Kulmbach/Mainleus Wie es sich in der Ukraine unweit der Front lebt? "Wir hören täglich Artilleriegeschosse, immer wieder gibt es einen lauten Knall. Wir lernen aber, mit dem Krieg zu leben", sagt der Mainleuser Thomas Simmler, der mit Tochter Sofia (10) und Lebensgefährtin Irina nach wie vor in Marhanez wohnt, einer 40.000-Einwohner-Stadt am rechten Ufer des Dnepr in der Region Dnipropetrowsk - nur zehn Kilometer Luftlinie entfernt vom größten Atomkraftwerk Europas in Saporischschja, das von der russischen Armee schon in den ersten Kriegstagen angegriffen und übernommen worden war.

Die Cafés haben geöffnet

"Uns geht es soweit gut", erklärt der 64-Jährige, der davon berichtet, dass das Leben in der Kleinstadt seinen gewohnten Gang geht, auch wenn der Krieg so nah ist. "Die Busse fahren, die Cafés haben geöffnet, auch die Lebensmittelversorgung ist gut." Es gebe alle erdenklichen Nahrungsmittel. "Aber auch bei uns sind die Preise gestiegen."

Es sei ein Hoffen und Bangen, sagt Simmler, der das Kriegsgeschehen im Fernsehen verfolgt und weiß, dass die ukrainische Armee den Russen heftige Gegenwehr leistet. Es seien die modernen amerikanischen Kriegswaffen, die Putins Armee zu schaffen machten. Die Russen würden wild um sich bomben. Am Samstagmorgen hätten sie nachts um 4 Uhr ("Ich wurde im Schlaf geweckt") über 50 Raketen in Richtung der 25 Kilometer entfernten Nachbarstadt Nikopol abgefeuert. "Dort hat es etliche Tote gegeben - auch Zivilisten. Putin hat nämlich nicht nur militärische Objekte im Visier, wie er immer wieder behauptet."

In Marhanez selbst sei es bis dato ruhig geblieben. "Bei uns hat es noch keine Bombeneinschläge gegeben." Doch der Krieg sei im wahrsten Sinne des Wortes zu riechen. "Wenn es kracht, ist die Luft verpestet. Es stinkt dann gewaltig." Die Stadt habe sich für eine russische Bodenoffensive gewappnet. "Mit Baggern wurden Kampfgräben ausgehoben."

Wie es der zehnjährigen Sofia geht, die seit Monaten mit der Angst leben muss? "Wenn Geschosse abgefeuert werden und es einen lauten Knall gibt, kommt sie schon zu mir gekrabbelt und sucht Schutz. Ansonsten hat sie sich an alles gewöhnt", sagt der 64-Jährige, dessen Tochter seit Februar zuhause ist, denn Präsenzunterricht in der Schule hat es seit Kriegsbeginn nicht mehr gegeben.

Thomas Simmler wirkt im Telefongespräch gelassen. Und das ist er offenbar auch. "Wir bleiben jetzt erst mal weiter hier und warten ab, wie sich alles entwickelt. Wir kommen augenblicklich ganz gut zurecht", betont der Mainleuser, der mit großer Sorge nach Deutschland blickt. Was sich in seiner Heimat abspiele, beobachte er mit Entsetzen. Während in der Ukraine versucht werde, keine Panik zu verbreiten, werde diese in Deutschland geschürt. "Ich kann mir keine Nachrichten und Talkshows im deutschen Fernsehen mehr anschauen. Wurde bei Corona ständig vor möglichen Killervarianten gewarnt, so versetzt die Politik die Bevölkerung jetzt bei der Frage der Gasversorgung immer wieder mit Horrormeldungen in Angst und Schrecken. Die Leuten werden wahnsinnig gemacht." Wiederkehrend darüber zu diskutieren, was passieren könnte, wenn Putin den Gashahn zudrehen sollte, sei "typisch deutsch" und setze eine Abwärtsspirale in Gang. "Wenn ich die Diskussionen höre, schalte ich um und schaue mir lieber eine Komödie an."

Auch in der Ukraine werde über die Energieversorgung diskutiert, jedoch viel besonnener. "Auch wir in Marhanez bekommen unser Gas aus Russland." Das größte Gas-Unternehmen des Landes habe bis dato einem Oligarchen gehört, den die Regierung nun aber ausgebremst habe. Künftig werde man von einem staatlichen Unternehmen beliefert, das erklärt habe, "dass es zumindest bis zum kommenden Frühjahr keine Preiserhöhung geben wird". Solch positiven Nachrichten wünscht sich Thomas Simmler nicht nur für die Ukraine, sondern auch für sein Heimatland.