"So etwas habe ich noch nie erlebt in meiner 20-jährigen Dienstzeit", sagt ein Beamter der Kronacher Polizeiinspektion. Der Polizist sagte am Montag vor der ersten großen Strafkammer in Coburg aus über eine Nacht, die der Beamte nach eigenen Angaben nicht mehr so schnell vergessen wird. Die Ereignisse, die am 24. April 2015 um 1.20 Uhr anfangs recht harmlos ihren Anfang nahmen, mündeten für einen 44-jährigen Kronacher in eine Anklage wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr, Beleidigung, Bedrohung, Widerstands gegen Staatsbeamte, vorsätzlicher Körperverletzung und versuchten Totschlags.


"Flott und ohne Licht"

Der Beamte der Kronacher Polizeiinspektion war auf Streife mit einem Kollegen, als sie auf einen Fahrradfahrer aufmerksam werden, der - so die Schilderung des Zeugen - "recht flott ohne Licht unterwegs" war. Aufgrund der "verwaschenen Aussprache" und des Verdachts auf Trunkenheit führten die Polizisten einen Atem-Alkoholtest durch, der positiv war. Der Kronacher habe einer Blutentnahme zugestimmt, erläutert der Polizist. Diese sollte in der Frankenwaldklinik vorgenommen werden. Laut Staatsanwaltschaft wurde der Mann bereits auf dem Parkplatz aggressiv und äußerst beleidigend. Unter anderem soll er die Beamten mehrfach mit Kraftausdrücken tituliert und ein "Ich schlag euch die Zähne ein" geäußert haben. Das bestätigte der Zeuge. In der Notaufnahme sei der Mann allerdings wieder ruhig gewesen, schilderte der Beamte weiter.
Als er dem Kronacher allerdings den Rücken zudreht, um die erforderlichen Formulare zur Blutentnahme auszufüllen, eskaliert die Situation. "Plötzlich, wie wenn man einen Schalter umlegt" habe sich der Kronacher von hinten auf ihn gestürzt und mit beiden Händen nach der Waffe gegriffen, die er an seiner rechten Seite im Holster bei sich trug, schilderte der Zeuge. "Ich hatte nur einen Gedanken", erklärt der Polizist, "die Waffe muss bei mir bleiben."
Der Mann habe mit aller Gewalt daran gerissen, beide seien zu Boden gestürzt, hätten Rollwägen und Spritzenutensilien mit sich gerissen beim Kampf um die Waffe. Der Polizist fürchtet, dass sich der Stift der Sicherung löst und der Angreifer irgendwie an den Abzug kommt. Dann sei die Waffe sofort schussbereit, erklärte er. Sie sei konsequent durchgeladen und müsse auch nicht mehr entsichert werden. Der Polizist versucht, sein Bein aus dem Schussfeld zu bringen. "Ich wusste nicht, ob es nicht gleich einen Knall tut", sagte er aus.


Drohungen gegen Polizisten

Einem Kollegen, der mit ihm zusammen im Raum ist, sowie einem weiteren herbeieilenden Kollegen gelingt es schließlich, den Kronacher zu überwältigen und ihm Handschellen anzulegen. Nach der Blutentnahme, die der Arzt dann wiederum in Ruhe vornehmen kann, wird der 44-Jährige laut Zeugenaussagen erneut rabiat. Mehrfach habe er einem der Beamten gegen die Knie getreten, sagte dieser aus. Schließlich habe er sich bewusstlos gestellt. Der behandelnde Arzt jedoch hält den Mann für einen Simulanten und erklärt ihn für haftfähig. Später auf der Polizeiwache randaliert der Mann in seiner Zelle erneut. Stundenlang habe er Beleidigungen gebrüllt, gegen Wände und Gitter geschlagen und geschrien: "Ich bring euch alle um." Er habe ein "Elefantengedächnis" und würde sich rächen, habe er geschrien. Ein dritter Polizeibeamter, der ebenfalls als Zeuge aussagte, bezeichnete das Vorgehen des Mannes als "absolut irre". "Er hat durchgehend geschrien und getreten, das ging bis früh um sechs Uhr, es war keine fünf Minuten mal Ruhe."
Zwei der Polizeibeamten erleiden Verletzungen: Ein Arzt attestiert dem angegriffenen Polizisten extreme Schwellungen an der Hand, multiple Prellungen am ganzen Körper, Hämatome, blaue Flecken, Riss- und Schürfwunden. Sein Kollege erleidet durch die Tritte des Mannes Hämatome und Prellungen an beiden Knien. Er habe Angst gehabt, gab der Polizist zu. "Wenn er das Ding rausgebracht hätte, hätte er uns erschossen. Er war wie wahnsinnig." Sein Kollege erläuterte dem Vorsitzenden Richter am Landgericht, Christoph Gillot, er sei nach der Tat wie paralysiert gewesen. "Das ist wie ein Film, das geht einem immer durch den Kopf. Wenn Sie den Blick gesehen hätten, dann hätten Sie gemeint, es sei vorbei gewesen." Neben dem Strafantrag stellte der Beamte zudem einen Adhäsionsantrag auf Zahlung eines Schmerzensgeldes, das nach Ermessen des Gerichts festzulegen sei, mindestens aber 1000 Euro betragen solle.


Nur Angaben zur Person

Der Angeklagte machte lediglich Angaben zu seiner Person. Er sei in Kronach aufgewachsen, gab er an, habe die Realschule ohne Schulabschluss verlassen und arbeitete als Hilfsarbeiter. Danach gefragt, bestätigte er, regelmäßig Alkohol zu trinken und legale Kräutermischungen und Cannabis zu konsumieren. Früher habe er Heroin gespritzt, erklärte er. Pflichtverteidigerin Julia Gremmelmaier gab für ihren Mandanten eine Erklärung zur Tat ab. Darin gab er Beleidigungen, Bedrohungen, Körperverletzungen und den Widerstand gegen die Beamten zu. "Was mein Mandant abstreitet ist, dass er an die Waffe greifen wollte in der Absicht, die Polizisten zu erschießen", sagte sie.
Alle Zeugen, die während der Tat in der Notaufnahme anwesend waren, bestätigten jedoch, dass der Angeklagte versucht habe, die Waffe an sich zu reißen. Der angegriffene Polizist war der Meinung, der Mann habe beide Händen benutzt.Sein Kollege erklärt, dass der Mann eindeutig direkt nach der Waffe gegriffen habe. Ob mit einer Hand oder beiden Händen, daran könne er sich nicht erinnern. "Das passierte alles in ein, zwei Sekunden" erklärte er. Auch der im Behandlungszimmer anwesende Arzt bestätigte, dass der Kronacher zumindest mit einer Hand nach der Waffe gegriffen habe. Er habe Angst gehabt, gab er zu, und die beiden Kollegen der Polizisten, die vor der Tat kurz den Raum verlassen hatten, zu Hilfe gerufen.