Der Biber ist der Chef im Garten. Er entscheidet, wann ein Apfelbaum gefällt und wo ein Loch gebuddelt wird, und er legt den Zugang zum Wasser fest. Birgit, August, Uschi und die anderen zweibeinigen Gartenbewohner sehen es gelassen. Machen könne man ja eh' nichts, sagen sie. Und der Biber gehöre halt dazu zu ihrem kleinen Stückchen Paradies.

Der Eingang zum Paradies ist nicht leicht zu finden. Birgit Kemmelmeier erwartet mich in der Nähe des ehemaligen Güterbahnhofs und führt mich über Schotterflächen, auf denen Nachtkerzen und Rainfarn blühen. Sie biegt ab auf einen schmalen Pfad durch mannshohes Gebüsch. So erreichen wir ihre kleine Gartenparzelle am Mühlkanal, der seit einiger Zeit wieder "Weißer Main" heißt, dort aber noch ein richtiger Kanal zwischen Mauern und Steilufern ist.

An der Böschung unübersehbare Spuren: "Da geht der Biber ins Wasser". Mitten im Garten ein Loch. Birgit Kemmelmeiers Sandkasten zu der Zeit, als erst ihre Oma und dann ihr Vater den Garten bewirtschaftet haben. Jetzt eingebrochen, weil der Biber darunter eine Höhle gegraben hat. Birgit Kemmelmeier hat die gefährliche Stelle mit einem rot-weißen Flatterband markiert. "Es ist halt so."

Stille genießen

Ein paar Meter daneben haben noch vor wenigen Wochen die Akeleien üppig geblüht. Eine Pfingstrose steht dort, blaublühender Rittersporn und ein noch winziger Apfelbaum, mit Drahtgitter umwunden in der Hoffnung, dass wenigsten hier der Biber die Zähne davon lässt. Auf einem Stuhl vor einer verwitterten Hütte sitzt Birgit Kemmelmeier oft, genießt - vor allem am Wochenende - die Stille, die nur von ein paar Zügen unterbrochen wird, die hin und wieder vorbei rattern.

Manchmal besucht sie ihre Nachbarn. August Heckmann hat seine Gartenparzelle vor gut zehn Jahren gepachtet. Nicht einmal neunzig Euro bezahlt er dafür. Im Jahr. Mit seiner Freundin Uschi Spindler verbringt er so viel Zeit wie möglich im Garten. Vor allem im Sommer ist es dort angenehmer als in der Wohnung in der Innenstadt.

Der Garten der beiden ist größer als der von Birgit Kemmelmeier, heller, bietet mehr Nutzfläche. Im Gewächshaus haben sie schon vor Wochen die ersten Gurken und Tomaten geerntet. Die Kirschenernte fiel heuer aus. "Alle madig", sagt Uschi Spindler.

Der große Apfelbaum, der immer so leckere Äpfel lieferte, ist mittlerweile Geschichte: Der Biber hat ihn zu Fall gebracht. Nun liegt das Gerippe am Boden. Die Gartenbesitzer haben Blumenampeln dran gehängt, nehmen ihrem pelzigen Mitbewohner seine Tat nicht übel.

Seine Taten - das wäre korrekter. Denn der Biber hat auf dem Grundstück auch einen großen Graben gezogen, metertief: Sein persönlicher Zugang zum Mühlkanal. Wer von der geräumigen Gartenhütte hinüber will zum Schuppen, in dem ein Campingklo steht, muss nun einen großen Schritt machen. "Es ist halt so."

Gemüse und Brennesseln

Meine Gastgeber führen mich ein Grundstück weiter. Einen Zaun gibt es nicht. Ich soll mich ruhig umschauen, meinen sie. Die Nachbarn haben bestimmt nichts dagegen. Die Parzelle sieht ein wenig wild aus, aber die Wildnis hat System. An der Böschung stehen Bienenkästen. zwischen rosa Mohn, roten Dahlien und goldleuchtenden Ringelblumen ein Gewächshaus, daneben ein Hochbeet, mit stabilem Maschendraht gesichert: Nicht nur der Biber ist hier aktiv, auch Wildhasen fühlen sich wohl, würden, wenn man sie ließe, Rote Beete, Lauch oder Blumenkohl nicht verschmähen.

