Dagmar Heinlein ist derzeit voll im Einsatz. Sie geht - wie ihre Kollegen - zu den Angehörigen einer Hochrisikogruppe, nämlich zu den Kranken und Senioren, die mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben beziehungsweise ihren Alltag nicht mehr meistern können.

Für die 52-Jährige ist der ohnehin stressige Job durch das Coronavirus noch härter geworden. In ihrem Job, so Dagmar Heinlein, könne eine zwei Meter große Distanz nicht eingehalten werden. Das bedeute, sowohl sie als auch ihre Patienten befinden sich in der Gefahrenzone. Aber was wäre die Alternative? Keine Wunden versorgen, kein Insulin spritzen, kein Inkontinenzmaterial wechseln? Sie und ihre Leute gehen also raus, um diesen Menschen zu helfen. Seit Corona sei aber vieles anders geworden.

Dagmar Heinlein beginnt zu erzählen. Da gibt es zum einen Regelungen innerhalb der BRK-Sozialstation. Unter anderem finden Pflegeübergaben nicht mehr im persönlichen Gespräch, sondern nur noch telefonisch oder schriftlich statt. Der kollegiale Plausch im Büro entfällt seit Wochen. Bei eingehenden Telefongesprächen kann der Hörer nicht einfach an die Kollegin weitergereicht werden, sondern vorher muss desinfiziert werden. Der Anrufer wird gebeten, sich in einigen Minuten wieder zu melden. Oberflächen wie Türklinken, Autogriffe etc. werden täglich desinfiziert. Jeder, so sagt sie, sei eigentlich auf sich gestellt, was für alle eine große psychische Belastung ist.

Auch bei der Pflege ihrer Patienten ist vieles nicht mehr wie vorher. Und gerade das stimmt Dagmar Heinlein traurig. Aufgrund der Schutzmaßnahmen sei ihre Arbeit mit dem Patienten schwieriger geworden.

Angst vor dem "Schnäuzla"

Schon bevor die Tour beginnt, werden Schutzkleidung und das "Schnäuzla" (Mundschutz) befestigt. Für manche Patienten, vor allem für die Demenzkranken, sei der Mundschutz beängstigend. Die Verständigung sei schwieriger geworden, denn die Patienten können Worte nicht mehr von den Lippen ablesen beziehungsweise nehmen diese undeutlich wahr. Sie können diese Schutzmaßnahmen nicht nachvollziehen. "Warum das alles, ich habe doch kein Corona!", werde teilweise gefragt.

Hinzu komme, dass während der Tätigkeiten die Schutzmasken verrutschen, die Brillen anlaufen etc. Sie sei ein Mensch, der versucht habe, immer die Patienten irgendwie aufzuheitern. Aber: "Jetzt, mit der Schutzmaske, kann ich nicht mehr lachen!"

Dagmar Heinlein, die auch die stellvertretende Leitung der BRK-Sozialstation innehat, spricht davon, dass sich zwischen Pflegern und Patienten im Laufe der Monate eine Vertrauensbasis bilde. Die ambulanten Pflegekräfte versorgen nicht nur Wunden und verabreichen Spritzen, sondern sie seien auch wichtige Gesprächspartner. "Für manche Patienten sind wir die einzige Abwechslung in ihrem Alltag!" Jetzt, durch Corona, durch die damit verbundenen Ängste, die sowohl die Pflegekräfte als auch die Patienten wegen einer möglichen Ansteckung haben, sei teilweise eine Barriere zu spüren.

Hinzu komme, dass Angehörige bei Besuchen aus Sicherheitsgründen entsprechende Vorsicht walten lassen. Dies habe zur Folge, dass die Patienten verstärkt eine soziale Isolation erfahren, was sich wiederum auf die Gesundheit auswirkt.

Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn liest Dagmar Heinlein die Zeitung. Ihr ist es ein Anliegen, ihren Patienten Nachrichten aus der Region auch außerhalb von Corona mitzuteilen. Diese Menschen sind in ihren Wohnungen und am ganzen Tag verfolgen sie im Fernsehen die Themen mit Corona. Insgesamt, so fasst sie zusammen: "Die Patienten sind sehr verunsichert und haben Angst vor einer Infektion - die Mitarbeiter sind verunsichert!"

Distanz fällt schwer

In diesem Zusammenhang räumt Dagmar Heinlein ein, dass sie kaum noch von ihrem Berufsalltag abschalten kann. Abgesehen davon, dass sie an ihre Patienten und deren Situation denkt, meidet sie auch soziale Kontakte. Selbst bei ihren Kindern und drei Enkelkindern, die im Haus beziehungsweise gleich nebenan wohnen, sind die Kontakte eingeschränkt. "Das fällt schwer!"

Ein komisches Gefühl

Und dann ist da noch dieses komische Gefühl in der Magengrube. "Was ist, wenn jemand in unseren Reihen positiv getestet wird? Welcher Dominoeffekt entsteht? Wie sollen die Patienten dann versorgt werden." Oder was passiert, wenn Schulen und Kindergärten wieder öffnen und wenn das normale Leben wieder Fahrt aufnimmt?

Erleichtert ist sie, dass mittlerweile zumindest genügend Schutzmasken in der BRK-Sozialstation vorhanden sind. Bei all den Ängsten und der Unsicherheit kommt manchmal aber auch der Humor nicht zu kurz? So wurde sie unlängst von einem Patienten begrüßt: "Na, hast du auch einen Maulkorb bekommen!"