Als er zum ersten Mal eine Höhle betrat, war Nils Bräunig, der seit einigen Jahren im Wonseeser Ortsteil Gelbsreuth lebt, fünf Jahre alt. "Das war in Österreich, in der Lamprechtshöhle, gemeinsam mit meinen Eltern", erinnert er sich. Von der elektrisch beleuchteten Schauhöhle aus, habe der Höhlenführer auf einen dunklen Gang gezeigt und erklärt, dass nur Höhlenforscher diesen Teil der Höhle betreten. "Ich hatte das Gefühl, hinter dem schwarzen Vorhang verbirgt sich ein Geheimnis, eine unbekannte Welt. Und ich dachte, diese Höhlenforscher müssen richtige Abenteurer sein", erzählt der 46-Jährige.

Später, mit 14 Jahren, begann er selbst mit der Höhlenforschung, in seiner Heimat, der Schwäbischen Alb. Im Verein lernte er die geologischen Aspekte, vor allem die Eigenschaften verschiedener Gesteine und wie Wasser darin Hohlräume formt. "Unter der Erde hat man direkten Kontakt zur Natur. Sämtliche Umweltreize fallen weg, von der Sonne bis zum Handyempfang." Man habe Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und mit den Menschen, mit denen man unterwegs ist. Teamgeist sei eine der wichtigsten Eigenschaften, die man an so einem lebensfeindlichen Ort brauche, neben Ausrüstung wie Lampen und Seiltechnik.

Vier Tage in einer Höhle

Die längste Zeit, die er jemals in einer Höhle verbracht hat, waren vier Tage am Stück, im Schwarzmooskogel-Höhlensystem im Toten Gebirge in Oberösterreich. "Wir haben unser Biwak in 120 Metern Tiefe aufgeschlagen und von dort aus die unbekannten Gänge erkundet", berichtet der Höhlenexperte. Unter Tage verliere man das Zeitgefühl. "Die Tage werden länger. Ohne es zu merken ist man zwölf Stunden unterwegs, verbringt noch zwei bis drei Stunden im Lager und schläft dann 13 Stunden am Stück" , erklärt Bräunig. Eine der Hauptaufgaben von Höhlenforschern ist die Vermessung von Höhlensystemen, um Karten zu erstellen und die unbekannten Welten dadurch bekannt zu machen. Allerdings gibt es unter der Erde keinen GPS-Empfang, sondern nur Kompass, Neigungsmesser und Maßband.

"Das Vermessen hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich es zum Beruf gemacht habe", berichtet Bräunig. An der Hochschule für Technik in Stuttgart hat er Vermessung und Geoinformatik studiert und danach einige Jahre als Vermessungsingenieur gearbeitet. Mit einer besonderen Laserscanning-Technologie erstellt er 3D-Modelle von Gebäuden, vor allem Industrieanlagen. "Für die Auftraggeber war das beispielsweise für die Planung von Umbauten hilfreich." Das Konzept sei so erfolgreich gewesen, dass er mit zwei seiner Kollegen eine eigene Firma gründete.

2009 verkaufte er seine Anteile aufgrund einer Wirtschaftskrise, setze sich mit seiner Frau Angelika zusammen und überlegte, wo es im Leben hingehen sollte. "Wir wollten einen Bauernhof kaufen, an einem Ort, der uns gefällt, an dem es Höhlen gibt und der relativ zentral in Deutschland liegt." So fiel die Wahl auf die Fränkische Schweiz, genauer auf ein altes Bauernhaus in Gelbsreuth, einem Ortsteil der Gemeinde Wonsees. Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen Marek und Jaro, damals sechs und vier Jahre alt, zogen die beiden in das seit Jahren leer stehende Gebäude und sanierten es größtenteils in Eigenleistung. "Uns war wichtig, den historischen Charme zu erhalten. Daher haben wir traditionelle Bautechniken verwendet, teils mit Naturmaterialien", erklärt Bräunig.

Fünf Jahre lang habe die Hauptbauzeit gedauert. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass so ein Projekt natürlich nie ganz fertig werde. Auf ihrem Bauernhof halten die Bräunigs derzeit neben Hunden und Katzen auch Pferde und Schafe. Das Fleisch ihrer Biolämmer verwerten sie selbst oder verkaufen es ab Hof.

Arbeit mit Menschen

Während Ehefrau Angie als Sozialpädagogin arbeitet, hat sich Nils Bräunig wieder selbstständig gemacht. Vor fünf Jahren gründete er Funis, die Deutsche Schule für Höhle und Seiltechnik. In den Seminarräumen und der Seiltechnikhalle in Gelbsreuth bildet er Menschen aus, die in Höhlen unterwegs sind, pädagogisch arbeiten oder sich in Feuerwehr und Rettungswesen engagieren. Daneben bietet er für Privatleute Höhlenführungen in der gesamten Fränkischen Schweiz an - angefangen vom Schnupperkurs über Kindergeburtstage und Junggesellenabschiede bis hin zu Themenführungen, allesamt mit naturpädagogischem Anspruch. "Ich möchte die Menschen zum schonenden Umgang mit der Natur anleiten und ihnen meine Faszination für Höhlen näherbringen", so Bräunig.

Sogar historische Höhlentouren hat er im Angebot, etwa wenn man mit einer altertümlichen Stalllaterne auf den Spuren des Muggendorfer Höhleninspektors Johann Georg Wunder wandelt. Er hatte 1772 bei Wiesental die nach ihm benannte Wundershöhle entdeckt. "Höhlen hatten für die Menschen früher eine wichtige Bedeutung, etwa als Schutzräume bei Gewitter oder Sommerhitze, als Wasserquelle oder Viehstall", erklärt Bräunig.

Experte für Höhlenrettung

Parallel zur Höhlenausbildung engagiert Bräunig sich seit seiner Jugend auch im Rettungsdienst. In Kombination mit seinem Höhlenwissen macht ihn das zu einem der wenigen Experten im deutschsprachigen Raum für die Höhlenrettung. Das setzt er unter anderem bei der Bergwacht ein. Wie wichtig dieses Wissen ist, zeigte sich im Jahr 2014, als sich in der Nacht auf den Pfingstsonntag ein Höhlenforscher in der Riesending-Schachthöhle in Berchtesgaden knapp einen Kilometer tief unter der Erde schwer verletzte. Durch einen Steinschlag erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma. "Allein für den Weg zur Unfallstelle brauchten die Helfer zwölf Stunden", berichtet Bräunig, der damals Einsatzführer des Höhlenrettungsteams war.

Über den Großeinsatz, an dem auch zahlreiche Rettungskräfte aus Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien beteiligt waren, wurde international berichtet. Nach elfeinhalb Tagen konnte der Verletzte geborgen werden und sich vollständig erholen. Derzeit ist Nils Bräunig nicht nur Sprecher des Höhlenrettungsverbunds Deutschland (HRVD) und Rettungsreferent beim Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher, sondern auch stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Gelbsreuth. "Wir wurden hier sehr herzlich aufgenommen und ich empfinde es als Verantwortung, dass man, wenn man in einer kleinen Ortschaft wohnt, sich auch in der Feuerwehr engagiert", erklärt Nils Bräunig sein Engagement in seiner neuen Heimat Gelbsreuth.