Als Karl-Heinz Wolbert 1965 in Tiefenstockheim zum ersten Mal die Leitung einer Volksschule übernahm, unterrichtete er noch in einer Einklass-Schule. In einem Saal saßen Kinder von acht Klassen zusammen. Heute wäre das undenkbar. "Das hatte aber durchaus seine Vorteile", sagt der ehemalige Rektor, der 2003 pensioniert wurde. "Die älteren Mädchen haben mit den jüngeren Kindern das Lesen eingeübt. Die Familien habe ich alle gekannt, der Kontakt war enger", erinnert er sich.

1972 erlebte Karl-Heinz Wolbert die Schulreform, bei der die Einklass-Schulen aufgelöst wurden. In den siebziger Jahren waren Klassenstärken von über 30 Kindern keine Seltenheit. Die geburtenstarken Jahrgänge mussten durch ihre Grundschulzeit manövriert werden.

20 und ein halber Schüler


Dann wirkte sich die gesunkene Geburtenrate aus. Mittlerweile sitzen durchschnittlich 20,51 Schüler in einer Volksschul-Klasse. Und diese Zahl ist recht stabil.
Als die Regierung von Unterfranken am Donnerstag bei einem Informationsgespräch in Würzburg aktuelle Daten aus der Schullandschaft bekannt gab, zeigte sich, dass die unterfränkischen Schulen immer mehr schrumpfen. Bereits 46 Staatliche Grundschulen beziehungsweise Grundschulanteile an Volksschulen haben weniger als 80 Schüler. Sechs Grundschulen haben sogar weniger als vier Klassen.

Für den jungen Rektor Wolbert wäre das vor 40 Jahren kaum vorstellbar gewesen. Immer wieder holte er Schüler für eine Stillarbeit aus dem Saal und schickte sie mit Aufgaben in andere Räume, während die anderen Kinder im großen Raum unterrichtet wurden - immer im Wechsel. "Es war alles eine Frage der Organisation", sagt Wolbert. Nachdem die Verbandsschule Willanzheim gegründet war, verblieb in Tiefenstockheim nur noch eine Klasse. Von 1988 bis 2003 war Wolbert schließlich Rektor der Grundschule Marktbreit. "Während dieser Zeit wurde viel über die Klassenstärken diskutiert. Starke Klassen mussten geteilt werden", sagt Wolbert.

Zu wenige Kinder - das ist das Problem


Zu viele Kinder, die sich in einem Klassenzimmer drängen, sind heute nicht mehr das Problem der Schulverantwortlichen. Eine große organisatorische Herausforderung vor allem bei der Lehrerversorgung kleiner Schulen ist stattdessen der Rückgang der Schülerzahl. Mit etlichen Artikeln in Tageszeitungen wurde in den letzten Wochen auf die angeblich katastrophale Lehrerversorgung an den Volksschulen aufmerksam gemacht. Doch die sei gar nicht so schlecht, betonte Gustav Eirich, Leiter des Sachgebiets Schulen bei der Regierung von Unterfranken, gestern in Würzburg. Jede Klasse werde im neuen Schuljahr einen "gut ausgebildeten Klassenlehrer" haben. Insgesamt seien den unterfränkischen Schulen rund 100.500 Unterrichtsstunden zugewiesen - nicht viel weniger als im Vorjahr.

Eine bündige Antwort gab Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer bei dem Informationsgespräch auf die Frage nach den Schulstandorten: "Wir wollen unsere Grund- und Mittelschulen halten." Dies sei heuer auch gelungen. Selbst Zwergschulen würden nicht geschlossen. Dieser "Luxus", der viele Lehrerstunden bindet, müsse mitunter durch eine höhere Klassenstärke in den Städten bezahlt werden. Sonst sei mit der vorhandenen Lehrerkapazität nicht auszukommen. Wobei sich die Zahl der Klassengröße insgesamt sehr positiv entwickle: "In mehr als 85 Prozent der Klassen werden im kommenden Schuljahr höchstens 25 Schüler unterrichtet." Von den insgesamt 3128 Volksschulklassen seien nur 75 als "groß" zu bezeichnen.

Zahl der Schulanfänger leicht gestiegen


Während die Zahl der Grundschüler um knapp drei und die der Mittelschüler um vier Prozent zurückging, stieg die Zahl der Schulanfänger um exakt 14 ABC-Schützen leicht an. Insgesamt 10.134 Jungen und Mädchen werden am 13. September eingeschult.

Viele Eltern gehen mit großen Hoffnungen an diesen Tag. Sie wünschen sich für ihr Kind nur das Beste und schießen dabei manchmal übers Ziel hinaus. Solch überehrgeizige Eltern wie heute gab es damals, als Karl-Heinz Wolbert noch Schulleiter in Tiefenstockheim war, nicht. Klar, die Anforderungen seien gestiegen, aber früher seien die Familien gelassener gewesen. Wolbert: "Es musste nicht unbedingt jedes Kind aufs Gymnasium."