Die Temperatur fällt gefühlt mit jedem Meter. Es ist ruhig, doch die Werkzeuge und Schläuche auf dem kalten Betonboden zeugen davon, dass hier rege gearbeitet wird. Das Ziel liegt 300 Meter tief im Stollen, verborgen unter Erde und 40 Meter tiefem Wasser. Alle paar Schritte weist kühles Lampenlicht den Weg, doch ein leicht beklemmendes Gefühl bleibt. Denn der Gang führt über die Versorgungsleitung der Ködeltalsperre, an der im Januar Wasser ausgetreten ist.

Unruhige Monate liegen hinter dem imposanten Bauwerk in Mauthaus - und einige schlaflose Nächte hinter den Verantwortlichen. Umso größer war am Mittwoch die Erleichterung, als sie vermelden konnten: Der Inliner-Test im undichten Versorgungsrohr war erfolgreich. Das Wasser im Ersatzsystem - ein Kunststoffschlauch im leckgeschlagenen Versorgungsrohr - läuft.

Schritt für Schritt zur Lösung

Wenn Wasser die Quelle des Lebens ist, dann ist die Ködeltalsperre die Lebensader des Frankenwalds. 25 Prozent der Trinkwassermenge, die im Amtsbezirk Kronach benötigt wird, kommt aus Mauthaus. Insgesamt beliefert die Ködeltalsperre 400.000 Haushalte. Alleine diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig sie für die Region ist.

Darum lässt es sich Bayerns Staatsminister Thorsten Glauber auch nicht nehmen, bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr den Verantwortlichen vor Ort Respekt zu zollen: den freiwilligen Helfern von Feuerwehren und THW, die, als der Alarm kam, sofort ausgerückt sind und wochenlang eine alternative Versorgung über Feuerwehrschläuche aufrecht erhalten haben, sowie dem Wasserwirtschaftsamt Kronach und der Fernwasserversorgung Oberfranken (FWO), die die Sanierung in den vergangenen Monaten gewissenhaft geplant und Schritt für Schritt vorangetrieben haben: "Inhalt geht vor Schnelligkeit - und hier wurden die Themen fachlich und sachlich aufgearbeitet."

Bei einem komplexen System wie dem in Mauthaus, wo Grundablass und Rohwasserleitung in einem Stollen verlaufen, müsse jeder Vorfall ernstgenommen werden. Darum hätte im Ministerium die Entscheidung, Geld für die Sanierung zur Verfügung zu stellen, auch nie zur Debatte gestanden. "Der Inliner ist nun eingezogen. Jetzt müssen wir uns dran machen, dieses für Oberfranken wichtige System für die Zukunft fit zu machen."

Über wie viele Hürden der Weg bis zu diesem Zwischenziel führte, erläutert der stellvertretende Leiter des Wasserwirtschaftsamts Matthias Schrepfermann. Weil der Inliner mit 50 Zentimetern einen erheblich geringeren Durchmesser als das Rohr selbst (140 Zentimeter) hat, musste das Verbindungsstück im Entnahmeturm durch ein maßgeschneidertes ausgetauscht werden. Ein Vakuumbrecher wurde eingebaut, der verhindern soll, dass das Konstrukt unter Druck auseinanderreißt. "Das Ganze ist statisch extrem anspruchsvoll." Dort, wo der Inliner den Stollen verlässt, mussten oberirdische Leitungen verlegt werden, die in 90-Grad-Winkeln bis in den Keller des Krafthauses führen. Jede Krümmung wurde mit Beton verstärkt. "Man kann sich das so vorstellen, dass da die Wucht eines ICEs dahintersteckt."

Damit waren in der vergangenen Woche die Voraussetzungen geschaffen. Doch die Nagelprobe stand noch bevor: Ganz langsam wurde erst der Entnahmeturm mit Wasser befüllt, dann der Inliner. Dann wurden die beiden Systeme miteinander verbunden und das Wasser schließlich bis zur Trinkwasseraufbereitungsanlage in Rieblich transportiert. "An allen neuralgischen Stellen standen Teams, die telefonisch miteinander verbunden waren", schildert Schrepfermann den entscheidenden Moment. "Dann floss das Wasser mit 200 km/h, das bedeutet 556 Liter pro Sekunde - und wir wussten: ,Leute, das System läuft!‘"

Die Erleichterung ist beim Leiter des Wasserwirtschaftsamts, Hans Hemmerlein, deutlich spürbar: "Wir wussten vorher nicht, was uns da gelingt, weil noch nie so etwas gemacht wurde." Auch FWO-Vorsitzender Heinz Köhler gibt zu, dass er, als der Alarm kam, ernsthafte Sorgen hatte, dass 400.000 Haushalte ohne Wasser dastehen. "Aber das haben wir gemeinsam gut hinbekommen."

Ursache für Risse bleibt unklar

Als Nächstes werden nun die Versorgungsrohre mittels Mikrobohrungen überprüft. Noch immer ist unklar, wie es zu den Rissen in den Rohren kommen konnte. "Es handelt sich um Radialrisse, die um das Rohr herum führen. Das deutet darauf hin, dass sie von einer geringfügigen Hebung oder Senkung des Systems verursacht wurden", vermutet Schrepfermann. Eine Bewegung von weniger als einem Millimeter habe wohl ausgereicht, um die Risse zu verursachen.

Die Mikrobohrungen werden voraussichtlich bis in den Oktober andauern. Je nachdem, wie groß die Schäden an den Betonrohren sind, werde dann nach einer passenden Lösung gesucht. Das Wasserwirtschaftsamt wünscht sich in jedem Fall dauerhaft eine Leitung, die unabhängig vom Stollen und somit leichter zu erreichen ist.

"Jetzt geht es darum, eine Lösung zu finden, auf die man in 30 Jahren noch aufbauen kann und die von bayerischer Qualität ist", kündigt der Minister an, der laut eigener Aussage keinen Moment daran gezweifelt hat, dass die Verantwortlichen vor Ort Antwort auf die vielen Fragen finden, "weil ich wusste, wie gut die sind."