Gäbe es eine gute Fee, hätte Heidi Münz drei Wünsche: Ein gemeinsames Wochenende mit ihrer Tochter in Erlangen, einen Laptop - und ein Spenderherz für ihren Mann Günther. Seit Oktober liegt er in Erlangen im Krankenhaus und wartet darauf.

Im Internet kann man sich noch einmal die Folge der Frankenschau vom 16. Januar im Bayerischen Fernsehen anschauen. Günther Münz ist zu sehen. Er lächelt sympathisch, blinzelt. "Der Tag X, der wird schon irgendwann kommen", sagt er optimistisch.

Doch von Anfang an. "Das Ganze begann vor zwölf Jahren", erklärt Günther Münz' Frau Heidi: Ihr Mann wird "von einem auf den anderen Tag krank". Er bekommt keine Luft mehr, liegt auf der Intensivstation in Kronach, wo man feststellt, dass sein Herz zu groß ist.


Gen-Defekt wurde erkannt

Günther Münz wird nach Marburg in die Klinik
gebracht. "Dort hat man einen Gen-Defekt auf Grund seiner Schwerhörigkeit festgestellt, der nur dreimal in Deutschland bekannt ist." Zehn Jahre lang nimmt Günther Münz an einer Studie in Marburg teil.

Doch dann wird seine Herzleistung immer schlechter, bis sein Zustand 2011 so kritisch wird, dass er ins Klinikum Erlangen kommt und dort ein Kunstherz erhält. Auf dieses legt die Familie ihre ganze Hoffnung. Doch "seitdem er das Kunstherz hat, seit Oktober 2011, war er dreimal in einem sehr kritischen Zustand", erzählt Tochter Katharina. Denn im Februar darauf bekommt Günther Münz immer wieder Fieberschübe. Das bedeutet auch immer wieder Krankenhausaufenthalte. Bis es im Oktober vergangenen Jahres heißt, Günther Münz darf nicht mehr nach Hause, muss auf Station B5 in Erlangen warten, bis es ein Spenderherz für ihn gibt.

Seitdem steht er auf der Hochdringlichkeitsliste. Wie lange es dauert, bis der 53-Jährige mit einem Spenderherz rechnen kann, lässt sich nicht sagen. Schließlich kommt es dabei auf die Größe und das Gewicht des jeweiligen Herzens an ebenso wie auf die Blutgruppe, die stimmen muss. "Nur ein zu 100 Prozent passendes Herz wird genommen", weiß Heidi Münz.


Am Sonntag geht's nach Erlangen

Jeden Sonntag fährt sie nach Erlangen, unter der Woche kann die Familie lediglich telefonieren. Mehr geht nicht. Schließlich ist Heidi Münz nicht nur berufstätig, sondern hat auch noch ihre an Demenz und Parkinson erkrankte Mutter zu betreuen. Ihre engsten Bezugspersonen sind zurzeit Tochter Katharina und deren Freund Markus. "Wir können aber nie gemeinsam nach Erlangen fahren", sagt Heidi Münz, und Katharina ergänzt: "Es muss immer einer bei der Oma sein."

Die 20-Jährige übernimmt diese Aufgabe, wenn Mutter Heidi arbeitet. Doch eigentlich würde sie gerne studieren. "Aber ich will meine Mutter in dieser Situation auch nicht allein lassen", erklärt sie. Heidi Münz rechnet ihrer Tochter das hoch an. Von manch anderen fühlen sich die beiden eher allein gelassen. Gerade, wenn sie an den Tag X denken, von dem auch Günther Münz spricht. "Ich habe ständig und überall das Telefon dabei. Schließlich könnte ja jederzeit der Anruf aus Erlangen kommen." Der Anruf, dass Ehemann Günther ein Spenderherz bekommt "und wir losfahren können. Doch was mache ich dann mit meiner Mutter?", fragt sich Heidi Münz.


Leben spielt sich nur noch im Krankenhaus ab

Das Leben von Günther Münz findet seit Oktober nur noch im Krankenhaus statt - ganz egal, ob da Weihnachten ist, ein Geburtstag oder ob er gerne seine Enkel einmal wiedersehen würde oder seinen geliebten Hund Moritz, mit dem er früher lange Spaziergänge unternommen hat. Es spiele sich nichts anderes ab, als vom Bett mal auf den Gang zu gehen, dort hin und her zu laufen, und dann wieder ins Bett zu gehen, sagt er in dem Beitrag der Frankenschau. Je nach Tagesform, gehe das manchmal schon "ganz schön auf die Nerven".

