Die Spitalbrücke ist das Eingangstor zu Kronachs Innenstadt. Doch so groß ihre Rolle im Stadtgeschehen ist, so jämmerlich ist seit Jahren ihr baulicher Zustand. Vom erreichten Ende der Lebensdauer spricht Bürgermeisterin Angela Hofmann (CSU).

Das Rütteln am Beschluss

Ein Neubau als Festbrücke ist bereits vom alten Stadtrat beschlossen worden. Im neuen Gremium gibt es jedoch eine ganze Reihe von Mitgliedern, die an der geplanten Ausführung rütteln (siehe). Ist das Bauwerk wirklich überdimensioniert, seine Nutzung falsch geplant und eine erneute Grundsatzdiskussion notwendig? Die Bürgermeisterin, Hauptamtsleiter Stefan Wicklein und Werner Kuhnlein vom Architekturbüro SRP erläuterten den aktuellen Planungsstand, der am kommenden Montag im Stadtrat diskutiert werden soll. Warum muss der Neubau sein? Die Innenstadt wurde in den 1990er Jahren für ein 40-jähriges Hochwasser (HQ 40) gerüstet. Nicht jedoch die Spitalbrücke. Dort könnte sich Treibgut stauen und für ein Sicherheits- wie Überschwemmungsrisiko sorgen. Das Wasserwirtschaftsamt sieht in der jetzigen Brücke ein "erhebliches Abflusshindernis". Wicklein stellt klar, dass andere Lösungsversuche nach Ansicht der Fachleute nicht greifen. Ein Beispiel: Ein großes Rückhaltesystem, das bei der Biegenmühle zur Diskussion stand, könnte bei einem Hochwasser den Abfluss gerade einmal um 220 Sekunden verzögern. Und ein Umleitungssystem, also eine Art Hochwasserkanal, bräuchte die Dimension eines Straßentunnels. Wie ist es um den Zustand der bestehenden Brücke bestellt? Die Brücke wurde etwa 1890 gebaut. Ihr Zustand entsprach bei der letzten Überprüfung der schlechtesten Kategorie. Ein Gehweg auf der Brücke musste schon aus dem Verkehr gezogen werden. Weitere Einschränkungen könnten in Zukunft drohen, wie Wicklein erklärt. Wie steht es um alternative Konzepte für den Neubau? Verschiedene Brückenmodelle waren frühzeitig aus dem Rennen, weil ihre Aufbauten massiv ins Stadtbild eingreifen würden (zum Beispiel Pylonenbrücke). Ursprünglich wurde eigentlich eine Hubbrücke gewünscht. Diese Lösung wurde später aus Kostengründen wieder fallen gelassen. Hier wurden die seit 2002 rund 160 000 Euro an Wartungs- und Reparaturkosten angeführt, die alleine für die recht kleine Hubbrücke auf dem LGS-Gelände aufgelaufen sind. Die zu erwartenden Kosten für die Spitalbrücke wären demnach deutlich höher. Würde die jetzt geplante Spannbetonbrücke zum "Monster" werden? Die neue Oberkante würde laut Kuhnlein 35 Zentimeter höher liegen, als die bisherige. Allerdings wäre die neue Brücke nur halb so dick wie ihre Vorgängerin. Die Unterkante des schlankeren Bauwerks würde somit um 50 Zentimeter nach oben rutschen - und dadurch aus dem Bereich eines HQ 40. Wie ist es um die Barrierefreiheit bestellt? Abgesehen von sechs Metern mit achtprozentiger Steigung werden die als barrierefrei angesehenen sechs Prozent überall erreicht. Eine Treppe bei einem der Gehwege lässt sich wegen der angrenzenden Bebauung nicht vermeiden, wie der Architekt erläutert. An dieser Stelle gibt es bisher jedoch sogar einen 13-prozentigen Anstieg. Die heutigen, starken Neigungen an den Brückenzugängen stadtauswärts (bis zu 20 Prozent) würden durch Höhenangleichungen im Umfeld entschärft. Was wird aus den Kastanien und dem Schutz der umliegenden Gebäude? Die Bäume sind in Gefahr, doch ein Versuch, sie zu erhalten, wäre nach Ansicht von Bürgermeisterin Hofmann denkbar. "Das Gutachten empfiehlt eine Neupflanzung", geht sie auf eine entsprechende Prüfung ein. Bis zu sieben Meter Kronenhöhe wäre bei neuen Bäumen denkbar. Allerdings müssten die jetzigen Kastanien nicht zwingend gefällt werden. Sie könnten gesichert (Mehrkosten 40 000 bis 50 000 Euro) und müssten stark zurückgeschnitten werden, weil das zwangsweise durch die Arbeiten angegriffene Wurzelwerk sonst bei starkem Wind nicht mehr genug halt bieten könnte. Anschließend bliebe abzuwarten, ob die Bäume noch einmal ausschlagen. Hofmann betont, dass sie in dieser Angelegenheit völlig offen für die Diskussion sei. "Der Stadtrat hat dazu noch keine Entscheidung getroffen", sagt sie. Letztlich werde sie den Beschluss des Gremiums mittragen, egal welche Variante gewählt werde.

