Über der Eingangstür des auffallend großen Hauses Fischergasse 5 befindet sich eine Steintafel mit Inschrift und Hauszeichen. Darauf ist zu lesen: "Dieses Haus steht in Gotteshand ist der Blaue Bock genannt - 1730 Johann Michael Miller."

Was bedeutet diese geheimnisvolle Tafel? Im Rankendekor der Sandsteintafel ist ein gehörnter Bock halbplastisch eingemeißelt. Zwischen den Vorder- und Hinterläufen des Tieres befindet sich ein Wasserzuber, darüber erkennt man noch Schermesser.


Ehrbares Handwerk


Die Steintafel bezieht sich ganz einfach auf das Handwerk der Rotgerber. Ab 1531 lebten und arbeiteten hier in der Fischergasse 5 ehrbare Rotgerber. Nach der Heckelschen Chronik zählte man in Kulmbach in dieser Zeit jeweils sieben Rot- und Weißgerber.

Die Rotgerber wurden auch Lohgerber genannt. Aus Rinderleder machten sie Sohlenleder. Dazu legten sie die geschälten Häute lange Zeit in Gruben mit Eichenlohe.

Da für die Gerberei generell große Mengen an Wasser benötigt wurden, lagen Gerbereien meist an einem Fluss, Bach oder Kanal, denn nicht nur bei der Vorbereitung zur Gerbung, sondern auch nach der Entnahme aus der Gerblohe mussten die Häute für viele Stunden gespült und gewässert werden.

Durch das anschließende Trocknen der gespannten Häute an der Luft vollendete sich der chemische Gerbvorgang. Als letzte Arbeitsgänge erfolgten das Walzen, Glätten, gegebenenfalls das Spalten sowie das Wachsen und Beschneiden des Leders.

Die klassische Gerbung in Lohgruben konnte zwischen sechs Monaten und drei Jahren dauern, je nach Ausgangsmaterial und gewünschter Qualität, wobei die Häute alle zwei bis vier Monate umgeschichtet werden mussten.


Extreme Geruchsbelästigung


Aufgrund der extrem starken Geruchsbelästigung wurden die Gerber durch die im Mittelalter entstehenden Stadtordnungen vielerorts dazu verpflichtet, sich am Stadtrand oder in Vorstädten anzusiedeln, auch führten die beim Waschen der Leder ausgeschwemmten Stoffe wie Alaun, Arsenik, Kalk und Salz sowie Fleisch- und Haarreste zu einer enormen Verunreinigung der Gewässer führte.

In einem Reisebericht aus dem Jahr 1792 liest man, "daß neben den üblichen städtischen Handwerkern besonders die zahlreichen Ledergerbereien große Umsätze tätigten". Die Rotgerber waren stets auf der Leipziger Messe vertreten und fanden dort gute Absätze.

Nachdem dem Haus im Jahr 1656 ein "Beckenrecht" eingeräumt worden war, muss hier eine Schenke angenommen werden. Das Haus Fischergasse 5 hatte Anteile am Brauhaus bei der "Steinernen Säule" in der Sutte.
Urkundlich benannt ist der "Blaue Bock" erstmals 1670. An einer Erbauseinandersetzung ist der Bildhauer Andreas Müller (1641 - 1674) aus Plos beteiligt. Dieser lernte in der bekannten Werkstatt des Hans Georg Schlehdorn in Kulmbach. An Andreas Müller erinnert noch der Nothelferaltar aus Vierzehnheiligen, 1665 geschaffen und 1722 in die Nothelferkirche von Haßlach bei Teuschnitz im Frankenwald überführt.


Gerbgruben zugeschüttet


Von dem Stifter der kulturgeschichtlich wertvollen Sandsteintafel von 1730 lässt sich leider wenig in Erfahrung bringen. Michael Müller war beruflich auch Rotgerber, ist aber vor 1755 verstorben, die Witwe Elisabeth Barbara Müller, eine Geborene Pöhlmann, ging später eine zweite Ehe ein.

1891 erwarb der Schreinermeister Johann Nikolaus Schoberth das Gebäude. Die Gerbgruben wurden um die Jahrhundertwende zugeschüttet.