Im Jahr 2021 gibt es doch eigentlich keinen Grund mehr, sich zu „outen“, oder? In vielen Gesprächen über öffentliche Coming-outs hört man diese Meinung. „Alle können doch sein, wie sie wollen – heute wird doch niemand mehr benachteiligt.“ Aber ist das wirklich so? Auch im inzwischen etwas fortgeschrittenen 21. Jahrhundert ist vieles zwar sichtbarer, aber eben noch lange nicht "normal". 

Wer meint, es sei doch egal, ob eine Person homo- oder bisexuell ist oder ob sie transgeschlechtlich ist, hat wohl selbst keine Erfahrungen damit machen müssen, wie es ist, „anders“ zu sein. Es wäre schön, wenn ein Coming-out nichts anderes wäre als ein normaler Gesprächsbeitrag, eine Information, die, wenn es passend ist, gegeben wird. Wer glaubt, dass wir an diesem Punkt sind, gibt sich Illusionen hin. Zum Beispiel der Illusion, dass es gleiche Rechte für alle gibt. Etwa beim Abstammungsrecht sind nicht alle Konstellationen gleichberechtigt - hier ist es alles andere als „egal“, wer wen liebt. Da hilft alles wohlfeile Fahnenschwenken im Juni nichts - die Politik hinkt hier deutlich hinterher. Für trans Personen ist die Anpassung von Namen und Personenstand weiterhin ein mühsamer und entwürdigender sowie teurer Kampf. Bei den LGBTQIA-Rechten ist alles andere als Gleichberechtigung erreicht. 

Der Kampf geht weiter

Also sollten sich gerade jene, die nicht von täglichen Ausgrenzungen und konkreten Ungerechtigkeiten betroffen sind, überlegen, ob die Gesellschaft wirklich ihrem Wunschbild entspricht, wenn sie genervt abwinken beim Thema Coming-out. Die Realität sieht anders aus. Ich kann eben nicht alles genau so machen - ich selbst überlege mir als queere Person durchaus genau, was ich wann tue und zu welchem Zeitpunkt ich wie offen auftrete. Ich muss mir auch überlegen, wie mich Menschen betrachten und was sie von mir halten, wenn sie wissen, dass ich trans bin. Sei ehrlich: Denkst du jetzt anders über mich? Eben. Klingt das nach Normalität?

Ja, wir erscheinen nervig, wenn wir auf dieses Thema hinweisen. Die allgemeine "Wir sind ja so fortschrittlich"-Gemütlichkeit wird gestört, wenn auch im Rahmen eines Coming-out unangenehmes thematisiert wird. Queere Menschen sind heute sichtbarer, aber wir sind noch lange nicht bei entspannter Normalität angekommen. Solange „schwul“ noch als Schimpfwort verwendet wird und Männer panische Angst haben, von anderen für homosexuell gehalten zu werden, solange trans Frauen als "Mann im Kleid" beleidigt werden, solange Menschen jenseits der binären Sichtweise von Geschlechtern unsichtbar gemacht werden und ihnen ihr Geschlecht abgesprochen wird, solange queere Menschen in Deutschland fast täglich Opfer von verbaler und körperlicher Gewalt werden - solange werden wir weiter laut sein und auch in der Öffentlichkeit mit "Coming-outs" für gleiche Rechte und ein freies Leben kämpfen.