett eifrig mitgewirbelt: "Karl Jonak und ich verkörperten zwei russische Soldaten, die Purzelbäume schlugen und Teller jonglierten." Das Resultat: "Ein begeistertes Publikum. Und jeweils ein Teller, der an jedem der beiden Prunksitzungsabende in dutzende von Scherben zersprang."

Finanziell war man damals nicht gerade auf Rosen gebettet. "Es durfte möglichst nichts kosten", erinnert sich Klehr, der von 1977 bis 1990 an der Spitze der Kulmbacher Faschingsfreunde gestanden hatte. Man machte aus der Not eine Tugend: Kostüme wurden von den Ehefrauen genäht, Stoffreste zu Narrenkappen verarbeitet, und auch die Elferräte konnten sich noch keine eigenen roten Sakkos leisten. "Wir traten mit schwarzen Anzügen auf, auf die unsere Damen ein weißes Revers aufgenäht hatten", erzählt Klehr.


Prinzessin im Brautkleid

Auch Marianne Skowronek, die in der Session 1965/1966 gemeinsam mit ihrem Ehemann Siegfried das Prinzenpaar gebildet hatte, trägt eine Episode zu dieser Geschichte bei: "Ich hatte mein Brautkleid einfach einfärben lassen und schon hatte ich ein fesches Prinzessinenkleid."

Nach der ersten Session 1964/65, in der man noch im ehemaligen Hotel "Parkhaus" Karnveal gefeiert hatte, herrschte Ebbe in der Vereinskasse: 2,50 Mark waren vom närrischen Treiben übriggeblieben. Zu wenig, um sich die Miete für das Kulmbacher Vereinshaus leisten zu können. Doch Klehr hatte die rettende Idee: "Von Pfarrer Johannes Krauser borgte ich mir die 200 Mark."

Der Geistliche von der Stadtpfarrkirche "Unsere Liebe Frau" war eine Art Geburtshelfer. Er hatte dazu aufgerufen, das närrische Treiben, das nach dem zweiten Weltkrieg für einige Jahre in Kulmbach geblüht hatte, wieder aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken, in den es für ein paar Jahre gefallen war. Sein Aufruf fand Gehör: Der Katholische Familienkreis nahm sich des bunten Treibens an. Als sich die Prunksitzungen immer größerer Beliebtheit erfreuten, gingen Familienkreis und Fasching getrennte Wege - allerdings unter demselben Kürzel: KFK. "Der Familienkreis, der sich später aufgelöst hat, hätte den Fasching nicht mehr schultern können", erzählt Marianne Skowronek.

Der Kulmbacher Fasching ist keine Erfindung der Nachkriegszeit. Die Internetseite des KFK zeigt eine alte Postkarte aus dem Jahre 1910: "Gruss vom Costümball", steht darauf zu lesen. "Meine Mutter Maria hat immer erzählt, dass es in Kulmbach einst einen Fasching gab", bestätigt Marianne Skowronek. Und Klehr ergänzt: "Nach dem ersten Weltkrieg ist die Tradition der Kostümbälle eingeschlafen."

Eines ist in all den Jahren immer gleich geblieben: Sowohl die alten Hasen zu ihrer Zeit, als auch die junge Generation heute möchte mit ihrem bunten Treiben, das sie als ein wertvolles Stück Brauchtum verstehen, Frohsinn verbreiten und Gemeinschaftssinn stiften. In ihren Augen haftet dem Fasching etwas Zeitloses an.

Darauf angesprochen, ob Lachen ein Urbedürfnis des Menschen ist, muss Ott nicht lange überlegen: "Aber selbstverständlich." Allerdings seien die Ansprüche des Publikums an eine gute Prunksitzung - bedingt durch das Fernsehen und das gestiegene Freizeitangebot im Allgemeinen - im Verlauf der Zeit immer größer geworden. Ott: "Die Leute wollen heute eine High-Tech-Produktion sehen, was die modernen technischen Möglichkeiten auch hergeben."