"Ein ganz komisches Gefühl war das heute am Frühstückstisch mit meiner Frau - eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag", sagt Klaus Hoffmann. Wenn da nicht die 18 Anrufe auf dem Handy gewesen wären, und das um Dreiviertelacht. Aus Spanien, Italien und dem Rest der Welt kamen die Gratulationen. Klaus Hoffmann kann es immer noch nicht richtig fassen, er ist Deutscher Bergrennmeister der Tourenwagen 2012 und er hat es den Etablierten gezeigt.
Tags zuvor, genau um diese Zeit, wartete der Buchbrunner als Führender der Bergmeisterschaft beim Abschlussrennen in Mickhausen (bei Augsburg) auf seinen Einsatz. Bis zu vier Wertungsrennen standen auf dem Programm, jedes mit 15 Punkten für den Sieger dotiert. Und gerade so viele Zähler lag der
49-Jährige (253 Punkte) vor Herbert Stolz (Österreich/238). Auch Norbert Brenner (Walldürrn/221,5) lauerte noch.
"Ich habe im Auto einen Riesenschrei losgelassen", erinnert er sich an den Moment, als er gegen
16 Uhr über die Ziellinie gefahren ist. Nicht im vierten Lauf, nicht im dritten, sondern im zweiten Durchgang. Finis. Nicht nochmals auf die Piste.

Meister vor dem zweiten Lauf


"Vor diesem Lauf ist der Rennkommissar auf mich zugekommen und hat mir mitgeteilt, dass danach Schluss sei." Ein kurzer Moment, dann habe Hoffmann realisiert, dass er schon da den Titel sicher hatte. Er hatte bereits den ersten Durchgang gewonnen. "Im gefährlichsten Rennen des Jahres." Auf glitschiger Strecke. Ehrfurchtsvoll spricht Hoffmann davon, dass sein oranger Opel Astra V8 DTM nie einen ruhigen Kontakt zum nassen Asphalt hatte.
Tags zuvor hatte er den Wetterbericht genau gelesen. Samstag trainierte er auf trockener Strecke so, als wäre die Fahrbahn patschnass: "Ich wollte nur die Schaltpunkte finden und nicht unbedingt der Schnellste sein."

Rechnung geht auf


Die Rechnung ging auf. Sonntag, um 10 Uhr, startete Hoffmann zum ersten Wertungsdurchgang - bei Regen, "der schlimmere Lauf von beiden." Vorher hatte sein Chefschrauber Reinhold Reich noch in die Trickkiste gegriffen und ein Regen-Aerodynamik-Paket montiert - soll heißen, einen noch längeren Heckflügel. Erst belächelt von Kontrahent Norbert Brenner.
"Ich machte das, um mich zu beruhigen", ließ Hoffmann verlauten, wohlwissend, dass er möglicherweise den entscheidenden Trumpf aus dem Ärmel gezaubert hatte. Den Grundstein für den Erfolg haben sein Team und er am Samstag gelegt. Allerdings habe er da die Allrad-Tourenwagen vor seinen zweirad-getriebenen Astra V8 DTM gesehen. Hoffmann sagt von sich, da sei er noch cool gewesen.
Das änderte sich am Abschlusstag der Serie - immerhin war Mickhausen bereits die neunte Station im Jahr 2012 - und Hoffmanns Höhepunkt in der Karriere, die damals in den Achtzigern beim Schwanbergrennen begonnen hatte.
Der Sonntag habe sich zäh hingezogen. Schon vor dem ersten Lauf musste er zwei Stunden auf den Start warten. Bis zum zweiten Durchgang wurde die Wartezeit noch länger. Schuld daran: das Wetter und der Asphalt, der schon im trockenen Zustand überhaupt nicht griffig war. Zahlreiche Unfälle auf regennasser Fahrbahn verzögerten das Rennen. Ständig Unterbrechungen. "Immer wieder musste ich mich mental hochpushen, die Konzentration auf den Punkt bringen." Endlich ging es los. "Ich wollte zeigen, dass ich anständig Auto fahren kann", sagt Hoffmann. Auf eine bestimmte Platzierung hinzuarbeiten (Rang drei oder vier) sei nicht machbar: "Angriff und bis an die Grenze des Spürbaren gehen", war seine Devise. Schließlich hat der 49-Jährige in den Rennen zuvor ein sehr gutes Gefühl für sein Fahrzeug entwickelt. Es klappte. Mit 1:06,126 Minuten distanzierte er Norbert Brenner (1:06,952) und Herbert Stolz (1:07,190) - Platz eins und 15 Punkte mehr auf dem Konto. Der Meistertitel greifbar.
Freunde und Fans wollten ihm schon auf die Schulter klopfen: "Noch kann ich an der nächsten Ecke hängen bleiben, dann ist es vorbei", sagte er sich. Die Entscheidung des Rennkommissars nach langen Stunden des Wartens, nur noch einen weiteren Lauf zuzulassen, kürte ihn vorzeitig zum Deutschen Bergrennmeister.
"Als mir das vor dem zweiten Durchgang bewusst wurde, sagte ich zu meinen Söhnen, jetzt kann ich ja so fahren wie ich will". Mach´ bloß keinen Blödsinn, versuchten sie mich zu bremsen: "Sekt oder Selters, denn jetzt wollte ich das Rennen gewinnen, aber nicht mit zu hohem Risiko. Die Meisterschaft war gewonnen, jetzt wollte ich noch den Pott." Nach 1:05,930 Minuten und Platz eins erfolgte Hoffmanns Urschrei - die Anspannung einer ganzen Saison entlud sich explosionsartig. Und machte Platz. Platz für Fans - darunter auch 20 Angestellte seiner Firma - die ihn drückten oder küssten. Platz für die Wertschätzung seiner Kontrahenten, die ihm gratulierten und ihm mit dem Prädikat versahen, dass er heuer zu Recht den Titel errungen habe. Platz für einen großen Dank an sein Team. Platz für Emotionen bei der Siegerehrung, den Pokal in den Händen - inmitten der Fans und Kollegen. "Diesen Gefühlsstoß möchte ich gerne jeden Rennfahrer schenken", will Hoffmann seine Freude weitergeben. Er, der nun vom Jäger zum Gejagten wird. Aber das ist eine andere Geschichte, erst muss er das Erlebte setzen lassen. Auch wenn der Buchbrunner ein geselliger Typ ist, in der Stille, vielleicht beim nächsten Frühstück mit seiner Frau.