Die ungetrübte Freude währte ganze fünf Balken lang. Mit einer Mischung aus Euphorie und Erleichterung warfen die Genossen in Mecklenburg-Vorpommern kurz nach 18 Uhr die Hände in die Luft. Kein Wunder, schließlich zeichneten sich doch noch 30 Prozent für die SPD ab. Exakt 30,6 wurden es am Ende des Abends.

Dass der schwarze Balken des Koalitionspartners CDU bei 19 Prozent stehen blieb, dürften die Sozialdemokraten noch verschmerzt haben dürfen, die 20,8 Prozent der erstmals angetretenen AfD dagegen wohl weniger. Auch im über 500 Kilometer entfernten Kreis Kronach wurde das Ergebnis differenziert aufgenommen. "Natürlich überwiegt die Freude darüber, dass die SPD als klarer Wahlsieger aus der Wahl hervorgegangen ist", sagt der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Timo Ehrhardt. Für ihn ist das Ergebnis auch eine Bestätigung des Ministerpräsidenten Erwin Sellering (SPD). "Gut ist auch, dass die Rechtspartei nicht mehr dabei ist", freut sich Ehrhardt darüber, dass die bisher im Landtag vertretene NPD an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte.


Im Kreisverband diskutieren

Vom Ergebnis der AfD sei er nicht sonderlich überrascht gewesen, grundsätzlich allerdings davon, dass "man mit Populismus von null auf 100 in die Höhe schießen kann". Dass mit Stimmung solche Ergebnisse erzielt werden können, sei alarmierend für die Altparteien.

Seiner Meinung nach sei an den Themen zu erkennen gewesen, dass sich die Wähler in Mecklenburg-Vorpommern benachteiligt fühlen: "Besonders wichtig war etwa die Anpassung von Renten in Ost und West, aber die Menschen haben Angst, man könnte ihnen etwas wegnehmen. In dieses Gefühl hinein sei auch das Flüchtlingsthema gefallen. "Die AfD hat es auf den Plan gebracht", so Ehrhardt. "Wenn die Leute empfänglich dafür sind, ist die Frage, wie man damit umgeht." Darüber könne und solle nun im Kreisverband diskutiert werden. "Ich denke, dass es wichtig ist, seine Position aktiv nach vorne zu bringen", erklärt der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende. "Wir müssen das Vertrauen der Wähler gewinnen und festigen. Aber das ist Arbeit, die seit Jahren gemacht wird."

Damit vertritt er einen ähnlichen Standpunkt wie der CSU-Kreisvorsitzende Jürgen Baumgärtner, für den "Glaubwürdigkeit die Währung in der Politik ist". Doch aktuell herrsche ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem. "Nicht nur in der Politik, sondern auch bei den großen Vertretern der Wirtschaft, den Gewerkschaften oder auch den Medien", erklärt Baumgärtner, der für die CDU sogar noch mit höheren Verlusten gerechnet hatte - aufgrund der Stimmung. Baumgärtner sieht für das CDU-Debakel zwei Gründe: Die Flüchtlingspolitik und ein mögliches weiteres Rettungspaket für Griechenland. "Es darf einfach kein weiteres geben, und die Flüchtlingspolitik muss korrigiert werden."


Negatives Zeugnis

Er fordert nicht nur eine Höchstgrenze von 150.000 bis 200.000, sondern auch Hilfe vor Ort. "Wenn ich sehe, dass sich auf dem G20 Gipfel in China schon wieder nicht auf eine Waffenruhe für Aleppo geeinigt werden konnte, könnte ich im Strahl kotzen", sagt Baumgärtner. Der Politik der Großen Koalition in Mecklenburg-Vorpommern stellt er ein negatives Zeugnis aus. Was SPD und CDU als Erfolge präsentiert hätten, dafür würde man in Bayern abgewählt werden. Angst, dass die AfD der CSU auch im Landkreis Stimmen kosten könnte, hat er nicht: "Die Leute wissen: Wenn der Baumgärtner da ist, brauchen sie keine AfD."

Der stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende Martin Böhm sieht in dem Ergebnis ebenso eine Herausforderung wie Verpflichtung. Mittel- und langfristig dürfe sich die Partei allerdings nicht auf ein Thema reduzieren lassen. Den seiner Partei vorgeworfenen Populismus sieht er sogar positiv. Der Weg der AfD dürfe vielmehr durchaus davon gekennzeichnet sein. Populismus bedeute für ihn, dem Volk auf den Mund zu schauen und das Erkannte in Politik umzusetzen. Das sei ein erster Schritt, um in eine ausreichende Fraktionsstärke zu kommen.