Unter dem Bretterbau versieht ein Gastarbeiter seinen Dienst. Ein Visum braucht der Österreicher nicht, die Einreise aus Bregenz am Bodensee ging auf der Ladefläche eines Siebeneinhalbtonners über die Bühne. 1996 war das, im Januar. Die ideale Jahreszeit, um unter Wasser eine Turbine aus einem Kraftwerk auszubauen. "Kalt war's", sagt Hartmut Kolb. Mit Daumen und Zeigefinger deutet er drei Zentimeter Abstand an. "Sooo kalt."

Die Geschichte der Wasserkraftnutzung in der Frischenmühle reicht aber weiter zurück als diese 17 Jahre. Seit hundert Jahren besteht das Wasserrecht für die Mühle am Roten Main. "Stimmt, da müssten wir ja Jubiläum feiern", sagt Kolb und öffnet eine Holztür, die in eine vergangene Zeit führt. Ein Mahlwerk ragt in den Raum, nimmt fast die gesamte Höhe in Beschlag. Die Apparatur sieht aus, als würden sich Riesen damit Kaffee aufbrühen.
Das Monstrum hat Hartmut Kolbs Vater gute Dienste geleistet. "Bis 1982 hat er damit Mehl gemahlen."

Der Rote Main fließt danach zwar weiter den mäandernden Abschnitt in Unterzettlitz hinab - aber die Kraft des Wassers soll anderweitig genutzt werden. In Hartmut Kolb bahnt sich ein Gedanke seinen Weg: Die Mühle könnte doch dazu taugen, Strom zu produzieren. Immerhin passiert der Fluss hier einen Höhenunterschied von knapp 1,80 Metern und rauscht mit etwa zwei Kubikmetern Wasser pro Sekunde durch. Kolb beginnt mit der Energiegewinnung, zunächst Gleichstrom für den eigenen Bedarf zum Heizen. Später nimmt die ehemalige EVO den Strom ab. "Einen gesetzlich festgelegten Preis gab es nicht wie jetzt beim Erneuerbaren-Energie-Gesetz", erinnert sich Kolb. Der umtriebige Bastler verbessert die betagte Turbine, baut die notwendigen elektronischen Schaltungen und Relais ein.

Magere zwei Kilowatt zu Beginn

Doch schnell wird klar: Die Leistung des Aggregats lässt für die neue Verwendung stark zu wünschen übrig. "Nach ersten Berechnungen hätte ich rund 15 Kilowatt erzielen müssen, es waren aber gerade mal zwei bis drei." Ein ernüchterndes Fazit. "Auf Dauer wäre dieser Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand gestanden."

Ein anderer Wasserkraft-Enthusiast schließlich bringt den 51-Jährigen auf die richtige Spur. Die beiden tüfteln an den Einstellungen, verändern die Mechanik - und siehe da: Einige Monate später schießt die Leistung auf fast 30 Kilowatt hoch. "Damit lässt sich die Anlage wirtschaftlich betreiben." Das stachelt Hartmut Kolb an, mehr über die Zusammenhänge zu erfahren. Er taucht tiefer ein in die Materie Wasserkraftnutzung, studiert Bücher, bespricht sich mit Experten, macht fast aller selber. "Man kann ja nicht für jeden Klacks gleich eine teure Fachfirma kommen lassen."

Fühler aus der Waschmaschine

Als er sich 1996 die zwar ebenfalls gebrauchte, aber weit modernere Turbine vom Bodensee besorgt, gewinnt das Abenteuer Energiegewinnung weiter an Dynamik. Und bringt besondere Eigenkreationen hervor. Mit einem Grinsen deutet er auf ein Kabel am Antriebsriemen. "Am Schwungrad arbeitet ein Temperaturfühler aus einer Waschmaschine. Den habe ich ausgebaut und der taugt jetzt dazu, um mir eine mögliche Überhitzung zu melden."

Etwa 180   000 Kilowattstunden leistet die Anlage im Jahr. "Die Einspeisevergütung ist mit 7,67 Cent verhältnismäßig gering, verglichen mit der Förderung für Photovoltaik oder auch Windkraft." Dabei stört Kolbs Anlage weder eine Wolke noch eine Windflaute. "Höchstens bei Niedrigwasser in den Sommermonaten, da geht weniger. Ansonsten kann ich praktisch Grundlast liefern." Es sei denn, im betagten Getriebe der Turbine rumort es. So wie vor zwei Jahren, als nichts mehr ging. Zweieinhalb Monate stand die Anlage still. "Den Ausfall übernimmt natürlich keiner."

Der Großteil der erzeugten Energie geht ins öffentliche Netz, vorher zweigt der Unterzettlitzer Strom für den Eigenverbrauch ab. "Ich könnte damit an die 50 Haushalte versorgen - unser Ort wäre energie autark." Die Stromgewinnung ist "ein schönes Zubrot", sagt der 51-Jährige. Als Einkommen allein, um die Familie zu ernähren, reicht es aber nicht. Der gelernte Textilmaschinenführer betreibt deshalb einen Schärf- und Schleifdienst auf seinem Anwesen und arbeitet in Teilzeit bei einer Kulmbacher Kanalreinigungsfirma.

Die Stromerzeugung hat aber einen Nachteil: "Ich muss quasi immer auf Abruf da sein." Wenn Hochwasser ansteht, der Rechen am Turbinenhaus verstopft ist oder Eis gegen das Schott drückt, dann muss Hartmut Kolb ran. "Wenn mich nachts die Automatik warnt, dass wieder etwas nicht rund läuft, muss ich aufstehen, da hilft nichts." Der letzte Urlaub ist deswegen "schon eine Weile her".

Dazu erfordert der Umbau der Frischenmühle viel Kraft und Eigenleistung. Die Fischtreppe auf der gegenüberliegenden Uferseite ist eine ökologische Ausgleichsmaßnahme für die Wasserkraftnutzung, quasi eine Umleitung für Forelle & Co. Der sich schlängelnde Seitenarm ist vor drei Jahren entstanden. "Da, wo der Bagger nicht hinkam, haben meine Frau, meine Tochter und ich die Diabasbrocken eigenhändig aufgehäuft." Rund 40 Tonnen Stein mussten mit Muskelkraft bewegt werden. Der Lohn ist ein Biotop, das sich nahtlos einfügt in die Landschaft. Und dessen Plätschern bisweilen sogar das Rauschen der Turbine übertönt.