Wie, was, wann, wo? Den Schülern der Abschlussklassen brennen seit Monaten viele Fragen unter den Nägeln. Wie und wo wird Unterricht gehalten, was wird in den Prüfungsfächern abgefragt, wann finden die Tests überhaupt statt? Marius Michel gehört zu den Schülern, die diese Fragen umtreiben, die darauf immer wieder neue Antworten bekommen haben. Denn in der Corona-Krise haben die politischen Beschlüsse auch im Schulalltag keine lange Haltbarkeitsdauer. Vom Hin und Her spricht der 19-jährige Kulmbacher, der in die Q12 geht und am CVG sein Abitur macht.

Vieles verpasst

Wer vor Corona das Abizeugnis in der Hand hatte, der hatte mit eine der aufregendsten Zeiten seines Lebens hinter sich. Dem Abijahrgang 2021 entgeht Vieles: Partys und Abschlussfahrten, die in der Pandemie ausfallen, der oft lockere Umgang mit den Lehrkräften in den Kursen und Seminaren, der den Schulausklang zu etwas Besonderem macht. "Meine Eltern sagen immer: Was du alles verpasst! Aber das blende ich aus", sagt Marius Michel, der wie viele Schüler unter dem Lockdown leidet.

Wie die Schule genau abläuft, das erfahre man meist aus der Presse, sagt der 19-Jährige. Bei den häufigen Änderungen sei es schwer, den Durchblick zu behalten." Homeschooling statt Präsenzunterricht war in den vergangenen Wochen auch für die Q12 angesagt. Ab Montag soll das Pauken für die Abschlussklassen wieder im Wechsel zwischen Klassen- und heimischem Jugendzimmer stattfinden. Ob das dann für längere Zeit so bleibt? "Das hängt von den Infektionszahlen ab", sagt Michel, der in den vergangenen Monaten eines gelernt hat: In Corona-Zeiten ist nichts gewiss.

"Das unterschätzt das Ministerium"

Wie die Vorbereitungen auf das Abi laufen? "Die Lehrer geben ihr Bestes, um uns fit zu machen. Der Distanzunterricht funktioniert jetzt viel besser als beim ersten Lockdown im Frühjahr, weil die Videokonferenzen klappen", stellt der Kulmbacher fest. Doch sei die Stoffvermittlung mitunter nicht einfach. "Das wird vom Kultusministerium meines Erachtens unterschätzt".

Die Abi-Zulassungsvorgaben seien immer wieder neu angepasst worden. Dass im vierten Semester jetzt nur noch schriftliche Klausuren in den drei Fächern gehalten werden, in denen die schriftlichen Abiturprüfungen stattfinden, sei eine Erleichterung. "Weil wir uns so noch besser vorbereiten können."

Start erst im Mai

Das Abi wurde um einige Wochen nach hinten verlegt. Auftakt ist am 12. Mai mit Deutsch. "Ich hoffe, dass der Termin auch eingehalten wird", sagt Marius Michel. Was er sich wünscht? Dass er und seine Mitschüler nicht als "Corona-Abiturienten" verschmäht werden. Die Frage, ob 2021 die Allgemeine Hochschulreife leichter zu schaffen ist, wie so mancher behauptet, könne man nicht beantworten, denn man dürfe nicht vergessen, dass die Bedingungen in der Q12 alles andere als optimal seien. Die Abiturienten im Vorjahr seien mit ihrem Stoff fast durch gewesen, als der Lockdown im März erfolgte. "Davon können wir nur träumen", sagt Michel, der sich keinen Freifahrtschein wünscht, sondern Prüfungen, die angesichts des fehlenden Unterrichtsstoffs "nicht in die Breite, aber durchaus in die Tiefe gehen sollen". "Denn wir wollen nichts geschenkt bekommen."

"Corona-Abi"? Davon will auch Sahin Wißlicen nichts wissen, der an der Fachoberschule sein Fachabi macht. "Wer sagt, wir haben es einfach, der irrt sich. Wir haben es meiner Meinung nach sogar schwerer als die Abgänger in den letzten Jahren", sagt der 18-Jährige. Der Schulstoff sei kaum gekürzt worden, das Unterrichtsmaterial zuhause aufzuarbeiten, kein leichtes Unterfangen. Die Motivation fehle zuweilen, sagt Wißlicen. "Es kommt schon mal vor, dass man erst kurz vor Beginn des Homeschoolings aufwacht und dann mit dem Laptop im Bett sitzt." Den Ausführungen der Lehrkräfte könne er im Präsenzunterricht besser folgen. "Das eigene Zimmer ist halt doch kein optimaler Lernort."

"Wir müssen alles wissen"

Auch Sahin Wißlicen beklagt, dass es beim Informationsfluss mehr als hapert. Man werde vom Kultusministerium immer wieder mit neuen Regelungen konfrontiert. "Keiner weiß Bescheid, aber wir müssen alles wissen", sagt der Fachabiturient. Vom "geschenkten Abi" könne nicht die Rede sein. "Wer das behauptet, geht völlig an der Realität vorbei."

Hierzu ein Kommentar von Alexander Hartmann

Hochachtung statt Häme

Wird den Schülern das Abitur in diesem Jahr nachgeschmissen? Nein, betont das Bayerische Kultusministerium. Und es findet damit die Zustimmung vieler Kollegstufenschüler, die "faire" Prüfungen fordern. Denn eines wollen sie unbedingt vermeiden: Dass sie als Corona-Abiturienten abgestempelt, ihnen dadurch auf dem weiteren beruflichen Lebensweg Steine in den Weg gelegt werden.

Was man schon jetzt feststellen kann: Die Abiturienten haben wie Schüler aller anderen Schularten Anerkennung verdient. Dafür, dass sie sich durchgekämpft haben in einer Zeit, in der die Schule keine Schule war. Unterrichtsausfälle, ständiger Wechsel zwischen Distanz-, Wechsel- und Präsenzunterricht, technische Pannen, die vor allem die Zeit im ersten Lockdown geprägt haben, Vorgaben, die heute gelten, morgen aber schon Geschichte sein können: Wer bei dem Chaos, das das Kultusministerium zu verantworten hat, den Durchblick behalten, sich im Selbstunterricht am Riemen gerissen und auf die Prüfungen gut vorbereitet hat, dem gebührt Hochachtung, keine Häme.

Ob das Corona-Abitur die Zukunftsaussichten schmälert? Ich hoffe es nicht, vertraue darauf, dass mögliche künftige Arbeitgeber die Leistungen der Schüler würdigen. Zumal auch sie in ihrer Jugend erfahren haben dürften: Gepaukt wird in der Schule allen voran für die Prüfungen, nicht unbedingt fürs spätere Leben. Wenn da Lehrpläne entschlackt wurden, dürfte kein Absolvent wirklich Schaden genommen haben.