Für die anliegenden Gebäude, nicht zuletzt das Bürgerspital, werden laut Kuhnlein Maßnahmen ergriffen, um möglichst erschütterungsfrei arbeiten zu können. Ein entsprechendes Gutachten wird erstellt. Welche Kosten und Zuschüsse sind zu erwarten? Die Stadtverwaltung kalkuliert mit 4,0 bis 4,5 Millionen Euro an Kosten für die Gesamtmaßnahme. Diese umfasst nicht nur den Brückenbau, sondern auch diverse Leitungen unter der Spitalbrücke sowie Arbeiten im Umfeld des Bauwerks. Die Förderung lässt sich noch nicht genau beziffern, dürfte aber in einer Größenordnung von etwa 2,5 Millionen Euro liegen.

Dieser Zuschuss ist aber an Bedingungen gekoppelt. Zum einen muss die Brücke theoretisch von allen üblichen Fahrzeugen nutzbar sein. Das heißt laut Wicklein aber nicht, dass sie von der Stadt auch für alle freigegeben werden muss. Bereits die jetzige Brücke ist seit Jahren auf 3,5 Tonnen beschränkt (weil es die Innenstadt an sich auch ist). Somit soll Schwerlastverkehr aus der Altstadt herausgehalten werden. Zum anderen darf die neue Brücke kein Rückschritt gegenüber den Nutzungsmöglichkeiten der bisherigen Brücke haben.

Das sagen die Gegner der jetzigen Planung

Bereits zwei Tage vor der Stellungnahme der Stadt brachten die Kritiker der aktuellen Planung ihre Ansichten vor. Für Peter Witton (Grüne) steht fest: "Eine vernünftige Öffentlichkeitspolitik hätte viele Missverständnisse beseitigt, aber auch den veränderten, aus unserer Sicht negativen Anblick auf das malerische Tor zur Innenstadt deutlich gemacht." Er spricht damit die Planungen für eine neue Spitalbrücke an, die den Stadtrat spalten.

An Ort und Stelle zeigten Ratsmitglieder von vier Gruppierungen, Martin Panzer und Daniel Götz (beide Zukunft Kronach), Martina Zwosta (Frauenliste), Elisabeth Hoffmann (Grüne) sowie Klaus Simon (SPD) gemeinsam mit ihm Flagge, um das Konzept für das Bauwerk noch einmal auf den Prüfstand zu bringen und anpassen zu lassen.

Bürger nicht mitgenommen?

Im Kern von Wittons Kritik an der Planung stehen drei Punkte: die Größenordnung der Brücke, das Fällen zweier Bäume und vor allem die Verkehrsführung. Einen "imponierenden", ja gar "monumentalen" Eindruck habe die Brücke auf ihn gemacht, erinnert sich Witton an die ursprüngliche Planung und Fotomontagen, die zum Begriff "Monster" für das Bauwerk geführt hätten.

Die damals vorgesehene Fahrbahnerhöhung um 50 Zentimeter (plus 15 Zentimeter für die Gehsteigkante) sei nun um 15 Zentimeter nach unten korrigiert worden. Zumindest war dies der Kenntnisstand der auf der Brücke diskutierenden Ratsmitglieder zwei Tage vor der Besprechung im Rathaus. Denn Elisabeth Hoffmann prangert an, dass die bei der Stadt angeforderten, aktualisierten Pläne wieder einmal nicht rechtzeitig bei den Kritikern eingetrudelt seien. An solchen Beispielen macht Witton fest, dass die Öffentlichkeitsarbeit zum Brückenbau seiner Ansicht nach zu wünschen übrig und deshalb Raum für Spekulationen in der Bevölkerung lasse. Im Hintergrund rumore es jedenfalls. Er spricht von einem "Entsetzen in der Bevölkerung" und ernsten Sorgen der betroffenen Geschäftsleute. Sogar Anfragen nach Unterschriftenlisten gegen die Brücke seien schon an ihn gestellt worden.

Dass zwei 100 Jahre alte, prägende Kastanienbäume am Eingangstor der Innenstadt kampflos geopfert werden sollen, ist für Witton ein Unding. Schon bei der Hochwasserfreilegung habe sich gezeigt, dass in solchen Fällen mit ein wenig Kreativität durchaus Möglichkeiten für eine Rettung der Bäume gefunden werden könnten.

