Eine Leiter steht auf der Erde, ihre Spitze reicht bis in den Himmel. Engel steigen auf ihr herauf und herunter, den Himmel hinauf und hinab. Oben steht der Herr selbst, der sich als Gott Abrahams und Isaaks vorstellt, und Jakob und dessen Nachkommen seinen Segen zuspricht. Jakob ist einsam, angsterfüllt und hoffnungslos, als er völlig erschöpft während seiner Flucht vor seinem Bruder Esau von Beerscheba nach Haran seinen Kopf auf die Steine legt und ihm die Himmelsleiter in dieser Traumvision erscheint.

Biblische Erzählung

Ganz im Zeichen dieser biblischen Erzählung stand der nunmehr dritte Kunstgottesdienst in der Christuskirche. Mit textlich, musikalisch und malerisch stimmigen Elementen verwandelten dabei der Schriftsteller Ingo Cesaro, der Maler Horst Böhm sowie Organistin Christine Burkhardt die Christuskirche in einen Ort des kulturellen und spirituellen Experiments. Sie setzten den Glauben ins Gespräch mit Kultur und Kunst und zeigten auf, dass Kirche und Kunst vielerlei gemeinsam haben.

So unterstützt die Kunst in all ihren Facetten auf vielfältige Art und Weise die Verkündigung des Wortes Gottes - wie auch Ingo Cesaro in seinem Gedicht "Während Ungeduldige warten", in dem er beschreibt, "Wie Gott durch Engel Himmel und Erde verbindet ..." Tiefgründig, sensibel und berührend reflektierte er in - bedachten und sorgsam ausgewählten - lyrischen Worten die Himmelsleiter, als Symbol für die ständige Verbindung zwischen Mensch und Gott. Das Gedicht endet mit: "In einem meiner Träume sah ich meinen Großvater, der mir als Kind oft seine Lieblingsgeschichte erzählte von der Jakobsleiter, die bis an einen Zeppelin reichte, der mit vielen Engeln abhob, nachdem die Leinen gekappt waren. Während Ungeduldige warten, reißt plötzlich die Wolkendecke auf, in Sonnenstrahlen wirbeln Sonnentierchen so hoch, bis die Augen tränen und schmerzen - auch vor Verwirrung."

Sehr harmonisch ergänzt wurde die Lesung von Christine Burkhardt mit wunderschönen Improvisationen an der Orgel. Zwischen den Passagen hatten die Zuhörer Zeit, das Gehörte wirken zu lassen und sich darüber eigene Gedanken zu machen. Cesaros Gedicht hat Professor Horst Böhm als Vorlage für seine - ganz in zarten weiß-blau-gelben Farben gehaltene - Malerei genommen. Zu sehen ist darauf die "Himmelsleiter", die - von der Erde bis in den Himmel ragend - die Wolken durchbricht und ins Licht führt. Das gelbe Licht im Himmel findet sich dabei auch an der Stelle, an der die Leiter den Boden berührt.

Der Traum Jakobs

Auch Pfarrerin Susanne Treber griff in ihrer Predigt den Traum Jakobs auf, der durch diese Vision aufgerichtet wird. In der Himmelsleiter ist ein Symbol für die ständige Verbindung zwischen Mensch und Gott zu sehen, die zu jeder Zeit und an jedem Ort möglich ist. "Wir müssen dafür nicht auf die Leiter steigen, wir können auf dem Boden bleiben, weil Jesus uns den Weg erleuchtet und er selbst Leiter zwischen den Ufern ist. Durch ihn hat Gott eine ganz eigene Verbindung zwischen Himmel und Erde geschaffen", meinte die Pfarrerin. Träume erzählten oftmals von einer großen Sehnsucht. Cesaro drücke in seinem Gedicht den Wunsch aus, einmal abzuhängen und über die Wolken in den Himmel mit seiner ganzen Bläue zu steigen. "So ging es auch Jakob auf seiner Flucht.

Aber so geht es auch heutzutage vielen Menschen, die vom Alltagsstress fliehen und mit dem nächsten Flieger auf und davon möchten", war sie sich sicher. Für Jakob sei sein Traum eine unglaubliche Überraschung gewesen - nämlich zu spüren, dass er unterwegs behütet wird, bis er wieder in Frieden und ohne Angst heimkehren kann. "Das muss himmlisch gewesen sein", so die Pfarrerin. Jakob sei im Herzen bereit gewesen für die Botschaften der Engel als Boten zwischen ihm und Gott. Aber auch alle Menschen könnten einander selbst zu Engelsboten werden.

Gemeinsam ließen die Mitwirkenden den Kunstgottesdienst zu einem einzigartigen, tiefgreifenden Ereignis werden. Durch die stimmige Symbiose von Kirche und Kunst sieht der ein oder andere der zahlreichen Besucher das Thema "Himmelsleiter" vielleicht nun in einem etwas anderen Licht.