So weit die Füße tragen

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Daumen hoch: Waltraud Ludwig ist zehn Kilometer am Stück gelaufen.
Foto: Ludwig
Über'm Horizont geht's weiter: Unter der sengenden Sonne Mainfrankens hieß es im Training für Lauf 10! erst Recht, die Zähne zusammenzubeißen.
Foto: Gerhard Gassner, TGK
Wendepunkt: Schnell einen Becher Wasser geschnappt – und weiter geht's. Dank der Anfeuerung der TGK-Mitglieder läuft es sich auch nach dem Wendepunkt leichter.
Foto: Gerhard Gassner, TGK
Der geschmückte Wagen zeigt es an: Die Hälfte der Strecke ist geschafft.
 
Geschafft! Nach zehn Kilometern ist Claudia Raab am Ziel angelangt.
Foto: W. Ludwig

Aktion Lauf 10! Zehn Kilometer am Stück laufen: Nach zehn Wochen harten Trainings hat Waltraud Ludwig geschafft, was sie und ihre Mitstreiter vorher für unmöglich hielten. Jetzt versteht sie Bastian Schweinsteiger – und hat Helene Fischer im Ohr.

Ein bisschen komme ich mir vor wie Bastian Schweinsteiger. Zehn Wochen lang trainiert, den inneren Schweinehund überwunden, nicht aufgegeben. Immer das große Ziel vor Augen. Am Montag nach dem WM-Finale dann die Stunde der Wahrheit: Jetzt wird sich zeigen, ob sich mein Durchhaltevermögen gelohnt hat. Werde ich es schaffen?

Zehn Kilometer im Dauerlauf. Als ich zum ersten Mal vom „Lauf 10!“ höre, bin ich ehrlich beeindruckt. Mit Sport hatte ich die letzten Jahre wenig am Hut. Morgens ein bisschen walken, mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren und ab und an eine Familien-Radtour – zu mehr hat es nicht gereicht. Obwohl, ein bisschen mehr Bewegung täte schon gut. Und irgendwie klingt es ja auch ziemlich spannend: Innerhalb von zehn Wochen sollen „ganz normale“ Menschen so fit sein, dass sie zehn Kilometer laufen können, ohne gleich umzufallen und verzweifelt nach Luft zu japsen. Einen Versuch wäre es wert . . .

Also schnell ins Sportgeschäft, ordentliche Laufschuhe gekauft und ab in den Sickergrund. Als ich dort ankomme, hat sich bereits ein buntes Grüppchen eingefunden. Keiner wirkt so, als würde er jeden Tag den Schwanberg rauf und runter rennen. Die meisten sind weiblich, zwischen 30 und 50. Auch einige Damen um die 60 und mehrere Herren wagen die sportliche Herausforderung – letztere sind allerdings deutlich in der Minderheit. Barbara Kolb, Übungsleiterin bei der Turngemeinde Kitzingen, begrüßt uns mit einem aufmunternden Lächeln. „Schön, dass Ihr alle da seid!“, sagt sie. Die nächsten zehn Wochen wird sie uns gemeinsam mit ihrer Vereinskollegin Ute Würfel auf den Zehn-Kilometer-Lauf vorbereiten.

Drei Mal pro Woche wird nun jeden Abend gelaufen. Montags startet die Gruppe am Sickergrund, donnerstags am Etwashäuser Bleichwasen und samstags am Trimm-Dich-Pfad. Die Wegstrecke ist jedes Mal anders. Mal geht es am Main entlang Richtung Hohenfeld, ein anderes Mal nach Albertshofen. Mal geht's in Sickershausen den steilen Weinbergsweg hoch, ein anderes Mal wird auf dem Fahrradweg Richtung Fröhstockheim gejoggt. Oft laufen wir querfeldein durch Wald, Wiesen und Felder – und ich entdecke manchen reizvollen Weg, der mir bislang unbekannt war.

Die Bewegung an der frischen Luft macht nicht nur Spaß: Mit einem ausgeklügelten Bewegungsprogramm sorgen unsere Trainerinnen dafür, dass die Laufkondition immer besser wird. Wissenschaftler der TU München haben das Training speziell für Menschen entwickelt, die normalerweise keinen oder wenig Sport treiben. Also genau richtig für mich. Es beginnt harmlos: Zuerst ein paar Übungen zur Muskelstärkung. Dann wird abwechselnd drei Minuten gelaufen und eine Minute gejoggt. Zum Abschluss noch ein paar Muskelübungen. War gar nicht schwer – hat sogar richtig Spaß gemacht.