Zwölf Gärten befinden sich hier entlang des Mains, alle so individuell wie ihre Besucher. Da gibt es den großen Gemüsegarten mit akkurat eingefassten Beeten, auf denen Weißkohl wächst und Lauch. Oder das kleine Grundstück, das sich die Natur schon längst zurückerobert hat. Die Besitzer besäßen mittlerweile ein Eigenheim mit Garten, wissen die Nachbarn. Nur noch hin und wieder kämen sie vorbei, um die Brennesseln abzumähen und die Zwetschgen abzuleeren.

Alles in allem: Ein kleines Paradies, in dem sich nicht nur die Menschen wohlfühlen, sondern auch Biber, Bisam, Eidechsen und Eichhörnchen.

Aber über dem Paradies sind dunkle Wolken aufgezogen. Die Gärten liegen am Rande jenes Geländes, auf dem einmal der Campus entstehen soll. Die ausgedehnten Schotterflächen mit den Resten der alten Gleisanlagen sollen verschwinden. Vorlesungsräume sollen gebaut werden, eine Mensa, eventuell ein Studentenwohnheim.

Noch ist das Zukunftsmusik. Ein Teil des Geländes befindet sich noch im Besitz der Kulmbacher Brauerei, die mit der Immobilen Freistaat Bayern (IMBY) über einen Verkauf verhandelt. Die IMBY ist ein Staatsbetrieb, der im Auftrag des Finanzministeriums die Liegenschaften des Freistaates verwaltet.

Zum Stand der Verhandlungen mag niemand so recht etwas sagen. "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zu dem laufenden Verfahren gegenwärtig nicht äußern möchten", sagt eine Sprecherin der Kulmbacher Brauerei. Markus Stodden, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, äußerte am Rande der Hauptverhandlung in dieser Woche nur: "Ob der Freistaat Bayern unsere Grundstücke auf dem Güterbahnhofsgelände zur Errichtung des Uni-Campus erwirbt, liegt nicht in unserer Hand."

"Sondierungsgespräche"

Auch von der Immobilien Freistaat Bayern bekommen wir auf unsere Anfrage eine ziemlich nichtssagende Antwort: "Aktuell laufen Sondierungsgespräche mit dem Eigentümer der Fläche am ehemaligen Güterbahnhof. Wir bitten um Verständnis, dass wir zu laufenden Verhandlungen keine genauere Auskunft geben können", schreibt uns die stellvertretende Geschäftsführerin Karin Hruschka.

Ob man bei der Bahn-Landwirtschaft mehr weiß? Diese Organisation ist eine betriebliche Sozialeinrichtung der Deutschen Bahn Aktiengesellschaft und des Bundeseisenbahnvermögens, die nicht für den unmittelbaren Eisenbahnbetrieb nötige Flächen vor allem zur Nutzung als Kleingärten zur Verfügung stellt. An die Bahn-Landwirtscahft bezahlen Birgit Kemmelmeier, August Heckmann und die anderen Gärtner noch heute ihre Pacht.

In der Geschäftsstelle in Nürnberg verweist uns der Anrufbeantworter auf die Öffnungszeiten in der nächsten Woche. Auch auf unsere Mail werden wir wohl erst dann eine Antwort bekommen.

Die Gärtner verfolgen die Diskussion um den Campus genau. Was wird aus ihren Gärten, wenn es losgeht mit den Bauarbeiten? Können sie bleiben? Müssen sie gehen? Und wenn ja - wann? "Das Dach ist undicht", sagt August Heckmann und zeigt auf sein Gartenhaus. "Ich frage mich, ob es sich noch lohnt, da was zu machen."

Birgit Kemmelmeier würde ihren Garten vermissen. Viele Kindheitserinnerungen hängen dran. Heute, längst erwachsen, schätzt sie die Ruhe, die sie dort nach einem langen Arbeitstag findet.

Noch weiß keiner etwas Genaues. Für August Heckmann und Uschi Spindler aber steht schon fest: In eine andere Kleingartenanlage umziehen wollen sie nicht. Bequemer wäre es dort vielleicht mit Wasseranschluss, Stromversorgung und gepflegten Zufahrtsmöglichkeiten. Aber gerade die Schlichtheit und die Abgeschiedenheit ist es, die sie so schätzen. Mit den Regeln und Vorschriften in Kleingartenanlagen, die von einem Verein getragen werden, könnten sie sich wohl nicht anfreunden, meinen sie. Sie agieren in ihrem kleinen Paradies lieber so, wie es ihnen gefällt. Und wie es der Biber, der Chef im Garten, will.