Annette Meusel klappt nicht gern ihre Stühle hoch. "Ich mag die Botschaft einfach nicht", sagt die Inhaberin des Steinernen Löwen in Mitwitz. Die Botschaft versteht in Franken ein jeder: Stühle stehen auf ihren Beinen - der Biergarten ist geöffnet. Stühle lehnen am Tischrand - kein biergartenseliges Rumhocken.

Die Wirtin hat deshalb einen Kompromiss für sich und ihre Familie gefunden. Drinnen in der Stube liegen Decken auf den Tischen, und alles sieht so aus, als warte sie nur noch auf ihre Gäste. Doch der Anblick täuscht. Annette Meusel und ihr Mann haben ausgemessen, Stühle gerückt und sich dann dazu entschieden, den Biergarten am Montag noch nicht zu öffnen. "Der Aufwand wäre einfach enorm", erklärt die Wirtin, während sie einen Stuhl auf die Beine stellt und aus dem Corona-Alltag ihrer Gastro-Familie berichtet.

Da gab es zum Beispiel den 1. Mai, sagt die Wirtin. Ein gelbes Rechteck aus Kaiserhof-Kästen erinnert noch daran. Sie habe damit gerechnet, dass am Tag der Arbeit ein paar Gäste an ihrem Wirtshaus vorbeiwandern werden und hat improvisiert. Die Kästen dienten als Absperrungen, von der Gemeinde erhielt sie ein paar Einbahnstraßenschilder und mit "Abstand halten!"-Zurufen an ihre Gäste war das Bier-To-Go immerhin an diesem Tag im Steinernen Löwen gesichert. "Das sah aus wie ein Parcour", so beschreibt die Wirtin ihren Hinterhof. Einige Gäste hätten sogar beim Anstehen Fitnessübungen gemacht. Auch an Mariä Himmelfahrt will sie für die Vatertagswanderer wieder Kästen stapeln und verrücken und die Schilder noch einmal aufstellen - doch im Biergarten auf der anderen Seite des Hauses werden die Stühle vorerst weiter hochgeklappt und unbesetzt bleiben.

Normalerweise passen bis zu 120 Gäste in den Außenbereich vor den Gasthof mit dem roten Fachwerk. Coronamaßnahmen-bereinigt sind es noch 35 Plätze, zählt Annette Meusel zwischen den Biertischen. Wenn jemand allein kommt, darf bereits keine weitere Person an den Tisch. Sie rechnet damit, dass bis zu 25 Gäste im Biergarten realistisch sind - doch dann beginnt für sie, ihre Familie und die Servicekräfte erst die Arbeit.

Bis Donnerstagnachmittag hat der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband noch keinen Leitfaden für die Außenbewirtung in Corona-Zeiten herausgegeben. Gerade der Gastronomieverband und die Staatsregierung stehen im Blickfeld des krisengeschüttelten Wirtschaftssektors - und die Wirte haben Fragen. Annette Meusel fragt sich zum Beispiel, welches Personal sie für den unterbesetzten Biergarten benötigt. Jemanden, der die Plätze zuweist und von den Gästen die Namen notiert? Toilettenservice, eine Klofrau? Auch auf dem stillen Örtchen muss Ordnung herrschen und desinfiziert werden. Genauso wie die Tische und Stühle, sobald sich eine Gruppe verabschiedet. Wer kontrolliert das?

Kurzum: Annette Meusels Biergarten bleibt geschlossen bis Aufwand und Ertrag in einem tragbaren Verhältnis stehen. Solange, sagt sie, komme ihre Familie über die Runden. Das Gasthaus sei in Familienhand, sie müsse keine Miete zahlen, und auch das Abholen der Speisen zu Mittag und am Abend habe sich gut eingespielt. "Das hält uns über Wasser."

Den freien Tag habe der Steinerne Löwe abgeschafft, und die Familie arbeitet in Minimalbesetzung, sie selbst normalerweise acht Stunden am Tag. "Wir müssen uns trotzdem durchkämpfen", sagt Annette Meusel. Ihre Stammgäste haben auf die Entscheidung unterschiedlich reagiert, berichtet die Wirtin. Einige haben es akzeptiert, andere nicht. Das halte sich die Waage. Für sie geht durch die Maßnahmen ein entscheidender Biergarten-Faktor verloren: "Die Geselligkeit fehlt." Die ende schon dann, wenn die Kartrunde nicht mehr aus einem Maßkrug trinken darf.

