Am 9. Dezember 1946 beginnt der Prozess, nach 139 Verhandlungstagen fällt das Urteil: Tod durch Strang wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Urteil wird im Hof des Kriegsverbrechergefängnisses Landsberg vollstreckt. Die sieben SS-Ärzte werden, die Hände auf dem Rücken gefesselt, die Stufen hinauf zu den Galgen geführt. Einer unter ihnen ist Professor Dr. Karl Gebhardt: SS-Brigadeführer, Leibarzt von Heinrich Himmler, Leiter des Sanatoriums Hohenlychen, einer der skrupellosesten Mediziner der NS-Zeit. Sein Weg hat ihn auch nach Kulmbach geführt, wo er sich 1940 für Monate auf der Plassenburg aufgehalten hat.


Auf der Plassenburg

Am 12. Januar 1940 taucht Gebhardt erstmals in Kulmbach auf. Er steht am Burgtor und begrüßt 81 in den Kasernenhof einziehende Westwallarbeiter.
Ihm zur Seite Fritz Todt, Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen und Architekt der Reichsautobahnen. Dazu ein Schwarm von Fotoreporten aus dem Reichspropagandaministerium, die die Szene ins Bild setzen.
Der Kriegsausbruch bedeutet auch für die Plassenburg eine Zäsur. Vom März 1937 an war sie "Reichsschulungsburg des NS-Bundes deutscher Technik". Ingenieure aus dem gesamten Reichsgebiet wurden zu Seminaren auf die Burg geladen, um Autobahnen, Befestigungsanlagen, Brücken und Wasserwege zu projektieren. Jetzt, im Vorfeld eines Angriffs auf Frankreich, soll sie anderweitig genutzt werden - als Erholungsstätte für die Westwallarbeiter. Seit 1938 sind fast eine halbe Million Arbeitskräfte dabei, zwischen Holland und der Schweiz einen 630 Kilometer langen Befestigungsgürtel mit Bunkern, Stollen und Panzersperren zu errichten. Sie unterstehen dem Kommando Fritz Todts. In rücksichtsloser Effizienz treibt der Generalinspekteur sie zum Erfolg. Die Bezeichnung "Organisation Todt" (OT) hat hier ihren Ursprung: Der Generalinspekteur verwendet den Begriff ab Mai 1938 für "seinen" Bautrupp. Durch seinen Einsatz stößt Todt endgültig zum engsten Führungskreis um Adolf Hitler.
Todt verfolgt mit seinem Plan, angeschlagene, verletzte, oft an Wirbelsäulen-Problemen leidende Westwall-Arbeiter zur Erholung jeweils in Kleingruppen auf die Plassenburg zu schicken, eine doppelte Absicht. Einerseits sollen sie durch eine wirkungsvolle vierwöchige Reha für einen erneuten Einsatz tauglich gemacht werden. Hierfür gewinnt er Karl Gebhardt, den Chefarzt des Sanatoriums Hohenlychen, der als Koryphäe bei Sport- und Arbeitsschäden gilt und zu den prominentesten Ärzten des Landes zählt.
Andererseits dient die Maßnahme der reichsweiten Vermarktung. Unter dem Motto "Männer vom Westwall finden Erholung auf der Plassenburg" erscheint die Aktion in vielen Blättern. Fritz Todt kann sich zusätzlich als fürsorglicher Über-Vater "seiner" Organisation (OT) profilieren, der sich für seine Schutzbefohlenen einsetzt.
Auch in der Kulmbacher Ausgabe der "Bayerischen Ostmark" erfolgen in den ersten Wochen von 1940 fast täglich Elogen auf die "Klinische Abteilung des Generalinspektors" und speziell auf Dr. Gebhardt. "Wie die Kameraden einstimmig bekannten, steht er ihnen wie ein väterlicher Freund beratend und helfend zur Seite", so liest man es zum Beispiel am 5. Februar 1940 in einem Bericht zu einer Rede Gebhardts im Kulmbacher Vereinshaus. Einen Tag später erscheint schon die nächste ganzseitige Reportage. Unter der Überschrift "So schön wie auf der Plassenburg habe ich es noch nie gehabt" kommen Westwall-Arbeiter zu Wort, die vom Essen auf der Burg, den Freizeitangeboten, dem Ausgleichssport schwärmen - vor allem aber von Professor Gebhardt.


Üble Propaganda

Am 27. April 1940 lädt Fritz Schuberth die Bevölkerung zur Abschiedsfeier des dritten "Frontarbeiter"-Gruppe wiederum ins Vereinshaus. Als Star tritt Gebhardt auf. Nach einer kurzen Ansprache präsentiert er einen Film über "sein" Sanatorium Hohenlychen. Er zeigt es als idyllischen Ort in der Uckermark mit fortschrittlichen Therapien zum Wohl der Menschen. Eine üble Propaganda.
Gebhardt übernahm die Klinik Hohenlychen 1935. Er baute die ursprüngliche Lungenheilstätte zu einem Zentrum orthopädischer Erkrankungen und Meniskusschäden aus. Unter seiner Leitung wurde sie Modeaufenthaltsort prominenter Nazis. Heinrich Himmler und Rudolf Heß waren Dauergäste, Hitler selbst ließ sich behandeln.
Bei Kriegsbeginn funktionierte Gebhardt die Klinik zu einem SS-Lazarett um. Er nutzte die Nähe zum KZ Ravensbrück, das nur 12 Kilometer entfernt lag, auf seine Weise: Zwischen Juli 1942 und August 1943 führte er medizinische Versuche durch, um die Wirksamkeit neuer Sulfonamid-Präparate bei Gasbrand zu erproben.


Unvorstellbare Qualen

Hierfür fügte er, unterstützt von den Lagerärzten Fritz Fischer und Herta Oberheuser, 86 Internierten (überwiegend polnische Jüdinnen) Verletzungen an den Unterschenkeln zu. In die Wunden injizierte er Staphylokokken, Gasbrand- und Tetanusbazillen. In einer zweiten Versuchsphase fügte er den Frauen Einschnitte in den Unterschenkel zu, die oft bis zum Knochen gingen. Um die Infektion zu verstärken, rieb Gebhardt Holzspäne und pulverisierte Glasscherben gewaltsam in die Wunde. Nach der künstlichen Infektion begann er die Behandlung mit Sulfonamid. Die Opfer litten unvorstellbare Qualen. Wer überlebte, blieb lebenslänglich verkrüppelt, an Leib und Seele.
Menschen im Umfeld des als Koryphäe gepriesenen Arztes wurden auch anderweitig wie Laborratten "verbraucht": Sein Assistenzarzt Fritz Fischer, SS-Sturmbannführer, operierte einer im KZ wahnsinnig gewordenen Häftlingsfrau das gesamte Schulterblatt heraus, um es einem Privatpatienten in Hohenlychen einzusetzen. Die Frau, die als medizinisches Ersatzteillager diente, wurde ermordet.


Hippokrates in der Hölle

Der französische Arzt und Medizinjournalist Michel Cymes, dessen beide Großväter in Ausschwitz ermordet wurden, hat jüngst ein Buch über die Gräueltaten der KZ-Ärzte vorgelegt. Er nennt es "Hippokrates in der Hölle". Und genau dort gehören furchtbare Mediziner wie Gebhardt und Konsorten auch hin.