Günther Denzler steht zwischen kniehohen Chilisträuchern und deckenhohen Papayabäumen, während er sich erklären lässt, warum die kleinen roten Früchte vor ihm auf dem Boden Menschenfresser-Tomaten heißen.
"Eigentlich", sagt Günther Denzler, Bezirkstagspräsident, "sehen wir uns im Rahmen unserer Sozialbesuche immer nur Seniorenheime oder Behinderteneinrichtungen an".


Wie man Baumstämme isst

An diesem Dienstagnachmittag steht er nun gemeinsam mit der Leiterin der Sozialverwaltung des Bezirks Oberfranken, Angela Trautmann-Janovsky und dem Tettauer Bürgermeister Peter Ebertsch in der Forschungs- und Produktionsabteilung des Tropenhauses in Kleintettau. Und er schaut doch sehr überrascht, als der Leiter des Tropenhauses, Ralf Schmitt, erklärt, dass Papayabäume im Übrigen komplett essbar sind. "Auch der Stamm?" - "Gerade der Stamm. Geschält, in Scheiben geschnitten" - "Haben Sie das schon ausprobiert?" - "Ja, von der Konsistenz wie Sellerie, vom Geschmack wie Rettich, mit Fenchel im Abgang."

Die Leiterin der Sozialverwaltung, Trautmann-Jankovsky, war die treibende Kraft hinter dem Besuch des Bezirkstagspräsidenten. Zufällig sei sie bei einem Ausflug in das Tropenhaus auf die behindertengerechten Audio-Guides aufmerksam geworden und war begeistert. "Das ist für mich der Inbegriff von Inklusion. Egal wer hier herkommt, jeder kann alles miterleben", sagt sie und fügt hinzu: "Behindertengerecht ist mehr als ein Zugang für Rollstuhlfahrer."

Der Audio-Guide, der die Besucher durch 230 unterschiedliche Pflanzenarten führt, ist nicht nur in seiner Bedienung selbsterklärend und hat große Tasten, von denen jede zusätzlich mit Blindenschrift versehen ist. Wenn nun ein Sehbehinderter den Guide nutzt, wird auf das entsprechende Programm umgestellt und der Sprecher erklärt mehr als normalerweise. "Man kann eben nicht sagen: Wenn Sie jetzt nach oben schauen, sehen Sie", sagt Schmitt. Wenn von Wasser die Rede ist, platscht es.

Für Hörgeschädigte wird die gesamte Führung auf einem Bildschirm von einem Gebärdendolmetscher dargestellt.

Drei Wochen hat Schmitt gebraucht, um den Text für den Audio-Guide zu schreiben. Aus der Überlegung, wie man
wohl
Multimediaführungen für alle Altersklassen anbieten könne, entstand damals die Idee, die Führungen für Hör- und Sehgeschwächte gleich mit zu optimieren.

Das Gerät alleine kostet 500 Euro. Wirklich teuer wird es, bei der Software. 25 Geräte gibt es, im Wert von insgesamt 27 000 Euro. Gesponsert von der Sparkassen-Stiftung und der Karl-Heinz-Stiftung. Fünf Geräte sollen künftig auch mit englischer Audio- sowie Gebärdensprache ausgestattet werden. "Sogar ein Österreicher würde die deutschen Gebärden nicht verstehen", sagt Schmitt. Wissenschaftliche Begriffe wie "Guave" kennt die Gebärdensprache gar nicht. Die werden dann in Schriftsprache auf dem Bildschirm angezeigt.

Neben dem Naturkundemuseum in Wien und dem Nationalmuseum in Ankara habe keine andere Kultureinrichtung in Mitteleuropa in solches, behindertengerechtes Multimedia-Konzept.


Der Raubbau beginnt im Kleinen

In nächster Zeit möchte Schmitt noch fünf haptische Stationen in den Rundgang einbauen, wo Pflanzen, Hölzer, Früchte mit allen Sinnen erlebt werden können.

Egal welche Behinderung, allen Menschen ist gemein, dass sie auf die ein oder andere Weise ihrer Umwelt mehr Aufmerksamkeit schenken müssen - mehr hören, mehr tasten, mehr sehen. Hört man sich an, was Ralf Schmitt so von seinen Besuchern erzählt, spaziert wohl manch körperlich gesunder blinder und tauber durch die Tropenlandschaft als der wirklich Behinderte. Einerseits, sagt Schmitt beschweren sich manche Leute, dass zu wenig Bäume beschildert wären, andererseits weiß er aus den Fragen nach den Führungen, dass selbst die Schilder, die dort stehen, nie alle gelesen werden. Und dann gibt es immer noch diejenigen, die am Ausgang sagen: "Aber an dem Baum hing ja gar nichts." Er geht dann mit ihnen zu der Stelle, wo angeblich nichts hing. Am Sternfruchtbaum zum Beispiel. Dann sagt er: "Wenn sie ein bisschen weiter und genauer reinschauen, hängt der ganze Busch voll." Sieht man nur kurz hin, man könnte die Früchte für gelbliche Blätter halten.
Manchmal ist das Nichtvorhandensein von Früchten jedoch auch dem Vorhandensein von Besuchern geschuldet. Beispiel: Der Kaffeebaum. Die roten Trauben werden immer gleich abgeerntet. Die Besucher, sagt Schmitt, würden sonst alle mitnehmen. Da Taschenkontrollen am Ausgang keine Alternative sind, wartet man jetzt bis der Baum groß genug ist, damit an die Trauben oben dann keiner mehr dran kommen kann.

Neben dem Kaffeebaum hängt ein Infoschild: 70 Prozent der Bäume im indonesischen Regenwald werden illegal gefällt. Was sind dagegen schon ein paar Kaffeetrauben? Der Raubbau im Regenwald beginnt eben manchmal im Kleinen.

Bezirkstagspräsident Günther Denzler jedenfalls war am Ende der Führung begeistert. Er überlegt jetzt nicht nur, wie er die Betriebskantine der Regierung von Oberfranken in Bayreuth von gegrillten Papaya-Baumstamm-Scheiben überzeugen kann. Vielmehr sei er von dem Besuch so nachhaltig beeindruckt, dass er überlege, das Inklusionskonzept des Tropenhauses für einen Innovationspreis vorzuschlagen.