Er lauert überall. Gut getarnt und schwer aufzuspüren: der Zucker. Selbst dort, wo ihn der Verbraucher nicht vermutet, steckt er im Detail. "Die Kennzeichnung ist so kompliziert gestaltet, dass für viele Verbraucher nicht erkenntlich ist, wie viel Zucker in einem Produkt steckt", bringt Martin Rücker von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des gemeinnützigen Vereins "foodwatch" das Dilemma auf den Punkt.

Einige Verbraucher haben die Tricks der Lebensmittelindustrie aufgespürt. Und sie forschen nach Antworten. Weil das Postfach der Verbraucherzentrale Bayern wegen "Zuckeranfragen" überquoll, wurde die Zutatenliste ausgewählter Produkte unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Bei 276 Lebensmitteln wurden neben dem Zucker 70 weitere Bezeichnungen für süßende Zutaten gefunden.

Der Trick: Als Haushaltszucker muss nur Zaccharose ausgewiesen werden. Häufig lagern Hersteller bestimmte Zuckerarten aus und deklarieren sie unter anderen Namen. Und: Bei Slogans wie "Ohne Zuckerzusatz", "100 % Frucht" oder "weniger süß" verstecken sich oft andere Zucker in dem Produkt. "Zucker ist ein billiger Rohstoff und verführt die meisten von uns dazu, mehr zu essen. Zuckerreiche Lebensmittel sind besonders lukrativ für die Lebensmittelindustrie", sagt Rücker.

Eine wichtige Zielgruppe: die Kinder. Nicht selten wird damit geworben, dass ein Snack "perfekt für zwischendurch" ist, obwohl das Produkt einen hohen Zuckeranteil hat. "Die Gewinnspanne von Softdrinks und Süßigkeiten liegt drei bis vier Mal so hoch wie für Obst oder Gemüse. Kein Wunder, dass fast ausschließlich zu süße, zu fettige oder zu salzige Produkte mit Comics an Kinder vermarktet werden", so Rücker. Damit trage die Lebensmittelindustrie "maßgeblich" zur Entstehung von Übergewicht und chronischen Krankheiten bei.


Kommt eine "Zuckersteuer"?

Mehrere Länder in der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben inzwischen gesundheitsbezogene Steuern oder Subventionen für bestimmte Lebensmittel eingeführt. In Ungarn existiert beispielsweise eine Gesundheitssteuer auf zuckergesüßte Getränke, Energydrinks, Süßwaren, Würzmittel, Alkohol mit typischen Geschmackseigenschaften und Marmeladen. Auch in Deutschland wird über eine "Zuckersteuer" diskutiert.

Der Großteil der Bevölkerung ist dagegen und auch Rücker ist skeptisch. Vielmehr fordert er eine Steuerpolitik, die gesunde gegenüber ungesunden Lebensmitteln begünstigt und damit Anreize setzt, ohne dass es eine "Strafsteuer" gibt. Zudem müsse die Politik Maßnahmen vorlegen, die eine ausgewogene Ernährung vom Kindesalter an fördert. Dazu würden unter anderem verbindliche Standards für Schulessen oder eine Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben gehören, die bisher am Widerstand aus der Lebensmittelindustrie gescheitert ist. "Ernährungsbildung und Sportprogramme allein sind nachweislich nicht ausreichend."


Interview mit AOK-Ernährungsberaterin Yvonne Müller

Seit 23 Jahren ist Yvonne Müller Ernährungsberaterin bei der AOK für die Landkreise Kronach und Lichtenfels. Im Interview spricht die Expertin über das historische Verlangen nach Zucker und die Werbetricks der Industrie.

Frau Müller, einige Wissenschaftler bezeichnen Zucker als eine legale Droge. Würden Sie dem zustimmen?

Das stimmt so natürlich nicht. Zucker führt zu keiner körperlichen Abhängigkeit. Ein Stoff, der abhängig machen kann, steckt nur in einem Getränk und das ist Koffein im Kaffee. Beim Zucker muss man das anders sehen. Essen aktiviert das Belohnungszentrum im Gehirn, besonders wenn Menschen unter Stress stehen. Den versuchen sie dann mit Essen auszugleichen. Dadurch kann man Zucker vielleicht als eine sogenannte Verhaltensdroge bezeichnen.

30 Kilogramm Zucker nehmen die Deutschen pro Jahr zu sich. Wie kann man den Konsum dieser "Verhaltensdroge" reduzieren?

Die Menschen sind es gewohnt, sehr süß zu essen. Wenn man den Zucker urplötzlich weglässt, schmeckt das Essen nicht mehr gut. Die Reduzierung muss also langsam erfolgen, nicht radikal wie es teilweise beim Rauchen der Fall ist. Also einfach beim Kaffee statt drei Zuckerwürfel erst einmal zwei nehmen und dann stufenweise weitermachen.

Woher kommt eigentlich das starke Bedürfnis der Menschen nach Süße?

Süß wollten es die Menschen schon immer. Das war schon in der frühen Geschichte so. Alle Früchte, die süß schmeckten, waren nicht giftig. Dieser Überlebenskampf hat eine Entwicklung in Gang gesetzt. Auch heute entwickeln die Kinder früh eine Vorliebe für Süßes, da ja auch die Muttermilch süß ist.

Sind die Kinder etwas älter, werden sie durch große Werbekampagnen mit Süßem geködert. Müsste man hier die Werbung eindämmen?

Es gab ja bereits den Vorstoß von "foodwatch" die Werbung für Süßigkeiten, speziell für Kinder unter zwölf Jahren, zu verbieten. Renate Künast ist damals auf den Zug mit aufgesprungen, aber am Ende ist das Ganze nicht durchgekommen. Mir würde es auch gefallen, wenn die Werbung für Süßigkeiten reduziert wird. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist gering. Und warum sollte man nicht auch mal singende Gurken oder tanzende Möhren im Kinderprogramm zeigen?

Was macht die Werbung der Industrie für Süßigkeiten so effektiv?

Wir waren ja schon immer Jäger und Sammler. Oft kann man Punkte sammeln und erhält dafür Prämien. Um beispielsweise ein DFB-Trikot zu bekommen, muss man 500 Kinderriegel essen. Das macht 59 000 Kilokalorien, also 1800 Stückchen Zucker oder 18 Päckchen Butter. Ob dann das Trikot noch passt?

Insbesondere an den Feiertagen am Ende und Anfang des Jahres schlagen Menschen kulinarisch gerne mal etwas über die Stränge. Wie stark sollte man sich an solchen freien Tagen einschränken?

Ich sehe das nicht so streng. Ein paar Plätzchen oder ein Glas Wein gehören zu solchen Feiertagen einfach dazu. Alles, was man verbietet, will man ja erst recht haben. Man sollte einfach auf seinen Körper hören. Ich sage immer, man nimmt nicht zwischen Weihnachten und Silvester zu, sondern zwischen Silvester und Weihnachten.

Das Gespräch führte Maximilian Glas.