Der prächtige rote Apollofalter fliegt nicht mehr. Er ist schon fast ausgestorben in Bayern - selbst in Naturschutzgebieten findet er er keinen Lebensraum mehr. Nur noch zwei bis drei Vorkommen gibt es im ganzen Land, nur noch wenige Exemplare haben überlebt. Der Falter braucht offene Felslebensräume, Magerassen. Und solche mageren Flächen gibt es kaum noch.

Der "Parnassius Apollo" ist aber nicht die einzige Schmetterlingsart, die Probleme hat. Auch viele andere Insekten sind still verschwunden. Es summt und brummt nicht mehr - nicht nur, weil jetzt die kalte Jahreszeit kommt. Elf Prozent aller Schmetterlings- und Insektenarten sind schon tot, 30 weitere Prozent sind auf der roten Liste.

"Schmetterlinge sind das Fieberthermometer der Umwelt. Wenn sie sterben, ist das systemrelevant", mahnte er Oberkonservator an der zoologischen Staatssammlung München, Andreas H. Segerer. Der Biologe hielt im Landratsamt Kulmbach einen wissenschaftlich fundierten Vortrag und schockte mit den Zahlen und Erkenntnissen, die er auf den Tisch legte. Denn die Situation ist viel schlimmer, als viele sich das hätten träumen lassen.

"In den letzten 30 Jahren sind mehr Arten verschwunden als in den letzten 200 Jahren zusammen", sagte der Forscher und beruft sich dabei nicht nur auf die Erkenntnisse der eigenen Untersuchungen, sondern auf 80 unabhängige Studien, die weltweit angefertigt worden sind. "Wir haben einen Rückgang an Biomasse von 2,5 Prozent pro Jahr. Das bedeutet: In 40 Jahren gibt es keine Insekten mehr", rechnete der Biologe hoch. Eine Million Arten stehen vor der Ausrottung - damit ist das aktuelle Insektensterben das sechste große Massensterben in der Erdgeschichte. "Nur ist diesmal eindeutig der Mensch die Ursache, kein Vulkan, kein Asteroid", mahnte der Experte.

Das Problem am Insektensterben ist, dass Insekten systemrelevant für das gesamte Umwelt- und Ökosystem sind. 67 Prozent der höheren Lebewesen und drei Viertel aller Tieren brauche Insekten. Wenn Insekten die Bestäubungsleistung nicht mehr bringen würden, wäre das ein wirtschaftlicher Verlust in Höhe von 153 Milliarden Euro.

"Aber Insekten haben noch einen zweiten Hauptberuf - neben der Bestäubung: Sie sind die Gesundheitspolizei der Welt. Ohne Insekten verwandelt sich die Welt in Gärung, Schimmel und Fäulnis", warnt Segerer. Und außerdem dienten Insekten natürlich auch anderen Lebewesen als Nahrung. Ohne Insekten könnten Vögel und Fische nicht überleben.

"Die große Gefahr des Insektensterbens liegt darin, dass ein Dominoeffekt und ein Kippeffekt auftreten können", warnte Segerer und forderte ein schnelles Umdenken. Der Forscher Edward O. Wilson geht sogar noch einen Schritt weiter - er sagt: "Ohne Insekten hat die Menschheit noch zehn Jahre zu leben."

Ausschlaggebend für das Insektensterben sind nach Meinung des Experten die Vernichtung von Lebensräumen und die Überdüngung landwirtschaftlicher Flächen. Auch über die Luft wird gedüngt - verheerend für Insekten und Schmetterlinge. Der Experte machte klar, dass 80 Prozent aller UrinprobenGlyphosat enthalten. Und im gleichen Anteil - also in 80 Prozent aller Honigproben - findet man Neonicotinoide.

"Die Wissenschaft hat 130 Jahre auf das bayerische Volksbegehren gewartet - aber die Folgen des Klimawandels sind noch viel dramatischer, als es sich bislang im Bewusstsein eingeprägt hat", machte Segerer klar und betonte, dass die Menschen in Deutschland so lebten, als ob sie drei Erden zur Verfügung hätten. "Unsere Hängematte, in der wir uns befinden, ist zum Zerreißen gespannt. Und die Politik und die Naturschutzgesetze sind Teil des Problems. Eine Einschränkung unseres Lebensstils ist natürlich politisch nicht opportun, aber nötig", machte Segerer klar. "Wir brauchen einen Systemwandel in der Landwirtschaft und bei der Bebauung. Wir müssen Wirtschaft und Ökologie versöhnen", forderte der Experte und regte eine Agrarwende an.

Die Landwirte sollten nicht einen schwarzen Peter zugeschoben bekommen, sondern sie sollten für umweltfreundliche Maßnahmen belohnt werden, umweltschädliche Maßnahme sollten bestraft werden. "Gülle auf der Wiese gehört verboten", forderte Segerer und betonte, dass die Welt nicht mehr viel Zeit habe. "Massentierhaltung ist weltweit ein Draufzahlgeschäft. Denn die Umweltschäden sind im Kilopreis Schnitzel nicht mit drin - diesen Preis zahlen alle", so Segerer.

Auch der Waldumbau bereitet dem Biologen Sorgen. So müsse man auf heimische Arten setzen, nicht auf importierte Bäume. Denn die verstärken das Artensterben weiter.

Der Vortrag wurde im Rahmen des Projektes Blütennetz Kulmbach ans Landratsamt geholt. Im vergangenen Jahr haben 176 Teilnehmer 214 Blühflächen, verteilt auf 25 Hektar, angelegt. "Die Verteilung mehrerer kleiner Flächen ist wichtig, da diese als Trittsteine zu anderen natürlichen Biotopen und insektenfreundlichen Gärten fungieren können", sagte Kristina Schröter vom Landratsamt Kulmbach.

Auch nach dem Vortrag interessierten sich viele Zuhörer für das Blütennetzwerk und zeigten sich bereit, mit dabei zu sein. Die Schülerfirma "Real Apple" von der Carl-von-Linde-Realschule verkaufte Heilziest-Stauden, Saatgut und Samenbomben für Insekten.