Wenn Silke S. ein bestimmtes Kribbeln im Bauch verspürt, dann weiß sie, dass gleich ein Krampfanfall ihren ganzen Körper in Besitz nimmt. Seit ihrem zweiten Lebensjahr leidet die 24-jährige Lebensmittelverkäuferin an Epilepsie und sie hat gelernt mit ihrer Krankheit umzugehen. Mit dem komischen Gefühl im Bauch zieht sie sich für kurze Zeit an einen sicheren Ort zurück. 30 Sekunden dauert der Anfall in der Regel. Danach ist Silke (Name geändert) wieder so fit und gesund wie vor dem Anfall.

Um Menschen wie Silke kümmert sich der Volkacher Kinder- und Jugendarzt Dr. Stephan Unkelbach. In Zusammenarbeit mit dem Landesverband Epilepsie in Bayern engagiert er sich in der Epilepsiebehandlung. Unkelbach war dafür verantwortlich, dass die 34. Fachkonferenz Epilepsie Bayern nicht in der nüchternen Atmosphäre einer Klinik, sondern im historischen Schelfenhaus in Volkach abgehalten wurde. Am Mittwoch traf man sich um bei Vorträgen von Prof. Dr. J. Klepper/Kinderklinik Aschaffenburg, Prof. Dr. J Romstöck/Neurochirurgie Schweinfurt und Dr. G. Winkler/Neurologie Schweinfurt die neuesten Erkenntnisse zu erfahren und Erfahrungen auszutauschen.

"Ich habe die Epilepsie, seit ich zwei Jahre alt bin", erzählt Silke S. bereitwillig.

Offenheit andern Menschen gegenüber sei ein wichtiger Faktor im Umgang mit Epilepsie, sagt sie. Anfänglich wurde sie in der Schule ein wenig gehänselt. "Das hat aber nicht lange gedauert. Dann sind die andern Kinder gekommen und haben mir geholfen." Glück hatte sie mit ihrem Lehrer, der selbst ein an Epilepsie erkranktes Kind hatte und viel Verständnis mitbrachte. "Mein Lehrer hat mich sehr gefördert und dazu beigetragen, dass ich mit zum Schwimmunterricht durfte." Auf diese Weise wurde Silkes Umfeld sensibilisiert. "Die andern haben alle Bescheid gewusst und dann auch entsprechend reagiert." Dass Kontaktpersonen von Epileptikern von der Erkrankung wissen, ist für Unkelbach ganz wichtig. Nur so können sie richtig reagieren.

Für den Kinder- und Jugendarzt steht das spontane Handeln der nächsten Personen bei einem Anfall an erster Stelle.

"Wichtig ist es, den Menschen mit einem Anfall aus der Gefahrenzone zu bringen."

Damit meint Unkelbach die stabile Seitenlage - runter von der Treppe oder weg von der Straße. Schließlich soll verhindert werden, dass sich der Patient selbst verletzt. "Die Krampfanfälle gehen häufig von alleine wieder vorbei", sagt der Spezialist. Weiß eine Begleitperson, dass der Erkrankte ein Notfall-Medikament mit sich führt, dann sollte er ihm dies geben.
Silke ist nahezu medikamentenresistent. Sie führt die Notfall-Tabletten mit sich, benötigt sie jedoch aufgrund der kurzen Anfallsdauer nur selten. Im Notfall Hilfe zu holen sei natürlich angebracht, klärt Unkelbach weiter auf. Sanka und Notarzt seien nur selten notwendig.
Dass Silke S. ein Leben wie jeder Andere führen kann, liegt an Menschen, die ihr trotz Krankheit eine Chance gegeben haben. Deshalb ist sie dankbar dafür, dass sie eine Ausbildung machen durfte und in dem Unternehmen später eine Anstellung bekam. "Auf der Arbeit zeigt man viel Verständnis für mein gesundheitliches Problem. Meine Arbeitskollegen wissen Bescheid", schildert sie. Autofahren darf sie nicht. Mobil ist sie durch öffentliche Verkehrsmittel, durch Freunde und die Mama.

"Man steht schon ständig irgendwie unter Strom", erinnert sich ihre Mutter an Silkes Kindheit.

Auf ihren älteren Bruder habe sie sich dabei immer verlassen können. Vehement habe sie sich dagegen gewehrt, dass ihr Kind in der Gesellschaft in die Kategorie "behindert" eingestuft werden sollte. Psychologen wollten Silke in eine Förderungsschule schicken. Der Kampf der Mutter für ihre Tochter war erfolgreich, denn Silke konnte wie jedes andere Kind aufwachsen. Gute Abschlusszeugnisse ihrer Schulzeit und der Ausbildung würden dies unterstreichen.
Mentale Unterstützung bekam Silke stets von Dr. Unkelbach, der in seiner Praxis seit 19 Jahren jährlich etwa 250 Kinder und Jugendliche mit Epilepsien behandelt. "Silke ist das beste Beispiel dafür, Ressentiments in der Arbeitswelt gegenüber Epilepsie-Patienten abzubauen." Detaillierte Hilfe erhalte man bei der Epilepsieberatungsstelle Unterfranken in Würzburg, beim "Netzwerk Epilepsie und Arbeit" sowie bei der Selbsthilfegruppe für Anfallskranke. Aus ärztlicher Sicht sind laut Unkelbach bei Epilepsien mit organischer Ursache am Gehirn chirurgische Eingriffe möglich - mit guten Erfolgsaussichten. Weitere Behandlungsmethoden sind die ketogene Diät als Alternative zu medikamentösen Behandlung sowie die Vagus-Nerv-Stimulation mittels Elektrode - Themen, denen sich Unkelbach bei der Fachkonferenz in Volkach in seinem Referat widmete.

Viermal im Jahr muss sich Silke S. beim Arzt durchchecken lassen.

"Blutentnahme, EKG, EEG. Man gewöhnt sich dran", erzählt Silke mit einem Lächeln im Gesicht. Fehlstunden auf der Arbeit hat sie deswegen nicht. "Die Arztbesuche lege ich in meine Freizeit." Wenn dann noch Zeit bleibt, liest sie gerne Bücher und fährt mit dem Fahrrad. Am Wochenende geht es ab und zu mit Freunden in die Disco. "Ich bin da nie allein und meine Freunde wissen, dass ich mal einen Anfall bekommen kann." Silke S. hat ihr Leben selbst in die Hand genommen und mit ein wenig Verständnis ihrer Mitmenschen kann sie ein völlig normales Leben führen. selbst in die Hand genommen und mit ein wenig Verständnis ihrer Mitmenschen kann sie ein völlig normales Leben führen.