In der Sommerserie durchwandern die FT-Reporter den Landkreis von Süd nach Nord auf Nebenstraßen. Immer auf der Suche nach den Geschichten am Wegesrand.

Der Kurfürstenstein ist ein guter Ort, um Menschen zu treffen. Markus kommt links vom Rennweg. Wilfried von rechts. Ich stapfe über einen Trampelpfad am Stein vorbei und freue mich über unser Aufeinandertreffen, während ich die Nürnberger Nummer wähle.

Mal wieder steht auf einer Infotafel keine Beschreibung des Steins, sondern eine Telefonnummer auf die eine monotone Männerstimme vom Band antwortet. Der Kurfürstenstein aus dem Jahr 1513, erklärt die Bandansage, sei der älteste Grenzstein am Rennsteig. Friedrich der Weise - später steht auf einer echten Infotafel: Friedrich der Weiße -, Johann der Beständige (beide von Sachsen) und der Bamberger Fürstbischof Georg III. Schenk von Limpurg haben sich mit Wappen und Namen auf dem Grenzstein verewigt. Außerdem erklärt das Männerstimmenband, dass das Wandern auf dem Rennsteig "Runst" genannt wird und vor diesem Stein ein Ritual des Rennsteigvereins abgehalten wird.

Er steht nämlich auf der letzten Etappe des berühmten Wanderwegs, wenn man wirklich den Weg von West nach Ost, von Hörschel nach Blankenstein herunterrunstet. Vor dem Stein verleiht der Verein mit einem Wimpel oder Stecken einen Titel für Erstwanderer: den Alt-Renner. Außerdem erhält dort der Wanderer seinen eigenen Renner-Namen.

Die Taufe am Rennsteig

Würde ich tricksen und sagen, ich sei den Weg komplett gelaufen, der Rennsteigverein sollte mich ehrlichkeitshalber "Bastian der Unbeständige" nennen. Das ist ehrlich, weil ich den Rennsteig schon fünf Kilometer später wieder verlasse. So wird man kein Altrenner, sondern ein Rennsteigbetrüger. Ehrlich wäre auch "der Sonnenverbrannte" statt "der Weiße". Oder "der nur an den Armen und Beinen Gebräunte". Markus wäre jedenfalls "der Höchste" und Wilfried "der Ausdauernde".

Die beiden Wanderer, die ersten Langzeitwanderer, die ich treffe, erzählen mir ihre Geschichte. Markus lebt in Augsburg. Die Stadt ist ihm zu voll und Garmisch-Partenkirchen zum Wandern auch. Also ist er auf dem Rennsteig gelandet, an diesem Mittag im Halbschatten auf der letzten Etappe der Reise. Markus soll "der Höchste" sein, weil er eine Nacht auf einem Aussichtsturm verbracht und einen anderen Schlafplatz auf dem Dach einer Schutzhütte gefunden hat. Er hat Respekt vor Wildschweinen.

Wilfried ist "der Ausdauernde", weil er schon Spanien, England, Schottland und viele Wege in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren bewandert hat. Jetzt runstet er auf dem Rennsteig nach Westen und dann nach Norden in den Südharz. Er lebt in Hannover, aber ist im Harz aufgewachsen. Sein Vater ist vor wenigen Wochen gestorben. Wilfried hat dessen Wanderkarten im Gepäck und wandelt nun in den Fußstapfen seines Vaters, der sogar seine Schlafplätze in der Karte eingezeichnet hat. Er ist ganz am Anfang der Reise. Sein Weg ist mehr als 250 Kilometer lang.

Von Teuschnitz nach Steinbach

Der Rennsteig ist belebt. Im restlichen Landkreis sind wenige Rucksacktouristen unterwegs. Runsten darf man ja nur auf dem Rennsteig. Zuvor, auf dem Weg von Teuschnitz nach Steinbach am Wald war es, wie gewohnt, ruhig. Doch genau an den Stellen, an denen es sich gelohnt hat, Menschen zu treffen, hat es diesmal geklappt.

Versteckt liegt die Kremnitzmühle und etwas darüber die Kapelle im Tal, die nach Auskunft der ehemaligen Pächterin Rosmarie Rebhan im Unterrodacher Flößermuseum auf einer alten Landkarte aus dem 16. Jahrhundert bereits eingezeichnet ist. Ich verspreche, Bernhard und Marie bei Gelegenheit zu besuchen und erreiche kurz nach dem steilen Anstieg Rappoltengrün.

Gabriele Weber hätte wahrscheinlich auch einen Rennsteig- oder Ehrennamen verdient. Das Dorf hat stattdessen - noch besser - einen Platz nach ihr benannt. Gabi-Weber-Platz. Einen grünen, schattigen Platz mit blauem Vordach an einer Scheune. Der perfekte Ort, um kurz auszudampfen und die Nachbarn zu fragen, wer Gabi Weber ist. Wandern heißt auch lernen. Diana, die in Kronich wohnt und ihre Eltern in Rappichgrü' besucht, klärt mich kurz über die Verdienste der Teuschnitzer Altbürgermeisterin auf und sagt, dass sie meine Episode aus "Simmarua" gelesen hat. Ich schaue sie an wie ein unbeständiger, aber gebräunter Unwissender. Marienroth, sagt sie auf Hochdeutsch. Diana, die Auskunftsfreudige. Endlich lerne ich die echten Ortsnamen.

Zwischen Rappichgrü' bis zum Kurfürstenstein passiert lange Zeit gar nichts, was vor allem daran liegt, dass ich durch eines der weitesten, unbewohnten Waldgebiete des Landkreises laufe. Ich bin fast allein. Ein Harvester schält neben mir ein paar Fichten, wahrscheinlich Borkenkäfer-Fichten. Später lese ich, Johann der Beständige hat seinen Beinamen aufgrund seiner protestantischen Überzeugung erhalten und nicht am Kurfürstenstein. Wahrscheinlich war er nie runsten.