Im Speisesaal werden erwartungsvoll Bestecke gerückt. Zwei ältere Damen parken die Rollatoren und steuern auf ihren Tisch zu; Personal flitzt umher, bringt Gläser, legt Servietten aus. Der Geruch aus der Küche nebenan verrät: Gleich gibt es Schmorbraten mit Klößen und Kraut. Der Duft zieht durchs Bürgerhospital, einer Karawane gleich, die mit Gewürzen lockt. Das Aroma erreicht schließlich das Büro von Bettina Müller. Die 52-Jährige ist Heim- und Pflegedienstleiterin in Personalunion und hat ein bewegtes Jahr hinter sich, mit Auf und Abs wie im Wellenbad.

Als Pflegefachkraft hat sie schon für viele soziale Träger gearbeitet: Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt. Jetzt steht die gebürtige Wallenfelserin in Diensten des Bayerischen Roten Kreuzes. Vor 15 Monaten hat sie den Vertrag unterschrieben, wechselte damit von der Awo zum BRK - wie 24 weitere Mitarbeiter im Bürgerhospital. An diesen Neustart im Juli 2017 erinnert ein Foto im Eingang der Kulmbacher Senioreneinrichtung. Heimbeirat, Pflegekräfte, OB Henry Schramm und BRK-Kreisgeschäftsführer Jürgen Dippold schauen frohen Mutes in die Kamera. Auf den Gesichtern entspanntes Lächeln nach Monaten der Ungewissheit.

Rückblick: Im Frühjahr schien das Ende des Bürgerhospitals besiegelt, denn die Awo hatte den Vertrag mit der Bürgerhospitalstiftung nicht verlängert. Die Awo-Kreisvorsitzende Inge Aures beteuerte, beim Auszug aus dem denkmalgeschützten Haus habe es sich in keiner Weise um einen übereilten Schritt gehandelt: "Die Arbeiterwohlfahrt ist seit langem Mieter, den Vertrag haben wir fristgerecht gekündigt."

Heimverträge wurden gekündigt

Das war im März 2015. Als neues Quartier für die Bewohner war unter anderem die Heiner-Stenglein-Wohnanlage Am Rasen vorgesehen; die ließ die Awo für rund 14 Millionen Euro aus eigenen Mitteln sanieren und umbauen. Ausschlaggebender Grund, die Einrichtung in der Innenstadt aufzugeben, seien die neuen Pflegevorschriften gewesen, so Aures. "Die Awo als Träger muss die gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Am Rasen können wir das, im Bürgerhospital so nicht." Die 33 betroffenen Bewohner respektive deren Betreuer und Angehörige seien informiert worden, sagt Aures. Die entsprechenden Heimverträge wurden gekündigt.

Damit begann für OB Henry Schramm, zugleich Vorsitzender der Bürgerhospitalstiftung, die fieberhafte Suche nach einem neuen Träger. Und die Frage: Wie steht es mit dem nötigen Umbau, damit die Vorgaben des 2008 in Kraft getretenen Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes weitgehend erfüllt werden können? Immerhin gibt es die Möglichkeit des Aufschubs für größere Maßnahmen (von dieser Regelung hatte auch die Awo profitiert). "Es war keine einfache Situation für alle, auch für die Stiftung", sagt Schramm. Doch für ihn sei klar gewesen: "Die Leute wollten in ihrem gewohnten Umfeld bleiben - also wollten wir nichts unversucht lassen, das zu gewährleisten."

Schließlich signalisierte das BRK, eine Übernahme zu prüfen. Eine Herkulesaufgabe, die binnen weniger Wochen zu bewältigen war. "Das ging nur, weil Jürgen Dippold und der Vorstand um Landrat Klaus Peter Söllner mitzogen und bereit waren, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen", sagt Schramm. "Umso schöner ist es zu sehen, dass es seit einem Jahr läuft und die Menschen dankbar sind."

Das ging freilich nicht ohne Geld. "Die Stiftung hatte ihrerseits schon vieles in die Wege geleitet", bekundet der Stiftungsvorsitzende. Für Umbauten zur Barrierefreiheit mit neuen Aufzügen, für Duschen, aber auch abgesenkte Handläufe an den Treppen wurden rund 65000 Euro investiert.

Einen großen Block machen die Maßnahmen zur verbesserten Sicherheit im Gebäude aus. Für die Erneuerung der Brandmeldeanlage und eine verbesserte Beleuchtung sind 175000 Euro veranschlagt, die Summe teilen sich Stiftung und BRK.

"Das Haus hat Charme"

Dessen Geschäftsführer Jürgen Dippold ist glücklich, dass der Betriebsübergang letztlich gelungen ist und die Einrichtung im Einvernehmen mit den Eigentümern sowie den Behörden weitergeführt wird. "Das Haus hat Charme wegen der zentralen Lage und dem hübschen Garten." Doch er weiß auch: Das alles ist Makulatur ohne Personal. "Im Bürgerhospital arbeitet ein motiviertes, hoch qualifiziertes Team." Das wollte unbedingt im Seniorenheim weitermachen. Bis auf vier Kolleginnen blieben alle im Haus und konnten vom BRK übernommen werden. "Das war ein Glücksfall für uns als neuen Betreiber."

Die Kraftanstrengung habe sich gelohnt, bestätigt Dippold. "Das Heim ist voll ausgelastet, wir haben eine lange Warteliste. Das spricht für den guten Ruf des Hauses, der nicht zuletzt eng mit den Fachkräften verknüpft ist." Seit Oktober werden zusätzlich Plätze in der Tagespflege angeboten. Bei allen positiven Nachrichten verhehlt Dippold nicht, dass die Finanzierung in der Altenpflege grundsätzlich nicht einfach sei. "Vom Bund gibt es feste Zuschüsse über die Pflegeversicherung, ferner gibt es noch anderweitige Zuwendungen. Den Rest aber muss der Bewohner selber tragen." Sozialträger wie BRK und Awo zahlen ihren Angestellten prinzipiell Tarifgehälter - was wiederum bedeutet, dass bei Tariferhöhungen auch der Eigenanteil der Bewohner steigt. "Dazu kommt, dass wir selber ausbilden wollen und müssen, was zu Ausbildungszuschlägen führt."

Dankbare Bewohner

"Die Leute sind bereit, das mitzutragen", sagt Heimleiterin Bettina Müller. Sie sieht darin einen Beleg, dass die Menschen dankbar sind, hierbleiben zu dürfen, mitten in der Stadt, mitten im Leben. "Es gab auch so gut wie keine Beschwerden über die Bauarbeiten. Man muss bedenken: Der Umbau erfolgt bei laufendem Betrieb." Die 52-Jährige ist ebenfalls froh über die Entwicklungen. "Für mich kann ich sagen, dass ich mich im Vergleich zu vorher sicher nicht verschlechtert habe."