Man mag es manchmal nicht recht glauben, aber fast jeder Mensch legt in einem gewissen Maße Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild. Schließlich möchte keiner im Kreise seiner Mitmenschen als ungepflegt, am Ende gar als unattraktiv gelten - relativ simple Psychologie.

Deutliche Unterschiede existieren jedoch in der dafür aufgewandten Zeit, das Trennungskriterium: Das Geschlecht. Und dennoch bin auch ich als Mann tagtäglich bemüht, bei minimalem Zeitaufwand das Beste aus mir herauszuholen. Die Morgentoilette (die zugegebenermaßen manchmal einem Marathon gleicht), die Wahl der richtigen Kleidung, die Frisur - routiniert wird das Programm durchgezogen, bis man seinem Spiegelbild sagen möchte: "Dich kann man guten Mutes auf die Straße lassen."

Frisch und gepflegt ist man bereit, in den Tag zu starten, doch schon nach einem kurzen Fußmarsch bei Eisregen und schneebedeckten Straßen kommt die bittere Erkenntnis: Das vor der Tür ist kein Catwalk, sondern die Realität. Und setzt man fünf Minuten später die bei Temperaturen unter 0 Grad doch empfehlenswerte Wollmütze vom Kopf, hat sich der George Clooney aus dem Spiegel schon in einen Struwwelpeter verwandelt. Mit roter Nase, kalten Füßen und einem angekratzten Ego fragt man sich, ob man die Ansprüche an sein Äußeres für die nächsten drei Monate nicht vielleicht doch herunterschrauben sollte.

Wirft man einen Blick auf die Straßen, ist schnell zu erkennen: Viele Menschen teilen dieses Problem. Man sieht galant gekleidete Damen, die mit hochhackigen Schuhen über vereiste Gehwege stöckeln - ein halsbrecherischer Drahtseilakt. Auch modebewussten Mädchen kann man die tiefe innerliche Reue, am Morgen zu der dünnen Frühlingsjacke statt dem dicken Mantel gegriffen zu haben, im Gesicht ansehen.

Es scheint für mich also nur eine Möglichkeit zu geben: Die Eitelkeit muss warten, bis die ersten Krokusse blühen. Solange sollte ich mich wohl eher an sibirischen Schönheitsidealen orientieren.