Am vergangenen Wochenende konnte man sehen, wie sich einige mutige Polizisten vor dem Eingang des Berliner Reichstags einem schwarz-weiß-rote Reichsflaggen schwingenden Mob entgegenstemmten, der kurz davor war, in das geschichtsträchtige Gebäude einzubrechen. Es waren bedrohliche, bedrückende Szenen, die um die Welt gingen.

Sie rufen in Kulmbach Erinnerungen wach, wie die Rechten am 9. März 1933 mit Hitlerfahnen das Rathaus besetzten. Damit ist Kulmbach eine der frühesten Städte in Bayern, in der der von den Nazis proklamierte "Rathaussturm" erfolgt ist - selbst die NS-Hochburgen Kronach, Coburg oder Bayreuth folgen frühestens einen Tag später.

Gespenstisch

Die Ereignisse damals sind gespenstisch: Mitten in der Stadtratssitzung am Nachmittag erheben sich die rechten Gremiumsmitglieder von ihren Sitzen. Fritz Schuberth, der NSDAP-Kreisleiter, erklärt, dass in wenigen Augenblicken "Kolonnen der Braunhemden" im Sitzungssaal eintreffen würden. Der jetzige Stadtrat entspreche nicht mehr dem Willen der Bevölkerung.

Die Begründung ist haarsträubend: Schuberth legt das Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März, bei der die Kulmbacher NSDAP 51,5 Prozent der Stimmen geholt hat, auf die Zusammensetzung des Stadtrats um. Danach stünden der Hitler-Partei elf, der SPD nur noch sechs der insgesamt 20 Sitze zu. Der 1. Bürgermeister Hans Hacker solle sich beurlauben lassen, der 2. Bürgermeister, Hans Herold von der SPD, ganz zurücktreten.

Stadtrat unter Schock

Der Coup gelingt. Der Stadtrat steht unter Schock. Hans Hacker fügt sich seiner Entmachtung. Minuten später erstürmt das angekündigte Rollkommando aus SA und Stahlhelmern das Rathaus.

Nur einer stellt sich ihnen in die Quere: Oberamtmann Theo Wüst. Mit ganzer Kraft versucht er zu verhindern, dass die schwarz-weiß-roten Hakenkreuzflagge über dem Rathaus gehisst wird. Vergeblich.

Danach tritt NSDAP-Kreisleiter Fritz Schuberth mit den Seinen auf den Balkon des Rathauses und verkündet die Machtübernahme durch die "Nationale Front".

Die Kulmbacher Presse, in der Weimarer Republik immer weiter nach rechts gedriftet, finden die kaltschnäuzige Entmachtung des Stadtrats gänzlich sensationell. "Eine ereignisreiche Stadtratssitzung", so läppisch lautet die Überschrift in der Bayerischen Rundschau am nächsten Tag.

Schon in der Nacht nach der spektakulären Aktion schlagen die neuen Herren zu: Erste Hausdurchsuchungen finden statt, die Funktionäre von SPD und KPD, prominente Gewerkschaftler und Mitglieder der jüdischen Gemeinde werden in der Fronveste am Schießgraben in "Schutzhaft" genommen. Der Terror nimmt seinen Lauf.