Ein Fußballer betrauert eine Niederlage, ein Fotograf drückt ab, das Bild erscheint in der Zeitung. Damit könnte der Fall zu Ende sein. Aber damit fängt er erst an.
Der Vater eines Fußballspielers ruft in der Redaktion an. Er hat ein Bild seines Sohnes bei uns in der Zeitung entdeckt. Ein Bild, das nicht zu übersehen ist in seiner Größe (28 mal 14 Zentimeter), aber mehr noch in seiner Ausdruckskraft. Es zeigt einen Spieler in tiefer Trauer versunken und illustriert den Artikel über ein verlorenes Relegationsspiel.
Was nun den Vater betrifft: Er ärgert sich über die Bildauswahl, und nicht nur er, wie er atemlos am Telefon erzählt. Auch Bekannte hätten ihn auf das Foto angesprochen. „Taktlos“ sei das, garniert noch mit der angeblich hämischen Bildunterzeile: So sehen Verlierer aus. Ich frage mich: Was will der Mann?
Er kommt dann ziemlich schnell zur Sache. Ob ich mir bewusst sei, was so ein Foto anrichten könne bei seinem Sohn, aber auch bei dessen Kameraden, die immerhin noch ein Rückspiel zu absolvieren hätten. Noch während ich antworte, spricht der Mann weiter. Ein besorgter Vater schützt seinen Sohn, auch wenn der bereits erwachsen ist – ein normaler Reflex.
1#googleAds#100x100
Vielleicht würde ich genauso handeln. Jedenfalls verstehe ich den Mann – einerseits. Andererseits frage ich mich, ob er auch mich versteht, den Redakteur, der das Spiel gesehen hat und aus Dutzenden Fotos genau dieses eine ausgewählt hat. Weshalb gerade das?
Ich versuche dem Mann meine Motive zu erklären. Weil das eine Bild die Situation dieses Abends in meinen Augen am besten spiegelt. Ich habe das Spiel selbst erlebt: eine Mannschaft, die sich viel vorgenommen hatte und dann in 90 Minuten eine einzige Enttäuschung ist, keine einzige Torchance hat und die Partie deutlich verliert. Der trauernde Fußballer auf dem Foto, er gibt der Niederlage ein Gesicht, macht sie erst richtig greifbar. Man möchte den Jungen in den Arm nehmen, ihn trösten und sagen: Kopf hoch. Wird schon wieder. Dies war die Botschaft, die das Bild sendet und transportiert.
Es ist auf der Seite ein Blickfang, zweifellos. Man muss bloß in das Gesicht, in die Augen des Spielers schauen, und man weiß, wie dieser Abend für sein Team gelaufen ist. Eigentlich der Idealfall, natürlich auch ein Grenzfall, wie immer, wenn menschliche Regungen und Gefühle im Spiel sind.
Das Bild greift tief ins Bewusstsein des Fußballers und des Menschen ein. Darf man es deshalb nicht drucken? Ich meine: doch. Ich würde es wieder auswählen in dieser Situation.