Ein Koch, der nicht kocht

Blickt man von der Terrasse des Steinernen Löwen die Straße hinab, ist gerade so der Eingang des Hotel-Gasthofs Wasserschloss zu erkennen. Innen werden die Holzfassaden am Eingang in frischem Braun herausgestrichen. Ein Koch hat kurzerhand seinen Beruf im Familienbetrieb der beiden Schwestern Kerstin Bär und Claudia Bethke gewechselt: Er übernehme Hausmeistertätigkeiten und schleife sogar das Holz ab, erzählt Hotelierin Bär.

Die Hotel-Familie mit ihren 21 Voll- und Teilzeitmitarbeitern hat die Staatshilfe in Anspruch genommen, aber die laufenden Kosten deckt diese nicht. In einem Hotel fallen neben Personal- und Betriebskosten auch ständig Renovierungen an, erzählt Kerstin Bär, während sie von der Terrasse auf den neuen Aufbau zeigt. In den vergangenen beiden Jahren habe man Tausende Euro in das Obergeschoss gesteckt. Davor war es das Kaminzimmer, davor der Saal. Es gibt immer etwas zu tun. Die Einnahmen sind bis auf wenige Gäste, üblicherweise Arbeiter, und den Essensverkauf komplett weggebrochen. Aber jetzt geht es ja wieder los ...

Wenn nur nicht so viele Fragen offen blieben, sagt Kerstin Bär. Sie ist stellvertretende Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und wartet auch noch auf genauere Auskünfte vonseiten der Staatsregierung. Mit Behörden und Verbänden steht Kerstin Bär sowieso ständig in Kontakt, erzählt sie.

Salz und Pfeffer dürfen nicht auf den Terrassentischen stehen, das sei klar. Aber was ist mit Blumen? Reicht es, wenn von Gästen nur Name und Telefonnummer notiert werden? Mit dem Meter hat die Hotelierin alle Abstände zwischen den Stühlen gemessen. Jetzt stehen die Tische auf der Hotelterrasse so, dass die Gäste kommen könnten. Doch wer, wann und vor allem wie viele Menschen nächste Woche die Gaststätte aufsuchen, das kann Kerstin Bär auch nicht weissagen. Sie steht vor den gleichen Problemen wie Annette Meusel, ein paar Meter die Straße aufwärts. Kerstin Bär nimmt kurz ihren Mundschutz ab und ist etwas außer Atem. Es ist anstrengend mit Maske dauerhaft zu reden. Wie wird das erst, wenn bayernweit Gasthäuser den Innenbereich ab dem 25. Mai wieder öffnen werden?

Schließlich stehen noch Fragen offen, die ihre Gäste betreffen: Wie wird Kerstin Bär die Kundschaft listen? "Ich hoffe alle reservieren", sagt sie. Wenn nicht, müsse sie zumindest Name und Telefonnummer eines Gastes am Tisch notieren, schätzt sie. Was tun, wenn es beginnt zu regnen? Was wäre im schlimmsten Fall: Ein infizierter Gast wäre unter den anderen? Das kann sich auch Kerstin Bär nur schwer ausmalen. In Mitwitz gebe es derzeit keinen Corona-Fall. Im thüringischen Nachbarlandkreis Sonneberg häufen sich die Infektionen. Auch nach Mitwitz kommen gerne Besucher aus Thüringen. Doch muss man vor Sonnebergern nun Angst haben?

Am Donnerstag meldet sich immerhin die Staatsregierung mit einer Mail samt Leitfaden, der eine neue Überraschung parat hält: Auch beim Aufstehen und Setzen muss der Mindestabstand gewährleistet werden. Heißt das nun drei Meter Sicherheitsabstand zwischen zwei Stühlen? Das fragen sich auch ihre Gastronomiekollegen, mit denen sie Kerstin Bär regelmäßig in Kontakt steht. Gäste sollen mit Namen, Telefonnummer und Dauer des Aufenthalts verzeichnet werden. Alle? Oder reicht ein "Tischoberhaupt"? Die Maskenpflicht gelte auch in der Küche, außer die Abstandsregel könne eingehalten werden. Ist das umsetzbar?

Kerstin Bär wird am Montag wissen, wie gut sich die Maßnahmen auf ihrer Gästeterrasse bewerkstelligen lassen. Annette Meusel wartet noch, bis sie ihre Biergartenstühle auf die Beine stellt.