Gewerkschaften stehen für Solidarität und Gerechtigkeit. Grundsätze, die in der Corona-Pandemie eine besondere Bedeutung bekommen haben. "Solidarität ist Zukunft", betont der DGB in seinem Aufruf zum 1. Mai, nachzulesen im Internet unter www.dgb.de. "Wenn wir in den langen Monaten der Pandemie eines gelernt haben, dann das: Niemand bewältigt diese Krise allein. Nur wenn wir gemeinsam handeln, finden wir den Weg in eine gute Zukunft."

Der DGB weicht mit seiner zentralen Veranstaltung am Tag der Arbeit ins Internet aus. Gesendet wird der 90-minütige Livestream aus der DGB-Zentrale in Berlin ab 14 Uhr über Facebook, Youtube und die DGB-Webseite. Mit dabei sind namhafte Künstler in einem bunten, politischen Programm von Poetry Slam bis zum größten Chor Deutschlands. Aber was wird aus der Maifeier in Kulmbach? Wir sprachen mit dem DGB-Kreisvorsitzender Detlef Ramming (49), Mitarbeiter und Betriebsrat beim Gewürzhersteller Raps.

Findet die traditionelle Kundgebung im Mönchshofgarten statt?

Detlef Ramming: Wir hatten ein Konzept ohne Bewirtung, mit Abstand und Masken. Aber die Inzidenzzahlen in Kulmbach sind hoch, die Infektionslage ist schwierig. Deshalb haben wir uns entschlossen, die Maifeier abzusagen. Sie kann heuer leider erneut nicht stattfinden. Wir hatten mit Claudia Tiedge vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) eine prominente Rednerin. Kulmbach ist Lebensmittelstandort, und wir mussten davon ausgehen, dass viele Zuhörer aus der Branche kommen. Sie hätten vielleicht das Virus in die Betriebe getragen. Das wäre zu gefährlich gewesen. Wir wollen versuchen, dass wir Claudia Tiedge in den nächsten Jahren als Rednerin bekommen.

Bleibt die Gewerkschaftsarbeit in Zeiten der Pandemie liegen?

Nein, keinesfalls. Gerade in diesen Zeiten ist eines wichtiger denn je: zu zeigen, dass die Gewerkschaften für die Menschen aktiv sind. Wir haben einen politischen Auftrag und kümmern uns immer um Arbeitnehmerrechte. Wir haben heuer ein wichtiges Wahljahr und wollen am 1. August, wenn es möglich ist, eine politische Veranstaltung zur Bundestagswahl durchführen. Wir wollen mit Vertretern der Parteien diskutieren und erwarten von ihnen Antworten zu unseren Wahlprüfsteinen.

Kommen Arbeitnehmerrechte in der Corona-Pandemie unter die Räder?

Hier muss man differenzieren. In großen Betrieben sind die Arbeitnehmer gut organisiert. Aber in kleinen Unternehmen wird die Lage zunehmend schwieriger. Der Einzelhandel, der für die Innenstädte so wichtig ist, oder die Gastronomie und kleine Brauereien, die für unser schönes Oberfranken eine große Bedeutung haben, werden von der Politik im Stich gelassen. Die Gelder fließen nicht so, wie es notwendig wäre, und die Unternehmen haben Probleme, ihr Personal zu halten. Wenn die Leute mal weg sind, kommen sie wahrscheinlich nicht mehr zurück. Ohne Mitarbeiter geht es dann an die Existenz der Betriebe.

Funktionieren die Corona-Testungen in den Betrieben?

Ja, in vielen Unternehmen sind die Testungen angelaufen. Zum Teil haben die Mitarbeiter Selbsttests bekommen, zum Teil wird in den Betrieben getestet. Die große Mehrheit der Leute macht auch mit. Aber es reicht nicht, wenn nur ein Test pro Woche vorgesehen ist. Da muss mehr gemacht werden.

Was läuft aus Ihrer Sicht schlecht beim Kampf gegen die Pandemie?

Es war schon traurig, wie jetzt ein paar Wochen lang die Frage der Kanzlerkandidatur in der Union wichtiger war als die Bekämpfung von Corona. Vor allem die Situation an den Schulen ist sehr unbefriedigend. Deutschland als hoch industrialisiertes Land hat es nicht geschafft, überall vernünftige Internetverbindungen auf die Beine zu stellen. Mittlerweile sind die Schüler müde und haben keine Lust mehr auf Onlineunterricht. Für die Lehrer ist es schwer, den Stoff zu vermitteln, schwächere Schüler werden langfristig auf der Strecke bleiben. Wir brauchen Testzentren in den Schulen, damit Präsenzunterricht für alle Klassen wieder möglich wird.

Das Gespräch führte Stephan Tiroch.