Angesprochen fühlten sich frisch gebackene Ruheständler und solche, die es bald werden möchten. Nach einer Fahrt durch die mainfränkische Landschaft, vorbei an den Weinbergen, in denen die Lese in vollem Gang war, traf man oben auf dem Schwanberg angekommen auf einige Interessierte, die zunächst die beeindruckende Aussicht genossen, um dann von der Referentin, Schwanbergspfarrerin Maria Reichel, herzlich begrüßt zu werden.

Sie hatte es geschafft, in einem Raum des alten Cafés mit wenigen Mitteln, einer Schale, einer Rose, einer Kerze und einer Muschel eine warme Atmosphäre zu schaffen. Geplant war kein eigentlicher Vortrag, sondern ein gemeinsames Sich-Nähern an das Thema Ruhestand.

Gerade in den vergangenen Jahren wurden Lebensläufe durch Covid-19 beeinflusst, oft gravierend verändert. Da war die Buchhändlerin, die nach über 40 Jahren Arbeit plötzlich nicht mehr in "ihre" Buchhandlung geht, der Landwirt, der schon an Ostern mit dem letzten Kälbchen die Viehhaltung eingestellt hat und nun sein Land nach und nach weggibt. Seine Frau, die nach jahrzehntelanger Mitarbeit in der Landwirtschaft, drei Kindern und Betreuung der Eltern nun die seltenen Momente des Zeit-Habens genießt. Die Lehrerin, die sich schon vor Beginn des Ruhestandes neue Aufgaben gesucht hat und nicht zuletzt Maria Reichel, die Referentin, seit März 2019 Schwanbergspfarrerin, auch schon zur Generation 60+ gehörend.

Es darf auch mal etwas nicht gelingen

Worte von Angelus Silesius, Theologe und Arzt im 17. Jahrhundert, standen am Beginn: "Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst Gott du anderswo, du fehlst ihn für und für". Der Ruhestand als Anfang eines neuen Lebensabschnitts biete nach Reichel die Möglichkeit, bisher zum Teil Unerprobtes zu erforschen, kann Gelassenheit, innere Freiheit bringen. Einfach nur Zeit zu haben, könne unglaublich erfüllend sein, wenn das Leben bisher fremdbestimmt verlaufen sei, beispielsweise durch frühes Aufstehen, durch die Zeiten, die von Mähdreschern aus dem Maschinenring vorgegeben sind oder den Stundenplan an der Schule. Zeit haben, sich Zeit nehmen, ja, Zeit zu verschwenden und die Sorge an Gott abgeben, das war Reichel ein wichtiges Anliegen.

Anhand eines Lebensfadens veranschaulichte sie die Stationen menschlichen Lebens. Darüber stand die Frage nach der Lebensaufgabe, die auch mit Ende der aktiven Berufszeit nicht erfüllt sein muss, jeder Mensch müsse herausfinden, was auch in dieser Phase seines Lebens seinen Weg darstellt. Man müsse sich nun nicht mehr durch Leistung definieren, es dürfe auch mal etwas nicht gelingen, und man könne vielleicht eben dadurch eine tiefere Ebene des Daseins erreichen.

Reichel trug immer wieder kleine Geschichten vor, Anstöße, durch kurze Meditationen zum Klang eines Gongs vertieft. Aus dem Matthäusevangelium stammt der Satz, der am Ende die Teilnehmer begleitete: "Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch." Wer wünscht sich das nicht, ein Leben frei von Angst und Sorge, dafür aber mit Neugier und einem Weg nach innen, zu sich selbst. Und beim Hinausgehen meinte eine Teilnehmerin: "Das hat echt gut getan" – schon ein kleiner Anfang.

Das geistliche Zentrum Schwanberg bietet zum Thema weitere Kurse an, und auch im Programm 60+ des Landkreises finden sich zahlreiche Angebote für den weiteren Lebensweg.