In einem Drama mit fünf Akten würde man die Situation gerade wohl in den dritten einordnen. Dem Höhepunkt. Die Konflikte haben sich in den vergangenen Jahren derart zugespitzt (erster und zweiter Akt), dass es jetzt zum großen Knall kommt: Daniel Leistner ist nicht länger Intendant der Kronacher Faust-Festspiele.

Die Stadt Kronach wird nicht erneut einen Vertrag mit ihm schließen. Diese Entscheidung unterstrich gestern Abend auch das Stadtratsgremium im nicht öffentlichen Teil seiner Sitzung. Und das ausgerechnet im 20. Jubiläumsjahr der Faust-Festspiele, die Leistner 1995, damals mit Ulrike Mahr, ins Leben gerufen hat.

Die Gründe für Leistners Aus? Ein Teil ist in den vergangenen zwei Jahren öffentlich geworden. Im März 2013 beschloss der Stadtrat wegen der eingebrochenen Besucherzahlen - von 16.000 im Jahr 2009 auf 10.000 drei Jahre später - eine inhaltliche und konzeptionelle Neuausrichtung der Festspiele. Wichtigster Aspekt war die Gründung eines Kuratoriums, später Unterstützerkreis genannt, das dem Intendanten beratend zur Seite gestellt wurde.

"Ich glaube, das war heute ein Spitzen-Tag für die Faust-Festspiele und auch für Kronach", sagte Leistner damals noch, bezeichnete ihn als den "ersten Tag der wahren Zukunft der Faust-Festspiele".

Während Leistner versprach, künftig mehr lustige und moderne Stücke anbieten zu wollen, weniger Tragödien, an den Klassikern wie Faust festhalten, sich aber gleichzeitig für neue Ideen öffnen wollte, erklärte Tourismusleiterin Kerstin Löw ihrerseits, ebenfalls neue Wege beschreiten zu wollen. Nachdem das Publikum hauptsächlich aus der Region generiert worden war, wollte man in Zukunft auch auf überregionaler Ebene mehr Aufmerksamkeit erreichen. "Wir müssen uns mehr mit neuen Kunden beschäftigten und uns auf die Suche nach neuen Vertriebswegen begeben", betonte Löw damals. Der erste Akt war also geschafft, um in der Literatur zu bleiben.

Es folgten drei Spielzeiten (2013, 2014 und 2015), in denen sich einiges getan hat. Aufführungen für Schulklassen wurden eingeführt, es wurde überörtlich geworben. Heidemarie Wellmann brachte sich in die Inszenierung jährlich mit einem Stück ein, verschaffte den Faust-Festspielen damit schon frischen Wind. Mit Uli Scherbel wirkte ein bekannter Musicalstar, der aus dem Frankenwald stammt, heuer erstmals bei den Faust-Festspielen mit, überzeugte das Publikum als neuer Mephisto im alt bekannten Faust und sorgte damit für ausverkaufte Vorstellungen.

Und trotzdem kamen die Festspiele aus der Kritik nicht heraus. Oder besser gesagt, Leistner kam aus der Kritik nicht heraus. Hinter den Kulissen rumort es schon länger, glaubt man Aussagen einzelner Ensemble-Mitglieder und Mitgliedern aus dem Unterstützerkreis.


Hellhörig geworden

Hellhörig wurde man dann auch, als ein Pressegespräch, zu dem die Stadt traditionell nach der diesjährigen Festspielsaison eingeladen hatte, abgesagt wurde - und man eine Bilanz beziehungsweise Besucherzahlen schuldig blieb. Dass das nicht einfach nur daran liegen kann, dass der Bürgermeister bei dem angesetzten Termin nun doch verhindert ist, war fast schon offensichtlich. Die Situation scheint sich da schon zugespitzt zu haben, wie im zweiten Akt üblich. Das ist der Teil, der bislang nicht öffentlich wurde. Doch es gab wohl nicht nur heftige Diskussionen um Werbemaßnahmen und die Art der Inszenierung. Mit dem Wort "Klamauk" wurde Leistner immer wieder konfrontiert. Davon wollte er aber nie etwas wissen: "Was das Stück bietet, wollen wir zeigen. Das Publikum will lachen, sich amüsieren. Das ist kein Klamauk, das sind die wichtigsten Stücke der Weltliteratur."

Glaubt man Mitgliedern des Unterstützerkreises, sei er auch nicht so dankbar, wie 2013 gesagt, gewesen, wenn der Kreis bei der Auswahl der Stücke hat mitreden wollen.

In der Pressemitteilung, die die Stadt gestern Abend noch herausgegeben hat, heißt es, es sei "klar geworden, dass die Vorstellungen über die Zukunft der Festspiele zwischen dem bisherigen Intendanten und den Verantwortlichen der Stadt weit auseinander gehen."


Neue Struktur

Böse Worte gibt es offiziell nicht. Während Leistner gestern Abend telefonisch nicht erreichbar war, wird Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein in der Pressemitteilung so zitiert: "Wir danken Daniel Leistner für seine wertvolle Arbeit. Als Mitbegründer und Intendant der Festspiele hat er über zwei Jahrzehnte einen enormen Beitrag zum kulturellen Leben in unserer Stadt geleistet und den Namen Kronachs weit über die Grenzen der Region hinausgetragen."

Ist das das Ende der Faust-Festspiele? Nein. Die Faust-Festspiele haben eine große Bedeutung für die Stadt. Das betont Bürgermeister Beiergrößlein immer wieder.

Die Frage, die nach dem dritten Akt, dem großen Knall, bleibt, ist die, wie es nun weitergeht. Die organisatorische Struktur der Festspiele verändert sich. Künftig gebe es keine "Intendanz" mehr, so Beiergrößlein. Die Verantwortung werde ab der kommenden Festspielsaison von einem Team aus Fachleuten getragen. Unter dem Dach der Kronacher Tourismus- und Veranstaltungsbetriebe stehen dann jeweils eine künstlerische und eine kaufmännische Leitung an der Spitze.

"Hinsichtlich der künstlerischen Leitung stehen wir in konkreten Verhandlungen mit Heidemarie Wellmann, die als herausragende Schauspielerin der Festspiele seit vier Jahren auch beweist, dass sie das Regiefach beherrscht", so Kerstin Löw, Leiterin des Tourismus- und Veranstaltungsbetriebes. Anders als bisher werden unterschiedliche Gastregisseure für die Inszenierungen engagiert. "Auch das wird eine zusätzliche Professionalisierung und einen Qualitätsschub bringen sowie zur Vielfalt beitragen", gibt sich Bürgermeister Beiergrößlein überzeugt.

Wie es mit den Faust-Festspielen nach zwei Jahrzehnten nun in die Zukunft geht, wird sich in den folgenden zwei Akten zeigen. Und dann wird sich am Ende auch herausstellen, ob es sich bei diesem "Stück" um ein Drama oder eine Komödie mit Happy End handelt.


Neuer Name, neues Konzept

Von einer "Rundum-Erneuerung" ist die Rede in der Pressemitteilung, die die Stadt Kronach gestern Abend herausgegeben hat. Begründet wird diese mit "seit Jahren sinkende Zuschauerzahlen". Unter neuem Namen, neuer künstlerischer Leitung und mit einem erweiterten Angebot sollen die Festspiele ab 2016 wieder auf Erfolgskurs gebracht werden. "Die Festspiele haben einen guten Namen. Das große Potenzial, das hier vorhanden ist, wollen wir weiter heben und ausbauen. Wir sind an einem Punkt, an dem die Festspiele noch professioneller organisiert und geführt werden müssen", wird Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein zitiert.

Künftig sollen die bisherigen Faust-Festspiele unter dem Namen "Rosenberg-Festspiele" das Stammpublikum, aber auch neue Zielgruppen ansprechen. Das Repertoire mit Komödien und Klassikern der Weltliteratur soll durch moderne Stücke und Adaptionen bekannter und zeitgemässer TV- bzw. Leinwand-Klassiker sowie mit Kinderstücken erweitert werden. Das Rahmenprogramm wird, wie in den vergangenen zwei Jahren, durch namhafte Künstler wie "Heißmann und Rassau" u.a. abgerundet. Darüber hinaus soll es weitergehende "theaterpädagogische" Angebote geben, wie Stück- und Werkseinführungen oder spezielle Veranstaltungen für Schulen.
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nvestiert wird in neue Kostüme sowie in professionellere Bühnen- und Tontechnik, die spektakulärere Bühnenbilder und -effekte ermöglichen soll. Ein neuer Außenauftritt und eine moderne Werbelinie sollen mehr Zuschauer als bisher für einen Besuch der Festspiele und der Festspiel-Stadt begeistern.


Kommentar von Corinna Igler

Auch im Fußball wird der Trainer für die Leistung seiner Mannschaft verantwortlich gemacht. Egal in welchem Bereich - wer vorne dran steht, trägt Verantwortung. So auch Daniel Leistner als Intendant der Faust-Festspiele. Und einen Vertrag nicht zu erneuern, ist auch legitim. Die Nachricht vom Leistner-Aus schlägt nach 20 Jahren trotzdem ein wie eine Bombe. Sinkende Besucherzahlen werden herangeführt. Allerdings muss man auch sehen, dass diese nach dem Einbruch im Jahr 2012 von 16.000 auf 10.000, 2013 (12.000) und 2014 (12.800) wieder nach oben geklettert sind. Erst heuer soll es erneut zum Einbruch gekommen sein, was einige aber auch auf die erhöhten Eintrittspreise zurückführen.

Egal, ob man die Entscheidung, sich von Leistner zu trennen, für richtig oder falsch hält - hätte es denn deshalb wirklich auch gleich ein neuer Name für die Festspiele sein müssen? Immerhin heißt es in der Pressemitteilung ja, dass die Festspiele einen guten Namen haben. Die Faust-Festspiele. Und wenn man bei jedem Trainerwechsel dem jeweiligen Fußballverein einen neuen Namen geben würde, wüssten die Fans wohl nicht mehr, wem sie die Daumen drücken.