Angesprochen auf die Organspendeskandale, die in den vergangenen Monaten immer wieder durch die Medien gingen, erklärt er, dass das für ihn bedrückend sei. "Dadurch gehen die Organspenden erst recht zurück, und unsere Zeit wird immer länger." Das sieht auch seine Frau so: "Die Organspende skandale sind doch nicht nur eine Geldsache. Manche Patienten sind einfach total am Ende.

Die Ärzte sehen diese jeden Tag leiden. Warum ist es dann so verwerflich, wenn sie auf der Liste jemanden vorziehen, der es besonders dringend benötigt. Das Ganze wurde zum Skandal gemacht. Aber die Folge daraus ist, dass sich nur noch weniger Leute einen Organspendeausweis besorgen, es also noch weniger Spender gibt - und dann geht der Skandal erst richtig los. Dann beginnt der Geldhandel doch erst recht." Und dann würden letztlich wieder die Patienten bestraft, wenn die Zahl der Organspender zurückgeht.

Je mehr Spender desto weniger Skandale - dessen müsse sich die Gesellschaft wieder bewusst werden, appelliert Heidi Münz, sich einen Organspendeausweis zuzulegen. Diese liegen in Apotheken oder Arztpraxen aus. Um nicht auch noch zu verzweifeln, gar in eine Depression zu verfallen, machen sich die Patienten auf der Station gegenseitig Mut, weiß Heidi Münz. "Sie sind ja alle Gleichgesinnte", sagt sie und erklärt, dass sie ihre Besuche auch mit den Angehörigen der anderen Patienten abstimmt. "Schließlich ist es ja auch nicht schön, wenn einer ständig Besuch bekommt, ein anderer nur selten."


Dankbar für Begleitung

Heidi Münz wird bei ihren sonntäglichen Besuchen oft von Verwandten, Freunden und Bekannten begleitet. "Dafür möchte ich mich auch ganz herzlich bedanken. Da sieht man, wer wirklich zu einem hält, wer einen unterstützt. Und schließlich bringt man so ein Stück Heimat mit in die Klinik. Mein Mann erlebt nichts, ich erleb' die ganze Woche nichts und wenn noch jemand anderes dabei ist, hat man mal ein anderes Gesprächsthema", sagt Heidi Münz. Ein anderes Gesprächsthema als die Krankheit und das Warten, das einen "verrückt macht".

Manchmal, sagt Heidi Münz, frage sie sich, "wann unser Leben wieder anfängt". Sie spricht von einer gewissen Leere, davon, dass das so keine Lebensqualität, ja kein Leben ist. Es könne sich keiner vorstellen, "was man da mitmacht. Das ist ein ewiges Auf und Ab." Es sei auch etwas anderes, wenn man zu Hause auf ein Spenderorgan wartet. Bei allem schwebe auch die Angst um Tochter Katharina mit, die wie ihr Vater schwerhörig ist. Und dessen Krankheit ist vererbbar.


Pflege der Mutter lenkt auch ab

"Wo ich die Kraft hernehme, weiß ich selbst nicht", sagt Heidi Münz. Das Pflegen ihrer Mutter sieht sie da nicht nur als ihre Aufgabe, sondern auch als Ablenkung. Ein Lächeln zaubern ihr zudem die Besuche von Sohn Marcel mit den Enkelkindern ins Gesicht.

Heidi Münz will nicht jammern, niemanden belasten. Sie spricht nur von drei Wünschen. Der erste: einmal gemeinsam mit ihrer Tochter nach Erlangen fahren und dort einfach mal ein Wochenende wieder als Familie verbringen zu können - auch wenn es im Krankenhaus ist. Dazu braucht es jemanden, "der bei der Oma bleibt. Das kann nicht jeder, da braucht es jemanden, der ein bisschen pflegerische Erfahrung hat". Der zweite: ein Laptop für Günther, damit man nicht nur telefonieren, sondern sich per Videotelefonie auch sehen kann. Und der dritte und wichtigste: "Ein Spenderherz für meinen Mann."