Leichte Kost ist das Buch nicht. "Wagners Welttheater" eignet sich nicht für den Nachttisch - und auch nicht als Lektüre für den Liegestuhl am Strand. Aber wer sich gründlich einlesen will in die Geschichte der Bayreuther Festspiele, wer sich fundierte Informationen ohne wissenschaftliche Überfrachtung wünscht - der wird nicht enttäuscht sein.

"Wagners Welttheater - Die Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst und Politik" kommt zu einem günstigen Zeitpunkt heraus: Die Musikwelt feiert in diesem Jahr den 200. Geburtstag des ebenso großen wie umstrittenen Komponisten - und die Eröffnung der Festspiele steht unmittelbar bevor. Geschrieben hat das Buch Bernd Buchner, promovierter Historiker mit Kulmbacher Wurzeln.
Das Thema Wagner begleitet den 44-Jährigen schon lange: Nach Studium und Promotion arbeitete er von 1997 bis 2002 für den Nordbayerischen Kurier in Bayreuth: "Da kommt man an Wagner gar nicht vorbei." In jenen Jahren habe er ein Faible entwickelt für den Komponisten und sein Werk, sagt Buchner. Seine Einsatzorte als Journalist und Buchautor wechselten. Die Faszination Wagner blieb.

Und der Wunsch, sich des Themas einmal ausführlicher anzunehmen, wuchs. "Ich bin an dem Projekt bestimmt schon zehn, zwölf Jahre dran gewesen", sagt Buchner. Vor zwei Jahren hat er dann auch einen Verlag gefunden, der sich bereit erklärte, das Buch zu verlegen. Gearbeitet hat Buchner an dem Werk intensiv, hat dafür sogar seine Arbeitszeit als Journalist für ein Online-Portal reduziert.

Der Staat und die Spiele

Anders als viele Autoren, die sich in diesem Wagner-Jahr mit de Komponisten beschäftigen, interessieren Buchner die gesellschaftlichen, persönlichen und amourösen Verstrickungen Wagners nur am Rande. "Biographische Werke zu Wagner gibt es schon genug." Sein Thema ist die politische Bedeutung, die die Festspiele von Anbeginn an hatten - und heute noch haben. Wagner sei ein "politischer Feuerkopf" gewesen, sagt er, die Festspiel-Idee von vornherein ein politisches Projekt, und Staat und Festspiele seien von jeher miteinander verbunden. Buchner bescheinigt den Verantwortlichen der Festspiele eine große Anpassungsfähigkeit an die jeweils herrschenden Verhältnisse. "Das war der Garant dafür, dass die Festspiele in verschiedenen Systemen überlebten."

Bisher hat die Geschichtsschreibung, was diese Verzahnung betrifft, den Fokus überwiegend auf die Zeit des so genannten Dritten Reiches gelegt: Das Thema "Wagner und Hitler" ist derzeit dauerpräsent in den Medien.
Was davor geschah und danach? "Das ist mein Thema", sagt Buchner. Sein Buch beginnt in der Bismarck-Zeit, schildert Wagners Weg zum Grünen Hügel und beschreibt, wie sich wandelnde Ideologien auch im Festspiel-Kosmos ihre Spuren hinterlassen.

Wagners Verhältnis zum Judentum darf in einem solchen Werk nicht fehlen. Buchner belegt an vielen Beispielen, dass der Wagnersche Antisemitismus sich zunächst an kulturellen und religiösen Aspekten festmachte und erst von Wagnerianern späterer Epochen rassenbiologisch "aufgeladen" wurde. Eingehend widmet er sich der Frage, wie die Festspiele nicht zuletzt deswegen zu "Hitlers Hoftheater" werden konnten, und schildert die Probleme, die sich stellten, als man in der Nachkriegszeit den Neubeginn wagte.

Noch heute bewege man sich in Bayreuth diesbezüglich "auf dünnem Eis", wie der Autor sagt: Das habe zuletzt die Affäre um den russischen Bariton Evgeny Nikitin gezeigt, der im letzten Jahr sein Engagement in Bayreuth nach einem Fernsehbericht über eine Hakenkreuz-Tatöwierung noch vor der Premiere des "Holländer" beendete.

In den sechziger Jahren endet Buchners Festspiel-Geschichte. "Ich hätte sie gerne fortgeführt", sagt der Autor. Was ihn daran gehindert hat? "Die Familie Wagner weigert sich, die Archive zu öffnen." Zwar habe Katharina Wagner, als sie die Festspielleitung übernommen habe, noch angekündigt, Einblick zu gewähren. "Das ist nicht geschehen", sagt Buchner. "Ich habe mich bemüht, das Material ab 1951, zu sichten, das noch unter Verschluss ist. Aber ich bin gescheitert." So bleiben viele Fragen vorerst ungeklärt. Nicht auszuschließen ist, dass es wieder Bernd Buchner ist, der sie künftig beantwortet.

Bernd Buchner präsentiert sein Buch am Montag, 8. Juli, um 19 Uhr in der Buchhandlung Friedrich in der Grabenstraße in Kulmbach. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei.