Ein einzigartiger Duft von frischen Kräutern durchströmte am Hochfest Mariä Himmelfahrt die Pfarrkirche St. Nikolaus in Windheim, die förmlich im Zeichen des traditionellen Brauchs der Kräuterweihe erstrahlte. In Bayern hat die Kräuterweihe an diesem Marienfeiertag eine lange Tradition - und so organisierte der Obst- und Gartenbauverein (OGV) Windheim am Fatima-Donnerstag (13. August) das Binden von Kräuterbüscheln beim Himmelreichhof Baier in Hirschfeld.

Marianne Baier hat unzählige Kräuter auf ihrem Biohof und kennt sich damit bestens aus. So lag es nahe, hier auch das Binden der Kräutersträuße durchzuführen - und was gibt es schließlich Schöneres als im Himmelreich zu sein?

Der Brauch, Büschel zu binden und diese an Mariä Himmelfahrt in der Kirche segnen zu lassen, geht auf eine alte Legende zurück. Demnach fanden die Apostel an diesem Tag - drei Tage nach dem Begräbnis der Gottesmutter - das Grab von Maria offen und verlassen vor. Daneben sprossen und blühten Rosen, Lilien und all die bescheidenden Heilpflanzen, die die Gottesmutter besonders geliebt hatte, so dass den Aposteln eine Woge köstlichen Wohlgeruchs entgegen strömte. Seitdem waren ihr diese Gewächse geweiht, die man traditionsgemäß am Festtag der "Aufnahme Mariens in den Himmel" am 15. August in der Kirche segnen lässt.

Eine Naturapotheke

Auch in der mittelalterlichen Erfahrungsmedizin waren die Marienkräuter wegen ihrer heilenden Inhaltsstoffe hoch geschätzt. Mit den geweihten Büscheln hatten die Menschen früher das ganze Jahr hindurch eine wertvolle Naturapotheke für sich selbst und ihre Tiere zur Hand. Auch hatten die Pflanzen Marias wichtige Schutzfunktionen, um Haus und Stall vor Blitzeinschlag zu bewahren und Geister, Hexen oder andere böse Mächte abzuwehren. Die Kräuterbüschel werden noch heute mancherorts in den Bauernstuben an die sogenannten Herrgottswinkel gehängt, in Krankenzimmern mit Weihrauch vermischt und angezündet oder auch zu Heiligabend den Tieren im Stall verfüttert.

In fröhlicher Runde und von Marianne Baier mit einem Powerdrink gestärkt, hatten die tüchtigen Frauen vom OGV sowie vom Pfarrgemeinderat am Donnerstag circa 60 Sträuße aus 21 verschiedenen Kräutern gebunden. Bei der Anzahl der Kräuter soll es sich immer um eine heilige Zahl handeln; in diesem Fall drei Mal sieben. Beim Festgottesdienst am 15. August wurden die Kräuter von Kaplan Sebastian Schiller gesegnet und anschließend von Frauen des OGV zugunsten der Kirche und des Vereins gegen eine Spende verkauft.

Der richtige Zeitpunkt

Mariä Himmelfahrt bildet den Auftakt zur wichtigsten Kräutersammelzeit des Jahres. Heilpflanzen, die in der Zeitspanne von 15. August bis 15. September gesammelt werden, übertreffen angeblich alle anderen Kräuter an Kraft und Wirkung. Die katholische Kirche sieht die Kräuterweihe vor allem als Ausdruck für die Achtung vor der Schöpfung und die Heilkraft der Kräuter als Symbol für die Zuwendung Gottes an den Menschen. So mischen sich in der Kräuterweihe Tradition und Frömmigkeit sowie Volksglaube und zeitnahe Religiosität.

Im Zeichen dieser wiedergefundenen Wertschätzung von Heilkräutern erscheint es daher durchaus sinnvoll, diesen Brauch zu pflegen. So soll auch der nunmehr in Windheim wieder eingeführte - auf großen Zuspruch seitens der Pfarrgemeinde stoßende - wunderschöne alte Brauch wieder ein fester Bestandteil im Vereinsleben des Obst- und Gartenbauvereins Windheim werden. "Die Natur, die uns Gott geschenkt hat, und die Segnung in der Kirche - eine wunderbare Verbindung", zeigt sich Gartenbauvereins-Vorsitzende Gaby Kotschenreuther sicher.