Deutschland ist Burgenland. Mehr als 4000 dieser Bollwerke - von der Ruine bis zur bewohnten Festung - thronen laut Fremdenverkehrsstatistik bundesweit auf Felsen, überragen Altstädte oder stehen abseits irgendwo im Nirgendwo. Das Dumme ist: Aus dem Sicherheitsaspekt von früher, Feinden die Erreichbarkeit der Wehranlage möglichst zu vergällen, ist in Zeiten touristischer Erschließung eine Krux geworden: Jetzt sollen die Leute ja rauf, möglichst scharenweise.

Insofern hat Kulmbachs Plassenburg durchaus einen Vorzug: Der Berg ist zwar steil, aber immerhin befestigt und dazu noch asphaltiert. So dürfte es mit dem Zugang eigentlich nicht das Problem sein - wäre da nicht diese Schranke, die den Aufstieg eines jeden Privatwagens jäh ausbremste. Bis jetzt, denn seit Anfang November hat die Schlösser- und Seenverwaltung die Einfahrt in den Kasernenhof erlaubt. Probeweise.

"Das muss in jedem Fall beibehalten werden." Vera Heisig sagt das mit Nachdruck. Ihr Sohn Sebastian ist seit einigen Monaten Pächter der Burgschänke - und begeistert von der Öffnung. Es kämen viel mehr Gäste, sagt der gelernte Koch, die Resonanz sei ganz hervorragend. Nun blieben die Leute, die zum Flanieren auf die Burg kommen, auch mal länger, weil sie nicht auf den Buspendel angewiesen sind - und machten einen Abstecher ins Restaurant.


"Chaotische Zustände"

Allerdings führt die Freigabe offenbar vor allem am Wochenende dazu, dass sich im Kasernenhof die Autos buchstäblich stapeln. Eine Besucherin informierte die BR über die in ihrer Darstellung "chaotischen Zustände" am Sonntagnachmittag. "Die parkten kreuz und quer, auch in zweiter Reihe und ohne Rücksicht auf eine Feuerwehrzone." Auch der Shuttlebus habe Mühe gehabt zu wenden. Ein Italiener sei sogar mit seinem Fahrzeug bis hoch zum - eigentlich gesperrten - Rondell gefahren.

Stadtpressesprecher Tobias Günther sagte auf Nachfrage: "Bei einer solchen Neuregelung kann es immer Anlaufschwierigkeiten geben. Aber die Verkehrsüberwachung sieht nach dem Rechten." Ansonsten habe man von Bürgern sehr viele positive Rückmeldungen auf die Öffnung erhalten. Erhebungen zur Pkw-Frequentierung gebe es noch keine. Die Stadt stehe in dauerndem Kontakt mit der Schlösser- und Seenverwaltung.


Drastischer Rückgang

Inwiefern können die Museen von der leichteren Zugänglichkeit der Plassenburg profitieren? Für eine erste Einschätzung ist es noch zu früh. Jedoch hatte OB Henry Schramm bei einem Mitgliedertreffen des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Kulmbach Ende Oktober von einer "katastrophalen Entwicklung" gesprochen. Allein der Besuch der Burgführungen sei um 40 Prozent zurückgegangen. Die Museen selber verzeichneten ein Minus von 20 Prozent, die staatlichen Sammlungen von 23 Prozent, so Schramm. Ein weiterer Grund für ihn, etwas an der Zufahrtsmöglichkeit zum Burghof zu ändern.

Die Gesamtbesucherzahlen seien seit den 1990er-Jahren um zwei Drittel geradezu eingebrochen. "Damals kamen mehr als 90.000 Leute auf die Burg", zieht Schramm eine negative Bilanz. Die aktuellen Zahlen der Schlösser- und Seenverwaltung weisen für 2014 folgende Zahlen aus: In die städtischen Museen kamen 16 095 Besucher (2013: 16 892), in die SV-Sammlungen 14 667 und damit rund 800 mehr als 2013.


Rücksicht auf Festsaal-Gäste

Kulmbachs Rathauschef hatte auf der Öffnung des Kasernenhofs aber nicht nur bestanden, um den Museen mehr Zulauf zu bescheren, sondern auch, um den Gästen bei Veranstaltungen im Festsaal entgegen zu kommen. "Man kann festlich gekleideten Damen, etwa bei einer Hochzeit, nicht zumuten, mit Stöckelschuhen im Pendelbus zu fahren." Solche Festivitäten fänden aber in der Mehrzahl in den Frühlings- und Sommermonaten statt, weswegen eine Verlängerung der Öffnung geboten sei.


von Lerchenfeld schreibt Söder

Vor dem Hintergrund der Besucherentwicklung hat sich auch der CSU-Landtagsabgeordnete Ludwig Freiherr von Lerchenfeld an Finanzminister Markus Söder gewandt. Die Plassenburg sei "das heimat- und identitätsstiftende Wahrzeichen Kulmbachs" - die ehemals Hohenzollersche Festung aber bedürfe in Sachen Erschließung dringend einer Aufwertung. "Den Vorschlag des Oberbürgermeisters, mit der Möglichkeit durch den Burghof zu fahren und am ehemaligen Reitgelände auf den Flächen zu parken, sehe ich als sehr pragmatisch ", schreibt von Lerchenfeld. Auch der Förderverein "Freunde der Plassenburg" hatte sich jüngst dafür ausgesprochen.