Dass es mit ihm einmal ein schlimmes Ende nehmen werde, hatten dem jungen Kulmbacher schon mehrere Richter prophezeit. "Sie müssen etwas gegen ihre Alkoholsucht tun, sonst führt das ins Verderben", sagte der Jugendrichter, der ihn 2017 zum Entzug ins Bezirkskrankenhaus schickte. Genützt hat die Therapie offenbar wenig. Jetzt steht der Mann wieder vor Gericht - wegen versuchten Mordes.

Mit seinen 24 Jahren hat der Angeklagte schon eine Latte von elf Vorstrafen. Vor zehn Jahren ging es los - mit Missbrauch von Notrufen. Später fiel er immer wieder auf wegen Diebstahl oder Trunkenheit im Verkehr. Mit Spitzenwerten bis zwei Promille war er auf seinem Rad unterwegs und stürzte nicht nur einmal auf die Straße. Zweimal wurde er verurteilt, nachdem er in Mainleus in der Pölzer Straße und in Kulmbach in der Sutte einen Kinderwagen abgefackelt hatte.

Panik unter den Bewohnern

Diesmal war es wieder ein Kinderwagen, der am 2. August 2020 zu nachtschlafender Zeit brannte. Der Buggy stand im Flur des Hauses Fischergasse 10. Von dem Kinderwagen blieb nur das Gestell übrig. Das Treppenhaus war bereits komplett verqualmt, als das Feuer entdeckt wurde.

Panik machte sich unter den acht Bewohnern breit, die in ihren Wohnungen gefangen waren. Zufällig befand sich eine Polizeistreife in der Oberen Stadt, die sofort zum Brandort eilen konnte. Einer der Beamten trat die Haustür ein, der zweite, der gestern als Zeuge aussagte, erstickte die Flammen mit einem Handfeuerlöscher. Zwischenzeitlich trafen die Feuerwehr und weitere Polizeikräfte in der Fischergasse ein. "Man kann von Glück reden, dass der Brand schnell entdeckt wurde und die Kollegen gleich löschen konnten. Andernfalls hätte das Feuer auf das Haus und die anderen Gebäude übergreifen können", sagte der damalige Einsatzleiter der Polizei.

Atemschutztrupps der Feuerwehr brachten die Bewohner, darunter drei ältere Frauen, ins Freie. Sie trugen dabei Rettungsfluchthauben über dem Kopf - zum Schutz vor den Rauchgasen. Niemand wurde ernsthaft verletzt.

Polizei hat den richtigen Riecher

Während die Feuerwehr die Menschen durch den verqualmten Flur evakuierte, machte sich die erste Streifenwagenbesatzung sofort auf die Suche nach dem mutmaßlichen Täter. Die Polizisten hatten den richtigen Riecher und gleich den 24-Jährigen im Visier. Wenn man seine Pappenheimer kennt, war der Angeklagte höchst verdächtig: Er hatte schon zwei Kinderwagen angezündet, wohnte damals im Nachbarhaus und war den Beamten kurz zuvor im Umfeld der Stadthalle aufgefallen. Sie mussten auch nicht lange suchen und trafen den Mann im Grünzug an. Er wurde festgenommen und war mit zwei Promille wieder ziemlich betrunken, aber überhaupt nicht aggressiv. "Er legte gleich ein Geständnis ab", so der Zeuge.

In der Verhandlung machte der Angeklagte, der aus dem Bezirkskrankenhaus vorgeführt worden war und Fußfesseln trug, von seinem Schweigerecht Gebrauch. Bei der ersten Vernehmung in der Tatnacht durch die Bayreuther Kripo war er gesprächiger. "Er gab an, dass er ein paar Bier getrunken und ein Alkoholproblem habe", erklärte ein Mitarbeiter des Kriminaldauerdienstes.

Der Mann war offenbar wütend auf die im Nachbarhaus wohnende Ex-Freundin seines Bruders, der das gemeinsame Kind nicht sehen dürfe. Er habe "den Kinderwagen im Affekt angezündet". Feuerzeug hingehalten, und der Stoff brannte. Auf die Idee sei er gekommen, als er den Buggy durch die Glasscheibe der Haustür sah. Sein Schlüssel habe beim Nachbarhaus ins Schloss gepasst.

Schuldfähigkeit vermindert?

Der Kripobeamte stellte auch die entscheidenden Fragen, um den Vorwurf des fünffachen versuchten Mordes zu begründen. Demnach räumte der Mann ein, es sei ihm bewusst gewesen, dass in dem Haus Menschen wohnten. 

Und er habe gesehen, dass die Lichter gelöscht waren. "Als es gebrannt hat, bin ich weggelaufen", habe der 24-Jährige gesagt. Der Zeuge vermutete: "Ich glaube aber nicht, dass er tatsächlich gewollt hätte, dass jemand zu Schaden kommt."

Im Gerichtssaal anwesend ist auch der Sachverständige Thomas Wenske. Der stellvertretende Chef der Forensischen Psychiatrie Erlangen wird in seinem Gutachten zur Schuldfähigkeit des gelernten Schreiners Stellung nehmen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Fähigkeit des Angeklagten, das Unrecht seiner Tat zu erkennen, aufgrund seiner Alkoholisierung und seines psychischen Zustands im Übergangsbereich zwischen einer ausgeprägten Lernbehinderung und einer leichtgradigen Intelligenzminderung erheblich reduziert war. Laut einem Gutachten waren keine bewusstseinsverändernden Drogen im Spiel.

Der Prozess wird am 5. März fortgesetzt.