Freilaufende Hühner halten viele Bauern. Irmgard Dietl aus Veitlahm hält ihre Hühner in einem Hühnermobil, das mitten auf der grünen Wiese steht.
Können Hühner glücklich sein? Die Werbung versucht, uns das zu suggerieren. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob man die emotionale Verfassung von Federvieh mit menschlichen Maßstäben messen sollte. Aber wissen es genau: Könnten Hühner auf Menschenart glücklich sein - sie wären es hier, auf der Wiese am Ortsrand von Veitlahm.
200 braun-weiße Hühner hüpfen, flattern, scharren und gackern zwischen Gras und Löwenzahn unter einem blauen Frühlingshimmel mit weißen Bilderbuch-Wolken. Mittendrin ein paar stattliche weiß-bunte Gockel und zwei Zwergziegen - und die Besitzerin des Hühnerhaufens, Irmgard Dietl. Die betreibt im Mainleuser Ortsteil Veitlahm einen Bio-Bauernhof, hält dort seit jeher auch Legehühner. Vor eineinhalb Jahren hat sie die Eierproduktion ausgebaut. Aber statt einen weiteren Stall zu bauen, hat sie sich ein "Hühnermobil" angeschafft.
Dabei handelt es sich um einen fahrbaren Anhänger, in dessen großem Aufbau sich auf zwei Etagen Sitzstangen sowie Futter und Wasserspender und ein Scharr-Raum befinden - ein transportabler Stall also, der problemlos mit dem Traktor an immer neue Standort gezogen werden kann.Noch steht das Hühnermobil im Winterquartier am nördlichen Ortsrand. Aber bald geht es wieder hinaus auf die Kleefelder.
Als Biobäuerin hält Irmgard Dietl auf ihren Äckern eine bestimmte Fruchtfolge ein. "Drei Jahre lang wird Getreide angebaut, danach kommt der Klee", erläutert sie. Und dort, wo der Klee wächst, dürfen die gut 200 Hennen und die fünf Gockel nach Herzenslust scharren. Weil nur Grünfutter natürlich nicht reicht, gibt es zusätzliches Futter im Hühnermobil - und besondere Leckerbissen aus einem Eimer voll mit Getreide, das Irmgard Dietl mit weit ausholenden Handbewegungen verstreut.
Dann ist nicht nur unter den Hühnern das Gedrängel groß. Auch Lucy und Ella, die beiden Zwergziegen, weichen ihrer Besitzerin nicht von der Seite; schließlich fällt auch für sie einiges ab. Die beiden Ziegen haben eine wichtige Aufgabe auf der Hühnerwiese: "Wir haben mit 220 Hühnern angefangen", berichtet Irmgard Dietl. "Jetzt sind es nur noch 200. Die anderen hat wohl der Habicht geholt." Aber seit Lucy und Ella die Hühnerschar bewachen, traut sich der Raubvogel wohl nicht mehr so richtig heran - Verluste gibt es seither nicht mehr.
Was tagsüber der Habicht, ist nachts der Fuchs: eine tödliche Gefahr für das Federvieh. Aber auch dafür ist rund ums Hühnermobil vorgesorgt. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach liefert Strom für einen automatischen Schließmechanismus. Mit Einbruch der Dämmerung suchen die Hühner von selbst Schutz im Stall. Wenn es dann richtig dunkel wird, gehen die großen Klappen an der Seite des Anhängers zu - räuberische Besucher haben da keine Chance mehr. Wenn es morgens hell geworden ist und wärmer wird auf der Wiese, gehen die Klappen wieder auf.
Auch im Winter! "Meine Hühner sind das ganze Jahr über draußen", sagt die Bäuerin. Wenn es sehr kalt ist, bleiben sie viel auf den Sitzstangen oder scharren im Inneren des Hühnermobils."
Und natürlich tun die Hühner fleißig auch das, wozu sie da sind: Sie legen Eier. An der Längsseite des fahrbaren Stalls gibt es Nester, die mit Dinkelspelz ausgestreut sind. Wenn Irmgard Dietl die Klappe öffnet, kann sie problemlos die großen, braunen Eier einsammeln.
Insgesamt 300 Hühner gehören zum Hof - und die legen zuverlässig täglich um die 280 Eier. Die werden verkauft, teils an Großabnehmer wie Biomärkte, vor allem aber im Direktvertrieb an einen festen Kundenstamm. Sie könnte noch viel mehr verkaufen, sagt Irmgard Dietl. Aber noch mehr Hühner - das wäre dann doch zu viel.
Ihren Hof bewirtschaftet Irmgard Dietl nach den strengen Bioland-Vorgaben. Die Hühner haben also mindestens doppelt so viel Platz wie Hühner in konventioneller Haltung.Freilich ist auch das Leben einer Bioland-Legehenne endlich. Als Küken werden sie vom Züchter gekauft, durchschnittlich 16 Monate lang liefern sie dann Eier. Mit der Mauser stellen die Hühner die Eier-Produktion zunächst ein. Danach sind noch einige Eier in der Woche möglich. Für einen rentablen Betrieb, ohne den es auch im Bio-Landbau nicht geht, lohnt sich das aber nicht mehr.
Das eine oder andere Huhn landet dann als Suppenhuhn in der Küche. Die anderen finden bei Hobby-Hühnerhaltern ein neues Zuhause - und liefern auch dort das, was uns die Werbung so vollmundig anpreist: Eier von glücklichen Hühnern.