Nach nur zwei Verhandlungstagen ging am Dienstag (01. Dezember 2020) am Landgericht Bayreuth der Prozess gegen einen 40-jährigen Kulmbacher zu Ende, der wegen versuchten Totschlags angeklagt war. Das Tatgeschehen war unstrittig, da der Angeklagte ein Geständnis ablegte. Er gab zu, seine Freundin vor einem Jahr geschlagen, gewürgt und mit einem Messer bedroht zu haben.

Die Frau hatte Todesangst, konnte sich jedoch nach heftiger Gegenwehr befreien. Die Frage war, wie der Angeklagte zu bestrafen ist. Denn er bestritt eine Tötungsabsicht.

Streit an der Tagesordnung: Alkohol und Drogen im Spiel

Die Frau und der Mann lebten erst seit März 2019 zusammen. Streit - meist in Zusammenhang mit Alkohol und Drogen - war offenbar an der Tagesordnung. Es flogen die Fetzen. Nachbarn berichteten von "knallenden Türen". Ein Kriminalbeamter, der Telefonchats ausgewertet hatte, sagte: "Es gab ein ständiges Auf und Ab in der Beziehung."

Nach den Ermittlungen der Polizei lief jener 15. November folgendermaßen ab: Das Paar hatte sich wieder gestritten. So sehr, dass es das Ende der Beziehung war. Der Mann verließ die Wohnung und kam am späten Nachmittag wieder. Die Frau hatte ihm mitgeteilt: "Pack Deinen Kram." Er nannte sie eine "Hure" und rastete aus, weil sie sich mit einem Bekannten treffen wollte. Im Bad stieß er die 42-Jährige zu Boden, bedrohte sie mit einem Klappmesser und würgte sie. "Ich bring Dich heute um", soll er gesagt haben. Der Frau wurde schwarz vor Augen. Sie wehrte sich, zerkratzte ihm das Gesicht, drückte ihm die Fingernägel in die Augen und riss ihm einen Büschel Haare aus. Als der Mann von ihr abließ, flüchtete sie zu den Nachbarn, die um 17.30 Uhr die Polizei verständigten.

Im Weggehen klingelte der Täter an der Wohnungstür der Nachbarn und sprach von einem "Missverständnis". Der Frau schrieb er noch eine Handynachricht: "Leb wohl - ich rufe die Polizei an oder gehe selber vorbei." Was er auch tat. Um 18.15 Uhr stellte er sich auf der Kulmbacher Polizeiwache und wurde festgenommen.

"Ich rufe die Polizei an": Mann stellt sich selbst

Vor Gericht gab der Angeklagte an, dass er sich an den Streit und die Tat nicht erinnern könne. Er sei erst zu sich gekommen, als er auf ihr saß und sie würgte und sie sagte: "Schatz, ich lieb' Dich." Für das, was er getan hat, hasse er sich selbst, sagte er.

Professor Peter Betz aus Erlangen hatte die Geschädigte und den Angeklagten kurz nach der Tat untersucht. Bei beiden seien Spuren von Crystal-Konsum festgestellt worden - allerdings keine größeren Mengen. "Für Konsumenten, die regelmäßig etwas nehmen, war es nichts", sagte der Rechtsmediziner. Durch Alkohol dürfte der Angeklagte zusätzlich enthemmt gewesen sein: Maximal könne ein Wert von 1,44 Promille angenommen werden.

Betz stellte bei dem Mann die erwähnten Kratzspuren fest und bei der Frau Einblutungen im Bereich der Augen, die auf starkes Würgen und Drosseln schließen lassen. "Es passt alles zum Tatgeschehen, wie es die Frau geschildert hat", stellte er fest. Auf die Frage des Vorsitzenden, wie gefährlich das Tatgeschehen war, meinte der Sachverständige: "Es hätte auch anders ausgehen können." Wenn die Sauerstoffzufuhr des Gehirns drei Minuten unterbunden wird, bestehe Todesgefahr. Für nicht realistisch hielt er die Liebeserklärung der Frau, während sie gewürgt wurde: "Die Geschädigte hatte andere Sorgen."

"Es hätte auch anders ausgehen können"

Der forensische Psychiater Thomas Wenske aus Erlangen attestierte dem Angeklagten eine Suchtmittelabhängigkeit und sprach sich für die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt aus. Er hielt eine Therapiedauer von zwei Jahren für notwendig.

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Staatsanwältin Sandra Staade ging nicht mehr von einem versuchten Totschlag aus. Der Angeklagte habe zwar mit Tötungsvorsatz gehandelt, davon sei er aber strafbefreiend zurückgetreten. Wegen gefährlicher Körperverletzung forderte sie viereinhalb Jahre Gefängnis. Keinen Tötungsvorsatz sah Verteidiger Alexander Schmidtgall. Er plädierte für eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

Die Strafkammer kam zu einem Schuldspruch wegen gefährlicher Körperverletzung und schloss sich der Auffassung der Staatsanwaltschaft an. Vorsitzender Richter Bernhard Heim erklärte: So massiv wie der Mann tätig geworden ist, müsse man zumindest von einem bedingten Tötungsvorsatz ausgehen. Er habe dann aber freiwillig aufgehört, denn er hätte die Tat weiter ausführen können. Das Gericht verhängte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und ordnete an, dass der Mann in einer Entziehungsklinik untergebracht wird. Wenn er die zweijährige Therapie erfolgreich absolviert, habe er die Chance, dass sie ihm die Reststrafe zur Bewährung erlassen wird. Das Urteil ist rechtskräftig. Alle Beteiligten verzichteten auf Rechtsmittel.