Als am Samstagabend das Kammerspiel im Historischen Kronacher Rathaus-Saal mit dem Tod von Valentin und Molina endet, dauert es einen Moment, bis der Applaus einsetzt. Das liegt aber keineswegs daran, dass das Epos über Gewalt und Angst, Liebe und Menschlichkeit, Verrat und Mut nicht zu fesseln verstand oder nicht beim Publikum ankam. Im Gegenteil: Man ist noch zu aufgewühlt, um sofort wieder im "Jetzt" ankommen zu können. Auch den beiden Hauptdarstellern Bernd Berleb und Andreas Gräbe geht es nicht anders. Mit Tränen in den Augen brauchen sie einige Augenblicke, bis sie den Beifall genießen können - so intensiv war ihr Spiel und so sehr gingen sie in ihren so unterschiedlichen Charakteren auf.

Der hartgesottene politische Revolutionär Valentin (Bernd Berleb) und der sensible homosexuelle Molina (Andreas Gräbe) teilen sich eine Gefängniszelle während der Militärdiktatur in Argentinien. In der Haft nur aufeinander gestellt, entwickelt sich bald eine untypische Verbindung zwischen den beiden grundverschiedenen Männern - angespornt durch Molinas lebhafte Erzählungen nostalgischer Filme. Doch wie viel Wert hat Nächstenliebe und Freundschaft in einem System, das nur Verrat belohnt?

Der erfolgreiche Roman aus dem Jahr 1976 von Manuel Puig - eine Konfrontation von Ertragen und Bekämpfen sowie Romantik und Realismus - wurde von der argentinischen Militärregierung verboten und trieb den Autor ins lebenslange Exil. Die filmische Umsetzung aus dem Jahr 1985 erhielt viele Auszeichnungen. Das spannende Theaterstück ist seit 1981 auf weltweitem Erfolgskurs und mit dem Musical erobert sich die Geschichte - seit der Uraufführung von 1992 ständig neues Publikum.

Ein Seelenstriptease

Bernd Berleb und Andras Gräbe in der Titelrollebrauchen sich hinter manch berühmten Vorgängern keinesfalls zu verstecken. Ihnen gelingt es in der Mischung aus Charakterstudie und Polit-Thriller-Parabel zutiefst beeindruckend, die Charaktere der beiden Titelfiguren zu unterstreichen, ihre gänzlich gegenpoligen Einstellungen zum Leben und ihren Umgang mit der Realität zu verkörpern.

In der beklemmend-intimen Atmosphäre des Historischen Rathaus-Saales legen sie einen Seelenstriptease hin, der einem im Publikum bisweilen die Kehle zuschnürte, kaum Luft zum Atmen ließ, an manchen Stellen an Nähe kaum zu ertragen war. Regisseurin Anja Dechant-Sundby verzichtete auf sichtbare Wände und Gefängnismauern. Die Wände stellten die Zuschauer dar, die im 360-Grad-Winkel um das Podest in der Saalmitte auf Augenhöhe zu den Darstellern sitzen. Requisiten gibt kaum: zwei spartanische Betten, ein paar Habseligkeiten. Der Raum oftmals nahezu gänzlich abgedunkelt; sparsame, aber wirkungsvolle Akzente setzt die sensibel begleitende Anne Christoph mit ihrem Cello.

Zum "Nichtstun verdammt" spüren die Zuschauer das "unvermeidlich" Erscheinende auf sich zukommen, leiden zwei Stunden lang mit dem ungleichen Paar: Der homosexuelle Schaufensterdekorateur Molina (Andreas Gräbe), der wegen Verführung Minderjähriger verurteilt wurde, erträumt sich eine rosarote Zukunft mit seinem Schwarm, einem Kellner. Während er, in seiner eigenen Traumwelt lebend, sich kaum für die Vorgänge in der Militär-Diktatur interessiert, ordnet der Widerstandskämpfer Valentin (Bernd Berleb) alles dem Kampf gegen das totalitäre Regime unter: "Ich diene dem Nobelsten, was es gibt!" Als Mitglied einer regierungsfeindlichen Untergrundorganisation inhaftiert, ist er bereit, für die gute Sache an Äußerste zu gehen; auch wenn es sein eigenes Leben kosten könnte.

Um Konversation zu betreiben und von der grausamen Realität abzulenken, erzählt Molina in ausschweifender Art und Weise seine Lieblingsfilme nach. Mit festangezogenen Scheuklappen berauscht er sich dabei an der Illusionsfabrik Hollywood und ihrer Filmdiven, flüchtet in eine Fantasiewelt und blendet die Gegenwart aus. Der Idealist und Realist Valentin erträgt eingangs eher die Schilderungen seines Mitinsassen. Nach und nach lässt er sich doch darauf ein und bittet ihn später sogar darum, weiter zu erzählen.

Verzweiflung und Hoffnung

Es sind bewegende Momente, wenn der revolutionäre Macho-Aktivist und der romantisch-"schwuchtelige" Träumer nach und nach nicht geahnte Gemeinsamkeiten - eine Art Seelenverwandtschaft - entdecken, ihr Innerstes nach außen kehren. Mit zunehmender körperlicher Schwäche, hervorgerufen durch präpariertes Essen, lässt sich Valentin zwar nicht idealistisch verbiegen; aber er gesteht sich seine Emotionen ein. Er gibt zu, sich in seinen Träumen mehr zur bürgerlichen Marta hingezogen zu fühlen als zu seiner tugendhaften Kampfgenossin, die er eher aus Pflichtgefühl liebt.

Bernd Berleb und Andreas Gräfe tragen das tragisch-schwere Spiel in die Psyche jener vom Leben Geschwächten, vom Schicksal Gebeutelten mit vollem Körpereinsatz, purer Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Vertrauen. Molina pflegt den vergifteten Valentin, obwohl er ihn auf Geheiß der Gefängnisleitung eigentlich aushorchen soll - es ist eine Entscheidung zwischen Freundschaft und dem eigenem Überleben.

Das langsame, auch körperliche Näherkommen der beiden gipfelt in der Nacht vor Molinas Entlassung. "Du bist die Spinnenfrau", sagt Valentin zu Molina, der ihn bis zum Schluss nicht verrät und dafür letztlich auch selbst sterben muss - ein Sieg der Freundschaft, ein Sieg der Liebe!

Großartig vom Anfang bis zum bitteren Ende: ein wahrhafter Theaterabend - authentisch, aufrüttelnd, groß!

Termine und Karten

Weitere Aufführungen Mittwoch, 28. Oktober, 19.30 Uhr; Donnerstag, 29.Oktober, 19.30 Uhr; Freitag, 30. Oktober, 19.30 Uhr; Samstag, 31. Oktober, 19.30 Uhr; Sonntag, 1. November, 18 Uhr (Sonder-Aufführung Kiwanis Club Kronach), Samstag, 7. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 8. November, 18 Uhr,

Ort Historisches Rathaus, Historischer Rathaussaal, Eingang: Lucas-Cranach-Str. 19,

Ticketpreise 17 Euro/ermäßigt 15 Euro, Abendkasse: 19 Euro / ermäßigt 17 Euro,

Vorverkauf Tourismus- und Veranstaltungsbetrieb der Stadt Kronach, Marktplatz 5, Kronach, telefonische Bestellung unter: 09261 / 97236,

Infos www.rosenbergfestspiele.de oder auch in facebook.