413 Tage. Günter Münz weiß es ganz genau. So lange hat er gewartet. Tag für Tag - auf ein Herz.

Vergangenes Jahr hat er Weihnachten noch in der Klinik in Erlangen verbracht. Heuer hätte er das nicht mehr gewollt. "Ich war die Wochen vorher so am Boden, dass ich gesagt habe, ,wenn ich am 24. noch kein Herz habe, pack' ich meinen Koffer und geh' einfach‘." Insbesondere die zurückliegenden acht Wochen waren schwer für den Zeyerner und seine Familie. "Es war Horror pur. Es ging immer näher auf Weihnachten zu, meiner Mutter ging es schlechter. Ich bin immer kraftloser geworden. Die wöchentlichen Besuche in Erlangen haben gar keinen Spaß mehr gemacht: Schon wieder war man im Krankenhaus und schon wieder hat sich nichts getan", erklärt Ehefrau Heidi.

Das vergangene Jahr war das wohl schwerste für die Familie. Am 19. November ist die Mutter von Heidi Münz gestorben.
"Das war ein Dienstag, am Freitag wurde sie beerdigt." Doch am Dienstag darauf, genau eine Woche nach dem Tod seiner Schwiegermutter, kam für Günter Münz die Nachricht, mit der er schon nicht mehr gerechnet hatte: "Der Doktor kam, wollte Blut nehmen. Ich war mit ihm auf dem Weg zu dem Zimmer und er sagte: ,Herr Münz, für Sie ist ein Herz da - hundertprozentig‘. Ich hab's erst gar nicht richtig begriffen, hab' noch ein-, zweimal gefragt, ob ich meine Frau anrufen kann, ob es wirklich stimmt." Günter Münz schluckt schwer. Das sieht man auch, obwohl er einen Mundschutz trägt. Das Strahlen aus seinen Augen weicht aber für keine Sekunde.
Kurz darauf, um 22.30 Uhr, klingelte bei Heidi Münz das Telefon: "Ich war schon im Bett. Auf einmal seh' ich auf dem Telefon, dass Günter anruft. ,Was wird denn jetzt sein?‘, hab' ich gedacht und erst einmal gefragt, wer dran ist." - "No ich", war Günters Antwort am anderen Ende der Leitung. Und dann folgte der Satz, auf den Heidi Münz so lange gewartet hat: "Du wirst es nicht glauben, aber der Hubschrauber mit meinem Herz ist schon unterwegs."


Freude und Angst zugleich

Mit einer der Schwestern ihres Mannes ist Heidi Münz in dieser Nacht sofort nach Erlangen gefahren. Tochter Katharina, die dort studiert, war zehn Minuten nach dem Anruf schon bei ihrem Vater. "Es waren Freude und Angst gleichzeitig", beschreibt Heidi Münz das Gefühl, das sie hatte, als sie im Auto nach Erlangen saß.
"Auf der einen Seite freut man sich, dass es ein Herz gibt, auf der anderen Seite denkt man sich, hoffentlich sind das jetzt nicht die letzten gemeinsamen Stunden."

Um 1.45 Uhr wurde Günter Münz in den Operationssaal geschoben, zehn Stunden dauerte die Transplantation. Für Heidi und Katharina Münz waren das die längsten Stunden ihres Lebens. "Wir sind immer wieder auf und ab gelaufen, haben hoch geschaut - von außen konnte man das Fenster des OP-Saals sehen", beschreibt Heidi Münz das Warten. Tochter Katharina hat die Hoffnung nie aufgegeben. "So lange Licht brennt, ist das ein gutes Zeichen", hat sie ihrer Mutter immer wieder zugesprochen, als sie wieder an dem Fenster vorbeigelaufen sind. Die Oberschwester hat die beiden immer wieder über die Schritte im OP-Saal informiert. "Die haben alle mitgefiebert und Daumen gedrückt - ob Ärzte, Schwestern oder Patienten", freut sich Heidi Münz über die Unterstützung.

Günther Münz schweigt, hört zu. Dann greift er nach den Händen seiner Frau und seiner Tochter. Über den Spender weiß er nichts. "Ich dank' ihm nur", sagt Münz. Er wirkt nachdenklich und ergänzt: "Es ist schon makaber und traurig, dass einer sterben muss, damit ein anderer weiterleben kann."