Dass es in Kronach generell an einer aktuellen Gesamtverkehrsplanung fehle, macht Witton daran fest, wie die Verkehrsführung über eine neue Spitalbrücke aussehen könnte. Die Befahrbarkeit bis zu 40 Tonnen - laut der Verwaltung die Voraussetzung für eine hohe Bezuschussung - sei ihm ein Dorn im Auge. An einer Verkehrsberuhigung für die Innenstadt führt für ihn kein Weg vorbei. Deshalb müsse eine Begrenzung der Tonnage vorgenommen werden. Eine "Fahrradstraße" oder auch "Spielstraße" könnte er sich gut für "einen gleichberechtigten Verkehrsstrom in die Innenstadt" vorstellen, die er gerne mit Ruhezonen ausgestattet beleben würde. Und obendrein brauche es einen durchgängigen Radweg, der das Schulzentrum, die Innenstadt und den Bahnhof miteinander verbinde.

Damit trifft er genau auf den Kopf des Nagels, den Martin Panzer in die bisherige Planung schlägt. Hunderte Studenten werden seiner Meinung nach bald in Kronach unterwegs sein - viele zu Fuß, viele mit dem Fahrrad. "Deshalb ist Verkehrsberuhigung angesagt", betont Panzer. Auch müsse in der Bauzeit das viele Monate dauernde Abschneiden der Geschäftswelt im Brückenumfeld von der Laufkundschaft berücksichtigt werden, weshalb ihm eine Behelfsbrücke sinnvoll erscheint.

Über den Tellerrand schauen

Panzer fordert, statt eines Schnellschusses noch einmal über den Tellerrand zu schauen, um "ein böses Erwachen" zu verhindern. Die Planer müssten sich fragen: "Was will ich vielleicht in 15 Jahren?" Dann könnten sich ganz andere Ansprüche an die Brücke stellen.

Wie Witton würde auch Martina Zwosta eine kleiner dimensionierte Brücke bevorzugen. "So, wie sie jetzt geplant ist, ist sie nicht notwendig", betont sie. Sie befürchtet, dass eine große Brücke auch zunehmend Schwerlastverkehr in die Innenstadt ziehen würde.

Klaus Simon sieht nach - seiner Einschätzung nach - 20 Jahren Vorlaufzeit und mit einem Verkehrskonzept, das angeblich aus dem Jahr 1991 stammt, als Basis keinen Grund, jetzt auf die Tube zu drücken. "Auf ein paar Monate kommt es da auch nicht mehr an", ist er überzeugt, dass die Planung lieber noch einmal gründlich durchgegangen werden sollte.

Was Witton einräumt: "Es gibt wohl keine vernünftige Alternative zu diesem Bau." Eine Hubbrücke gelte auf lange Sicht als wartungsintensiv und daher teuer. Eine kleine Stahlbrücke sei nicht zuschussfähig. In diesem Fall würden vermutlich Millionenkosten den Kronachern auf die Füße fallen. Doch an der Ausführung des Brückenbaus, der Gestaltung des Umfeldes und der Nutzung kann nach Ansicht der Planungskritiker durchaus noch geschraubt werden. Am Montag muss der Stadtrat dazu Stellung beziehen.

Kommentar von Marco Meißner

Bitte nicht auf's nächste Hochwasser warten!

Beim Neubau der Spitalbrücke geht es um eine Millionensumme. Die in den Sand zu setzen, wäre fatal. Deshalb ist es absolut richtig, wenn sich ein neu besetztes Ratsgremium vor Augen führen lässt, auf welcher Grundlage Vorgänger eine solch gravierende Entscheidung gefällt haben. Auch über Details der Ausführung und Versuche, die Kastanien(bäume) doch noch aus dem sprichwörtlichen Feuer zu holen, darf gerne weiter diskutiert werden. Doch am Grundsatz zu rütteln, zeitnah eine Brücke zu bauen, die finanzierbar ist, hohe Zuschüsse bekommt und einem modernen Bauwerk entspricht, wäre ebenso fatal.

Würde man einen Beschluss, der gerade erst vor knapp einem Jahr zum wiederholten Mal bestätigt wurde, nun grundsätzlich kippen, würde das neue Gremium dem vormaligen Stadtrat in einem gewissen Maß die Kompetenz absprechen. Und es würde dazu beitragen, dass die seit 20 Jahren auf eine intakte Brücke wartenden Kronacher noch ein paar Jährchen draufsatteln dürften. Schließlich ist es nicht mit den "paar Monaten" (Klaus Simon) getan, um im Gremium eine Einigung für eine eventuell grundsätzlich neue Konstruktion zu finden. Der Rattenschwanz der Planung, Genehmigung, Förderanträge, Ausschreibungen, ... würde sich nahtlos anschließen.

Und weitere 20 Jahre sollte Kronach nicht für einen Ersatz der maroden Brücke verstreichen lassen. Denn irgendwann in diesem dann 40-jährigen Zeitraum wäre es ja zu erwarten, dass ein HQ 40-Hochwasser die Diskussion einfach abwürgt, wenn der Brücke das Wasser bis zum Hals steht.