Barrierefrei, behindertengerecht und menschenfreundlich - so soll der "neue" Landkreis Kronach aussehen, wenn es nach dem VdK-Kreisverband geht. Die Auftaktversammlung stand deshalb unter dem Thema "Barrierefreiheit und Menschenfreundlichkeit in Stadt und Landkreis Kronach". Dies ist auch Jahresmotto des engagierten Sozialverbands.

Ob bauliche Hürden oder die Teilnahme am öffentlichen Leben: Der VdK fordert eine volle Zugänglichkeit für alle Menschen. Dabei gehe es keineswegs nur um Behinderte, sondern beispielsweise auch um Familien mit Kindern sowie Kranke und Ältere mit Rollatoren oder Rollstühlen, erklärte Kreisvorsitzender Heinz Hausmann.


Noch immer viele Barrieren

"Über Barrierefreiheit redet man seit vielen Jahren", meinte Hausmann im Schützenhaus.
Er verwies auf das 2006 von der UNO-Generalversammlung in New York verabschiedete und 2008 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Demnach soll ihnen die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. "Die Realität sieht jedoch anders aus", bedauerte er. Die Mobilität und Unabhängigkeit dieser Menschen werde noch immer durch ungeeignete Verkehrsmittel, nicht vorhandene Aufzüge sowie fehlende Toiletten verhindert. Beispiele in Kronach seien hierfür der nichtvorhandene Aufzug in die Obere Stadt, sowie der Bahnhof, bei dem nur Treppen zu den Gleisen hinauf führen.

Im Landkreis seien circa zehn Prozent, rund 7000 Personen von einer mindestens 50-prozentigen Behinderung betroffen. Im Bezirk wurden aber auch Verbesserungen erreicht, erklärte Landrat Oswald Marr (SPD). So seien im Bezirkshaushalt über 300 Millionen Euro hierfür eingestellt worden. "Behinderte müssen immer besser am gesellschaftspolitischen Leben teilnehmen können", forderte er.

Laut Kronachs Zweiter Bürgermeisterin Angela Hofmann (CSU) werde bürgerschaftliches soziales Engagement insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels immer wichtiger.
Der Behindertenbeauftragte des Landkreises Kronach, Hermann Feuerpfeil (FW) bezeichnete die Bundesrepublik hinsichtlich der Barrierefreiheit als "Entwicklungsland".


Barrieren in den Köpfen

Der Behindertenbeauftragte des Bezirks Oberfranken, Rolf Jürgen Freese, gab in einem Impulsreferat Denkanstöße zur Barrierefreiheit. Dabei nahm er auch Barrieren in den Köpfen der Menschen ins Visier. "Behinderte sind Bestandteil unserer Gesellschaft. Eingliedern kann ich nur etwas, das nicht dazu gehört. Es gibt keine Behinderten außerhalb der Gesellschaft. Es wird wohl noch viel Zeit vergehen, bis dies in unseren Köpfen ist", bedauerte der ehemalige Geschäftsführer der Wefa, der von 1969 bis 2008 beim Diakonischen Werk tätig war.

Damit sprach er die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen an. Behinderung sei "keine Krankheit und kein Mangel, sondern ein gesellschaftliches Ereignis".

Demnach stießen Behinderte an von Menschen gemachte Grenzen. Laut der Konvention habe man die Aufgabe, eben diese Grenzen abzubauen. "Barrierefreiheit wird als Kostenfaktor gesehen. Ich habe einen anderen Ansatz. Am billigsten sind Kosten, die gar nicht anfallen", erklärte Freese. Wo es keine Hindernisse gibt, müsse man auch keine abbauen. "Wo man Barrierefreiheit hat, wird man Leben haben. Der nicht errichtete Aufzug wird sich rächen, weil die Menschen wegbleiben", prognostizierte Freese. Barrierefreiheit beginne im Kopf beispielsweise mit gemeinsamen Schulen für behinderte und nichtbehinderte Kinder.

Bei der sich anschließenden Diskussion meinte Jürgen Neumann: "Das redet sich alles leicht. Aber Kronach hat kein Geld und wir können aus eigener Tasche keine Hindernisse beseitigen. Es tut sich nichts und das schon seit Jahren."


Nicht alles Gute kostet viel

Ähnlich sah dies Eberhard Dunst. Verbesserungen kosten nicht immer viel Geld, beispielsweise das Abflachen von Bordsteinen. Solche Vorschläge habe er schon oft dem Stadtrat vorgebracht. "Aber wir werden nicht gefragt. Wir sind dem Stadtrat egal", fand er scharfe Worte. Emil Wunder bemängelte, dass sich beim Kronacher Weihnachtmarkt Rampen um die Schläuche befunden hätten, was sehr gefährlich gewesen sei. Zudem gebe es in Kronach bei Festen keine behindertengerechte Toiletten. Hilmar Pudler fragte, was mit der bereits für den Aufzug getätigten Spende passiert sei. Laut Hausmann hat man das Geld zurückerhalten.


327 Senioren helfen sich

Projektleiterin Bianca Fischer-Kilian stellte die "Seniorengemeinschaft Kronach Stadt und Land" mit ihren mittlerweile 317 Mitgliedern vor, bei der sich Senioren gegenseitig bei kleinen alltäglichen Dingen unterstützen. "Unsere Mitglieder können sich mit ihren Fähigkeiten einbringen. Andererseits können sie Unterstützung erhalten bei Dingen, die sie nicht allein bewältigen können", schilderte Fischer-Kilian. Die Hilfsleistungen werden den Leistungsgebern durch eine finanzielle Gegenleistung oder als Gutschrift vergütet.