Auch in den folgenden Wochen besteht das Trainingsprogramm aus einer Mischung von Walken und Joggen. In kleinen Schritten werden die Jogging-Einheiten dabei immer mehr gesteigert. Schon nach vier Wochen spüre ich: Die Laufschritte werden lockerer, die Atmung ruhiger. Langsam finde ich meinen persönlichen Laufrhythmus. Und es erscheint mir plötzlich gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass man zehn Kilometer an einem Stück joggen kann.

„Bleibt locker, das schafft Ihr schon!“
Barbara Kolb, Übungsleiterin der TG Kitzingen

Nach zehn Wochen Training ist es so weit: Jetzt sind die zehn Kilometer dran. Die Bedingungen am Montagabend sind optimal. Leicht bewölkter Himmel, Temperaturen um die 25 Grad. Besser geht's nicht. Kurz vor dem Start bin ich schon ein bisschen aufgeregt. Auch bei den anderen ist ein Kribbeln zu spüren. Barbara, wie immer gut gelaunt und motivierend, spricht uns Mut zu. „Bleibt locker, das schafft Ihr schon!“ Aus dem Lautsprecher tönt Helene Fischers Stimme: „Atemlos…“ Ja so werden wir uns wahrscheinlich am Ende des Laufs fühlen.

Dann endlich der Startschuss. „Auf die Plätze, fertig, los!“ 35 Läuferinnen und Läufer, die zehn Wochen lang zusammen trainiert, geschwitzt, gekämpft haben, setzen sich in Bewegung. Auch viele Mitglieder des TGK-Laufteams laufen mit, um uns mental zu unterstützen. Sechs Gastläufer aus Güntersleben sind ebenfalls am Start. Ebenso wie wir haben sie das „Lauf 10!“-Programm absolviert. Mehr als 40 000 Menschen hat das Gemeinschaftsprojekt von TU München, Bayerischem Landessportverband und dem Bayerischen Fernsehen in den vergangenen sieben Jahren zum Laufen animiert.

Vom Sickergrundstadion geht es zunächst hinunter zum Main-Radweg Richtung Marktsteft. Ich laufe neben Ulla, die schon beim Training oft an meiner Seite war. Wie wir festgestellt haben, sind wir nicht nur der gleiche Jahrgang, sondern haben auch dasselbe Lauftempo – etwa in der Mitte des Feldes. Flankiert werden wir beim Abschlusslauf von Barbara. Während wir über Weinfest und Fußball-WM plaudern, vergehen die ersten sechs Kilometer wie im Flug.

Sechs Kilometer! Wenn ich da an früher denke. Schon nach ein bis zwei Kilometer ist mir die Puste ausgegangen. Kurz vor dem Wendepunkt kommen uns bereits die Ersten entgegen. Wir lachen, feuern uns gegenseitig an. „Super, Ihr seht gut aus!“ ruft Barbara den Mitläufern zu, die von einer Backe bis zur anderen strahlen. Wenige Minuten später haben auch wir die Hälfte der Etappe kurz vor Marktsteft erreicht, wo das TGK-Laufteam einen Getränke-Tisch nebst Deutschlandfahne aufgebaut hat. Schnell einen Becher geschnappt und zurück in die Gegenrichtung. Kitzingen, wir kommen!

Nach sieben Kilometern zeigt der Körper erste Anzeichen von Schlappheit. Die Beine werden schwerer. Die Wadenmuskeln spannen. Die Fußgelenke tun weh. Derweil erzählt Barbara von ihrer Alpenwanderung und einem kühlen Bier. Ja, eine kühle Dusche – das wäre jetzt genau das Richtige. Aber vorher gilt es noch 1000 Meter zu laufen. Also, Zähne zusammenbeißen und weiter.

Endlich taucht das Sickergrundstadion auf. Beim Einzug feuern uns Mitglieder des TGK-Laufteams kräftig an. Jetzt noch eine Ehrenrunde auf dem Lauffeld, dann ist es geschafft. „Da kommt Nummer 535!“ ruft Georg Will, der Stadionsprecher. Ich spüre, wie mir plötzlich Flügel wachsen. Meine Beine werden von Meter zu Meter schneller, das Ziel rückt immer näher. Dann endlich der Einzug durch die Zielgerade. Klatschen. Beifall. Ich strahle mit meinen Mitläufern um die Wette. Hurra, wir haben es geschafft: Wir sind tatsächlich zehn Kilometer gejoggt!

Genauso müssen sich Bastian Schweinsteiger und die DFB-Elf nach dem WM-Sieg gefühlt haben. Erschöpft, aber glücklich.