Auf jeden Fall sei der 27. November wie ein zweiter Geburtstag. "Das ist jetzt der große Tag", sagt er. Der sei jetzt wichtiger als sein eigentlicher Geburtstag, der 19. Dezember, an dem er übrigens aus der Klinik entlassen wurde.


"Erlangen wird uns nie loslassen"

13 Jahre ist Günter Münz schon herzkrank, 2011 erhielt er ein Kunstherz. Jetzt spricht er von einer ganz anderen Lebensqualität. Immerhin habe er bei dem Kunstherz alle vier Stunden die Batterien wechseln müssen.
Klar sei er aufgeregt gewesen, als er er vergangenen Donnerstag mit seiner Tochter von Erlangen nach Hause gefahren ist. "Ich war schon bald wach und dann nur in der Klinik unterwegs, um allen Tschüss zu sagen", erzählt er. Die Station sei seine zweite Familie geworden. Egal ob Ärzte, Schwestern oder auch die anderen Patienten - sie alle sind ihm ans Herz gewachsen. "Erlangen wird uns nie loslassen", ist Ehefrau Heidi überzeugt. Freundschaften seien entstanden.

Günter Münz berichtet von einem Italiener, der eine Zeit lang mit ihm auf dem Zimmer gelegen hatte, ein halbes Jahr vor ihm ein Herz bekommen hat. Er kam in der Nacht der OP und hat mit Günter Münz gewartet, bis er in den Operationssaal geschoben wurde.


Im Himmel "aufgeräumt"

Leid und Glück liegen auf der Station in der Herzchirurgie Erlangen so dicht beieinander - das hat Günter Münz in dem zurückliegenden Jahr miterlebt. "Seit ich dort war, hab' ich zwölf Transplantationen miterlebt, zehn haben sie überstanden, zwei sind gestorben. Und drei andere haben die Wartezeit nicht überlebt", erinnert er sich beispielsweise an eine Frau aus Kulmbach. "Wir haben uns an dem einen Tag noch über die Bierwoche unterhalten und gesagt, wenn wir ein Herz bekommen, trinken wir zusammen eine Maß. Am Tag drauf ist sie gestorben."
Der 54-Jährige ist sich sicher, dass er die Zeit ohne seine Familie nicht überstanden hätte. "Irgendwann liegen einfach auch die Nerven blank", beschreibt er. Und auch die echten Freunde lerne man in so einer Zeit kennen. Heidi Münz nickt. Gerade beim Tod ihrer Mutter habe sie viel Unterstützung erfahren.

Wie es sich mit dem neuen Herz anfühlt? Günter Münz kann es nicht beschreiben. Er hätte nie gedacht, dass es ihm mal wieder so gut geht, sagt er. Und Tochter Katharina weiß, was sich viele fragen: "Ich hab' den Papa irgendwann mal zur Seite genommen und ihm gesagt, dass die Mama ein bisschen Angst hat, dass er sie mit dem neuen Herz nicht mehr so liebt wie vorher. Dann hat er mich in die Arme genommen und gesagt: ,Aber Ihr seid doch meina zwaa Goldstückla.‘" Katharina strahlt. Für die Familie ist es das schönste Weihnachtsgeschenk, dass der Papa wieder daheim ist.

Und Heidi Münz glaubt auch zu wissen, warum das so kam: "Meine Mutter hat im Himmel aufgeräumt und ihm ein Herz gesucht." Dass die gute Nachricht eine Woche nach dem Tod ihrer Mutter, die sie drei Jahre lang gepflegt hatte, kam, ist für sie alles andere als ein Zufall.

Welchen Wunsch Günter Münz jetzt noch hat? "Ich hab ein Herz, ich bin bei meiner Familie. Ich habe keinen Wunsch mehr", sagt er dankbar. Nach der dreiwöchigen Reha, die am 30. Dezember beginnt, wollen er und seine Familie - dazu gehören auch Sohn Marcel, Schwiegertochter Sonja und die drei Enkelkinder Lukas, Ida und Frieda sowie Katharinas Freund Markus - einfach nur noch jede gemeinsame Minute genießen. Oder, wie Ehefrau Heidi Münz sagt: "Einfach wieder leben."


Dankeschön

Günter Münz und seine Familie möchten auf diesem Weg auch danke sagen - allen, die sie in der schweren Zeit unterstützt haben, insbesondere dem Klinikpersonal in Erlangen mit Professor Micahel Weyand, der Günter Münz operiert hat.