Ein Foto und seine wuchtige Wirkung

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Thomas Obermeier

Ein Fußballer betrauert eine Niederlage, ein Fotograf drückt ab, das Bild erscheint in der Zeitung. Damit könnte der Fall zu Ende sein. Aber damit fängt er erst an.

Der Vater eines Fußballspielers ruft in der Redaktion an. Er hat ein Bild seines Sohnes bei uns in der Zeitung entdeckt. Ein Bild, das nicht zu übersehen ist in seiner Größe (28 mal 14 Zentimeter), aber mehr noch in seiner Ausdruckskraft. Es zeigt einen Spieler in tiefer Trauer versunken und illustriert den Artikel über ein verlorenes Relegationsspiel.

Was nun den Vater betrifft: Er ärgert sich über die Bildauswahl, und nicht nur er, wie er atemlos am Telefon erzählt. Auch Bekannte hätten ihn auf das Foto angesprochen. „Taktlos“ sei das, garniert noch mit der angeblich hämischen Bildunterzeile: So sehen Verlierer aus. Ich frage mich: Was will der Mann?

Er kommt dann ziemlich schnell zur Sache. Ob ich mir bewusst sei, was so ein Foto anrichten könne bei seinem Sohn, aber auch bei dessen Kameraden, die immerhin noch ein Rückspiel zu absolvieren hätten. Noch während ich antworte, spricht der Mann weiter. Ein besorgter Vater schützt seinen Sohn, auch wenn der bereits erwachsen ist – ein normaler Reflex.

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Vielleicht würde ich genauso handeln. Jedenfalls verstehe ich den Mann – einerseits. Andererseits frage ich mich, ob er auch mich versteht, den Redakteur, der das Spiel gesehen hat und aus Dutzenden Fotos genau dieses eine ausgewählt hat. Weshalb gerade das?

Ich versuche dem Mann meine Motive zu erklären. Weil das eine Bild die Situation dieses Abends in meinen Augen am besten spiegelt. Ich habe das Spiel selbst erlebt: eine Mannschaft, die sich viel vorgenommen hatte und dann in 90 Minuten eine einzige Enttäuschung ist, keine einzige Torchance hat und die Partie deutlich verliert. Der trauernde Fußballer auf dem Foto, er gibt der Niederlage ein Gesicht, macht sie erst richtig greifbar. Man möchte den Jungen in den Arm nehmen, ihn trösten und sagen: Kopf hoch. Wird schon wieder. Dies war die Botschaft, die das Bild sendet und transportiert.

Es ist auf der Seite ein Blickfang, zweifellos. Man muss bloß in das Gesicht, in die Augen des Spielers schauen, und man weiß, wie dieser Abend für sein Team gelaufen ist. Eigentlich der Idealfall, natürlich auch ein Grenzfall, wie immer, wenn menschliche Regungen und Gefühle im Spiel sind.

Das Bild greift tief ins Bewusstsein des Fußballers und des Menschen ein. Darf man es deshalb nicht drucken? Ich meine: doch. Ich würde es wieder auswählen in dieser Situation.

Der Mann versucht es mit einer letzten Volte. „Ich habe mit Ihrer Kollegin gesprochen. Sie sieht es wie ich.“ – „Das ist ihr gutes Recht“, entgegne ich ihm. „Aha?!“, sagt der Mann. Als dulde ein so heterogenes Gebilde wie eine Zeitungsredaktion keine zwei unterschiedlichen Standpunkte.

Der Sport lebt seit je von rauschhaften Siegen und krachenden Niederlagen, von berührenden Dramen und epischen Schauspielen. Er verzückt und verstört, entrückt und entführt und überhöht nicht selten seine Protagonisten – im Guten wie im Schlechten. Der Sport produziert Gefühle, denen sich keiner entziehen kann, birgt Emotionen, die in unserer Gesellschaft zum wahren Luxus geworden sind. Im Sport werden Helden geboren und gestürzt – und das schlägt sich auch in der Bildsprache nieder.

Das Foto des trauernden Fußballspielers, es ist der Versuch, einen Teil dieser Gefühle einzufangen und zu vermitteln. Eine Momentaufnahme, die in ihrer Schärfentiefe mehr aussagt, als das ein Bericht mit 1000 Worten könnte. Bilder wie diese erscheinen im Jahr dutzendfach in der Zeitung, sind emblematisch für das Schicksal einer ganzen Mannschaft, auch wenn mein Gesprächspartner das nicht glauben mag.

Ich sage: Sie sind tausend Mal wertvoller als jede Zweikampfszene, die in ihrer Beliebigkeit langweilig und austauschbar bleibt. Man braucht bloß die Köpfe zu wechseln, und sie könnte sich so auf jedem Fußballplatz des Erdballs zugetragen haben. Erst diese Nähe, der Blick in fröhliche oder traurige Gesichter erzählen Geschichten, die so einzigartig sind wie die Menschen selbst.