Fast zwei Jahre ist es nun her, dass aus der Schnapsidee meiner großen Schwester Ernst wurde und ich in einem Rennradladen stand und mir ein Rad gekauft habe. Sie hat einfach nicht aufgehört davon zu reden: Komm lass uns das einmal ausprobieren. Das schaffen wir. Das wäre doch cool, wenn wir das alle zusammen machen. Ich war irgendwann überzeugt, und hier schließt sich der Kreis: Ich hab mir ein Rennrad gekauft, um an einem Ironman teilzunehmen.

Zugegeben, es wird nur ein Teil des Ironmans sein. Eine Familienstaffel wollten wir machen. Mein Papa als erfahrener Triathlet soll schwimmen, meine Schwester laufen und ich dann Radfahren - was anderes bleibt auch gar nicht mehr übrig.

Radfahren nicht nur zum Spaß

Also ging es im Oktober 2018 los mit dem Training. Ich bin zwar von klein auf schon sehr sportlich gewesen und habe meine Freizeit damit verbracht, aber Radfahren war für mich nicht mehr als der Weg zum Einkaufen oder in die Stadt. Berge fahren? - Nur über meine Leiche. Deswegen nahm mein Papa lange Zeit auch das Ganze nicht ernst. Er dachte wir machen das jetzt ein paar Wochen lang und dann haben wir keine Lust mehr. Aber meine Schwester und ich, wir zogen das durch.

Die ersten Trainingseinheiten begleitete mich noch mein Papa auf seinem Rennrad. Es regnete oft. Er wollte mich schon zu Beginn herausfordern und mich die schlimmsten Berge raufjagen, die es gab. Es war sehr hart am Anfang, aber ich bin ein ehrgeiziger Mensch und ziehe es durch, wenn ich mal mit etwas angefangen habe. Aufgeben kommt da nicht in Frage.

180 Kilometer sollen es beim Ironman sein, die ich am Stück fahren muss. Und je länger ich im Training bin, desto größer wird der Respekt für diese Strecke. Ich habe mir vorgenommen, die Distanz in sechseinhalb Stunden zu fahren. Eine wahnsinnig lange Zeit, die ich da auf dem harten Sattel sitzen soll.

Wettkampfluft geschnuppert

Bevor es aber an den Ironman geht, war es meinem Papa wichtig, dass wir erst einmal Wettkampferfahrung auf der Olympischen Distanz sammeln. 2019 starteten wir dann bei drei Wettkämpfen. Und ich muss sagen, es lief besser, als ich gedacht hätte. Nicht, weil wir gewonnen haben, sondern weil wir selbst mit unserer eigenen Leistung zufrieden waren. Und unsere selbst gesteckten Ziele erreichen konnten.

Das Spannendste an solchen Wettkämpfen ist für mich immer der Punkt, an dem es eigentlich nicht mehr weitergeht, weil die Kraft nachlässt und der innere Schweinehund einem ins Ohr flüstert: Steig ab, du kannst nicht mehr, das nimmt dir keiner übel, oder sag einfach, dass es dir nicht gut geht. Genau an diesem Punkt geht es dann aber erst richtig los, denn wenn dieser Punkt überstanden ist und ich jedes Mal einfach weiterfahre, dann kann ich am Ende stolz auf mich sein.

Ausreden gibt es nicht

Denn auch ich habe durchaus die Phasen, in denen ich keine Lust habe zu trainieren und am liebsten nach der Arbeit auf dem Sofa entspannen würde statt noch eine Stunde auf dem Rad zu sitzen - und das dreimal pro Woche, wenn gerade keine Wettkampfvorbereitung ist. Und auch schlechtes Wetter ist keine Ausrede, um auf das Training zu verzichten. Mein Papa hat mir dafür zu Weihnachten extra eine Rolle geschenkt, auf der ich auch im Winter meine Kilometer strampeln kann.

2020 wollten wir ursprünglich beim Langdistanztriathlon in Roth starten und uns damit unseren Traum erfüllen. Einen Startplatz haben wir aufgrund der hohen Nachfrage nicht bekommen. Die Enttäuschung war groß und wir entschieden uns, ein weiteres Jahr auf der Olympischen Distanz zu starten. Dann kam Corona und brachte unsere Jahresplanung durcheinander. Alle Wettkämpfe bis Ende August wurden abgesagt.

Weiter im Training bleiben

Das schlägt natürlich auf die Motivation. Warum jetzt weitertrainieren, wenn sowieso erstmal kein Wettkampf ansteht? Ich gebe zu, da lasse ich es jetzt tatsächlich etwas ruhiger angehen. Trotzdem habe ich vor allem die Zeit der Ausgangsbeschränkung genutzt, um bei gutem Wetter am Wochenende vier oder fünf Stunden mit dem Rad zu fahren. Aber dann nicht nach Wettkampftempo sondern einfach, um ein wenig Bewegung und frische Luft zu bekommen. Denn dafür ist Fahrradfahren immer gut - egal in welchem Alter und auf welchem Rad.

Für mich ist es einfach ein tolles Gefühl, aufs Rennrad zu steigen und einfach loszudüsen.

Und wer hätte es gedacht: Besonders die Berge sind die Herausforderungen, die ich liebe. Mittlerweile fährt mein Papa nur noch selten mit mir und auch nur flache Stücke. Bei den Anstiegen würde er nicht mehr mitkommen, meint er. Und es gibt kein schöneres Gefühl, als nach einer Trainingseinheit völlig geschafft vom Rad zu steigen und zu wissen, was man gerade geleistet hat.

Ganz nebenbei erlaubt mir das Training auch, dass ich essen kann was ich will. Mal ein Eis gönnen oder eine Cola trinken, ist überhaupt kein Problem, wenn nicht gerade ein Wettkampf ansteht. Aber wenn es dann soweit ist und wir den Traum vom Ironman realisieren können, dann werde ich gerne darauf verzichten.